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People | 10.05.2019

Rendezvous mit Liszt

Zwei international erfolgreiche Pianistinnen gastieren demnächst in Raiding. In der Liebe zu Liszt vereint, aber nicht immer einer Meinung: Saskia Giorgini und Anna Volovitch im Interview.

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"Ich liebe Konzerte – dieses Mysterium, wenn du spielst, dich mit dem Publikum verbindest und die Energie spürst." Pianistin Saskia Giorgini © Vanessa Hartmann

Auf Zehenspitzen ist sie vermutlich gestanden, als sie das Klavier im Haus ihrer Eltern zu erforschen versuchte. „Ich war erst zwei oder drei, ich erreichte die Tasten kaum“, deutet Anna Volovitch lachend auf einen der majestätischen Flügel. Das neugierige Mädchen von damals ist heute weltweit erfolgreiche Pianistin. Sie folgt nun der Einladung des Duo Kutrowatz ins Burgenland: Beim Zyklus „The Next Generation“ legt das Intendanten-Brüderpaar den Fokus auf Pianistinnen; Größen aus zehn Nationen gastieren heuer beim Liszt Festival Raiding. Zwei bemerkenswerte Künstlerinnen, Anna Volovitch aus Russland und Saskia Giorgini aus Italien, treffen wir zum Interview – im Bösendorfer Stadtsalon in Wien.

BURGENLÄNDERIN: Wie wurde Ihre Liebe zur Musik entfacht?

Saskia Giorgini: Meine Mama hat irgendwo gelesen, dass Mozart für Kinder gut ist. Also hat sie mit ihrem Babybauch Mozart-Kassetten gehört. Ich hatte gar keine Wahl, etwas anderes zu machen; das war unbewusste Beeinflussung! (lacht)

Sie waren erst vier Jahre alt, als Sie zu spielen begannen …

Man unterschätzt Kinder. Zum Klavierspielen brauchst du zunächst nur Hände und musst nur bis drei zählen können. Ich wurde mit der Suzuki-Methode unterrichtet. Da ist alles sehr spontan und natürlich, ohne Theorie. Du singst und springst, spielst Rhythmen mit allem, was du hast. Ich habe Musik von Beginn an sehr geliebt.

… und es ließ Sie nicht mehr los?

Mein Traum war die Medizin, aber ich wollte beides. Schließlich blieb ich bei der Musik. Sie macht so viele Türen auf: zu unbewussten und unterschiedlichen Wahrnehmungen der Welt und der Wirklichkeit. Ich liebe Konzerte – dieses Mysterium, wenn du spielst, dich mit dem Publikum verbindest und die Energie spürst. Musik ist für mich auch eine Art Meditation. Wenn ich mal keine Gelegenheit habe, zu spielen, werde ich nervös (lacht). Musik ist so wichtig für den Menschen; da passiert so viel Inspiration!

Anna, wie wurden Sie Pianistin?

Anna Volovitch: Meine ganze Familie liebt Musik, angefangen von meinem Großvater, dem Opernsänger. Mich faszinierte schon sehr klein dieses seltsame Ding in unserem Haus, das Klavier. Meine Eltern haben das gesehen – und mich mit sechs Jahren in einer Schule mit Schwerpunkt Musik angemeldet.

Wann wurde es bewusst Ihr Weg?

Ich liebte die Musik, ich wollte nie etwas anderes machen. Aber erst mit 15 oder 16 habe ich realisiert: Ja, das ist es, das will ich machen – ich will Musikerin werden. Ich hätte mit zehn die Schule wechseln können, dann mit 14. Ich blieb und nun bin ich hier. Ohne Beschwerden, ohne Reue (lacht).

Wollten Sie jemals, vielleicht in wilden Teenie-Zeiten, aufhören?

Giorgini: Nein, aber als Jugendliche dachte ich noch, ich spiele für mich (lacht). Heute reflektiere ich stark darüber, welche Art von Konzerten ich machen möchte, weil mir die Begegnung mit den Menschen so wichtig ist.

Volovitch: Ich habe mich schon manchmal gefragt, was wäre, wenn ich aufhöre. Die Schule war wirklich sehr intensiv. Aber wenn ich dann ein, zwei Tage nicht gespielt habe, habe ich es schon kaum ausgehalten. Das ist bis heute so: Wenn ich nicht spiele, spüre ich das physisch, dann fühle ich mich nicht wohl. Es ist verrückt! (lacht).

Sie kommen nach Raiding – sozusagen nach Hause zu Liszt. Was verbinden Sie mit ihm?

Giorgini: Meine erste Begegnung mit ihm war mit einem sehr virtuosen Stück: seinem „Mephisto Walzer“. Das war wow! Ich wollte sofort alles von ihm spielen. Mich faszinierte sein Leben, sein Charakter – seine Musik! Du findest bei ihm leichte, unterhaltende Stücke genauso wie unglaublich tiefe, dunkle Werke. Er bringt dich in den Himmel, aber auch in die feurige Hölle. Er ist leider noch immer viel zu unterschätzt; es ist unsere Verantwortung als Musikerinnen und Musiker, das zu ändern.

Impressionen
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Anna Volovitch
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Saskia Giorgini

Anna, wie war Ihr erstes Rendez-vous mit Liszt?

Volovitch: Ich werde in Raiding tatsächlich das Stück spielen, das ich das erste Mal von ihm gespielt habe: die „Ungarische Rhapsodie Nr. 11“. Ich war damals elf, mein Lehrer fand, ich sei bereit, aber ich war eingeschüchtert von so vielen Noten! Heute ist es das coolste Stück überhaupt. Was ich an Liszt liebe, ist diese Art von Improvisation. Wenn ich die Rhapsodie spiele, fühlt es sich an, als würde in dem Moment etwas Neues geboren werden.

Saskia, was werden Sie in Raiding spielen?

Giorgini: Mein Programm ist von Italien inspiriert. Beispielsweise „Venezia e Napoli“ – drei Stücke, wovon eines seinen Ursprung in einem ganz alten, traditionellen napoletanischen Lied hat, in dem es natürlich um die Liebe geht. Ich habe vor wenigen Jahren das Original entdeckt und dachte mir: Wow, das muss Liszt in Neapel gehört haben. Ich spiele auch Opernparaphrasen aus Aida von Verdi und Lucia di Lammermoor von Donizetti; Liszt hat so fantastisch transkribiert!

Sie treten in Raiding im Rahmen eines Pianistinnen-­Zyklusses auf. Wie erleben Sie ihre Laufbahn im Vergleich zu männlichen Kollegen?

Giorgini: Da gibt es schon ein Voruteil in Bezug auf Liszt: Manche meinen, er sei zu schwer für Frauen.

Volovitch: Das habe ich noch nie gehört.

Giorgini: Oh, dafür habe ich schon einmal als Kompliment bekommen: „Ich mag es, wenn Sie Liszt spielen, weil Sie wie ein Mann spielen.“ Ich hatte auch einen Lehrer, der meinte, er unterrichtet Frauen ungern, weil sie Babys kriegen und dann aufhören. Und ein anderes Mal hieß es, ich sollte etwas nicht spielen, weil meine Hände so dünn sind …

Volovitch: Ich sehe keinen Unterschied, Musik ist für Frauen und Männer. Vielleicht kann eine Musikerin aus einem Stück sogar etwas herausbringen, das zuvor niemandem aufgefallen war. Wir wurden in der Schule gleich gelehrt, sollten aber unsere weibliche Seite auch nicht betonen und bei Konzerten damals alle schwarz tragen. Vielleicht habe ich deswegen keine negativen Erfahrungen gemacht.

Giorgini: Natürlich hängt es davon ab, wo du bist und mit welchen Leuten du zu tun hast. Ich komme aus Italien, manchmal war es schwierig mit Konzertmanagern. Typisch für Menschen sind Schubladen. Wenn ich Kammermusik spielte, hieß es oft auch, ich darf das nicht, sonst werde ich nicht mehr zu Solokonzerten geladen. Ich will in keine ­Kategorie. Was ich mir wünsche: einfach Pianistin sein. Keine weibliche Pianistin, sondern einfach Pianistin.

Welche Zukunftsvisionen haben Sie?

Volovitch: Die Zukunft ist schwer vorauszusagen, weil oft Dinge dann aufpoppen, wenn du es nicht erwartest. Musik ist aber definitiv meine Zukunft.

Giorgini: Ich mache nicht gerne Pläne. Man weiß ja nie, wie viel Zeit man hat. Das macht es auf der einen Seite so unwichtig, auf der anderen Seite so superwichtig, was du machst. Die Musik habe ich immer im Kopf und in den Händen – ich möchte gerne etwas für andere Menschen tun, einen Weg finden, um ihren Geist zu öffnen; da ist momentan so viel Wut unter den Leuten. Ich gehe nicht in die Politik, auch ein Festival plane ich nicht, aber vielleicht einmal einen Ort, wo ich Musik machen und wo man sich auch austauschen kann.

Haben Sie eine Leidenschaft abseits der Musik?

Giorgini: Meine Passionen kommen und gehen. Zuletzt war es der Filmemacher Andrei Tarkovsky, jetzt ist es der Komponist George Enescu – somit bin ich also gerade besessen von Rumänien (lacht). Medizin und Biologie liebe ich immer.

Volovitch: Ich liebe Blumen! Ich züchte Orchideen. Das Amüsante ist: Früher starben bei mir alle Pflanzen und jetzt bekommen meine Pflanzen sogar Babys (lacht).

Kurzbiografien

Saskia Giorgini

Saskia Giorgini wuchs in Italien auf und studierte am Mozarteum in Salzburg; 2016 gelang ihr dort ein doppelter Triumph: Sie gewann den Internationalen Mozartwettbewerb und den Sonderpreis für die beste moderne Interpretation. Sie war ebenso Finalistin beim Busoni-Wettbewerb. Konzert­reisen führten die heute in Wien lebende Pianistin durch viele Länder Europas sowie auch nach Vancouver, Seoul und Tokio.

Anna Volovitch

Anna Volovitch, in Russland geboren, besuchte die Kasaner Musikschule für besonders begabte Kinder und graduierte später am Kazan State Conservatory. Sie studierte in Kalifornien, Boston – und schließlich in Wien, wo sie seit sechs Jahren lebt. Die vielfach bei nationalen und internationalen Wettbewerben preisgekrönte Solistin und Kammermusikerin ist in Europa, den USA und Asien tätig.

 

Vor dem Liszt-Festival-Raiding-Debüt. Die Pianistinnen Saskia Giorgini (sitzend) und Anna Volovitch mit dem Intendanten-Duo Eduard und Johannes Kutrowatz

 

The Next Generation

Pianistinnen-Zyklus – die nächsten Termine

• Claire Hunagci, USA: Fr., 14. Juni 2019, 19.30 Uhr

• Anna Volovitch, Russland: So., 23. Juni 2019, 11 Uhr

• Saskia Giorgini, Italien: Sa., 19. Oktober 2019, 11 Uhr

• Aleksandra Mikulska, Polen: So., 13. Oktober 2019, 11 Uhr


Liszt Festival Raiding 2019

14. bis 23. Juni 2019

11. bis 20. Oktober 2019


Tickets & Infos

Kartenbüro Liszt Festival Raiding, Lisztstraße 46, 7321 Raiding • www.lisztfestival.at