Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 15.05.2019

Tanzen wie Atmen

Spitzenschuhe und klassische Bühnen waren ihr zu eng. Sie tanzt mit Profis, minderjährigen Asylwerbern und Menschen aus dem Land. Nun gründet Liz King in Eisenstadt ein Choreografisches Zentrum.

Bild 1905_B_ME_04_LizKing_c_NickyWebb(7of8).jpg
Let’s dance. Liz King mit Enkelsohn Oscar © Nicky Webb

Sie tanzt selbst beim Reden

Ihre Arme unterstreichen das Gesagte, manchmal ihr ganzer Körper. Es passiert ganz natürlich, so wie man auch nicht darüber nachdenkt, wenn man einen Schluck Wasser trinkt. 71 Jahre alt ist Liz King. Die funkelnden Augen und Bewegungen sind die der selben jungen Frau, die sie auf den Schwarzweiß-Fotos zeigt. Liz King, eine international anerkannte Pionierin des zeitgenössischen Tanzes, kommt nach Eisenstadt. Nicht etwa zu Besuch, auch nicht allein für das internationale Festival „Tanztage“ (siehe Info auf Seite 18). Sie und ihre Dance Identity, auch bekannt als D.ID, kommen, um zu bleiben. Die Landeshauptstadt wird um ein Choreografisches Zentrum bereichert. „Für die Chance und die Unterstützung bin ich Landeshauptmann Doskozil sehr dankbar“, betont sie, die selbst lieber tanzend Politik macht. Und zwar im eigentlichen Wortsinn. Dann nämlich, wenn sie zum Beispiel im Südburgenland mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen über das Parkett wirbelt. Wie aber kam Liz King selbst, eine gebürtige Engländerin, nach Österreich? „Das passierte irrtümlich“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Dass sie blieb, aber freilich nicht.


Die Ballerina

Liz King wurde in Salisbury geboren – in einem Umfeld, das sie von Kindesbeinen an inspirierte. Ihre Mutter war Schauspielerin, „Shakespeare-Dramen habe ich schon mit sechs Jahren gesehen. Das war kein Schock, ich habe das geliebt“, betont sie. Kreative wie etwa der Literatur-Nobelpreisträger William Golding („König der Fliegen“) gehörten zum Freundeskreis der Familie. Mit elf Jahren bekommt sie professionellen Ballettunterricht in London, mit 16 ein Stipendium an der Royal Ballet School. „Ich wusste früh, dass Tanz und Theater meins waren“, sagt sie. Nach der Ausbildung tanzt sie am Stuttgarter Ballett, während einer Israel-Tournee passiert etwas Großes: „Ich spürte eine Kraft in mir, wollte mehr körperlichen Ausdruck, mehr ,Erdiges‘ – und warf meine Spitzenschuhe in den Fluss.“ Man könnte es charmant als Missverständnis bezeichnen, dass sie sich wenig später in Fischernetzstrumpfhosen in einer Revue in Wien wiederfand. „Aber es war eine gute Schule“, schmunzelt sie. Und vermutlich kein Zufall, dass sie im Café Hawelka dem Dramaturgen Manfred Biskup, ihrem Lebensmenschen, vorgestellt wurde. „Es hat sofort Boom gemacht! Mit ihm wurde mein Blick weiter, meine Welt größer – unsere Liebe war like mirroring (Spiegeln, Anm.).“

Bild 1905_B_ME_01_2.jpg
Dreamteam. Liz King mit ihrem Ehemann Manfred Biskup (er starb 2010).
Bild 1905_B_ME_02_6.jpg
Schöne Visionärin. Liz King in den 1970ern
Bild 1905_B_ME_LizKing_Stücke02_RECH-6.jpg
Migrant Bodies. Einheimische und minderjährige Flüchtlinge tanzen gemeinsam.
Bild 1905_B_ME_LizKing_sw4.jpg
Spitzenschuhe ade. Die große Liebe fand sie im zeitgenössischen Tanz.

Die Rebellin

1978 bekommt das Paar einen Sohn, Max Biskup, der seine Kreativität später in Filme, beeindruckende (Tanz-)Fotos und letztlich auch in das Management des Choreografischen Zentrums „Dance Identity“ stecken sollte.
„Das Gewicht meines Sohnes damals in meinem Bauch brachte mir endlich die Erdung, nach der ich mich so gesehnt hatte“, erinnert sich Liz King. Ihre Schwangerschaft wird endgültig zum Türöffner für den zeitgenössischen Tanz. Anfang der 1980er gründet sie mit Manfred Biskup und dem befreundeten Paar Esther Linley und Harmen Tromp die erste eigene Company, das „TanztheaterWien“. Liz Kings Choreografien sind neu und mutig, doch die eigentlich klassisches Ballett gewohnte Stadt hatte auf sie gewartet. Schon die ersten Produktionen „The Garden Party“ oder „Thé dansant“ werden zum Erfolg. Auf der Bühne bringt sie Musiker, Tänzer und Schauspieler zusammen. Sie erzählt Geschichten „auf Ballettbasis, aber nicht balletös. Ich hinterließ Bilder in den Köpfen der Menschen.“ Alt-Bürgermeister Helmut Zilk engagiert sie für die Sommerspiele; sie bespielt die Rathausarkaden mit Tänzerinnen und Tänzern. Die Produktion „Wien, Wien, du bist allein“ kommt so gut an, dass sie mehrmals im Pariser Centre Pompidou aufgeführt wird. Nach europäischen Gastspielen folgt sie einer Einladung nach Heidelberg und baut dort ebenfalls eine Company auf. Jahre später kehrt sie nach Wien zurück und Dominique Mentha bittet sie, mit zeitgenössischem Ballett frischen Wind an die Volksoper zu bringen. Liz King gelingt dort eine Revolution: Allein ihr „Schwanensee remixed“ sehen rund 50.000 Menschen.


Die Missionarin

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und Neid. Die negativen Vibes will sie sich nicht geben, da packt die Familie lieber Kind und Kegel und zieht in Manfred Biskups südburgenländische Heimat. Vom Füße-Stillhalten keine Rede. Schon bald eröffnen sie das D.ID-Studio in Pinkafeld – und scharen auch dort renommierte Tänzer und junge Talente um sich. Ihr Blick für Rohdiamanten trügt sie nicht: Als eines ihrer ersten Projekte im Landessüden fördert sie die „Burgenland Break Boyz“ im Offenen Haus Oberwart, in der Roma-Burschen mit Kids aus der Region tanzen. „Einfach fantastisch“, schwärmt sie. Liz King kitzelt tanzend auch bei Schulkindern und selbst bei psychisch Erkrankten die schönsten Seiten heraus. Ihr EU-gefördertes Baby trägt den Namen „Migrant Bodies“; Kreative aus vier europäischen Choreografiezentren erarbeiteten Wege zur Inklusion von geflüchteten Menschen. Der burgenländische Beitrag: Einheimische jeden Alters, die alias „Body Focus Group“ zu Liz Kings Stammgästen gehören, tanzen mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus Rechnitz (siehe Info). „Tanz ist Wahrnehmung, Berührung, Teilen. Ob du reich bist oder arm, woher du kommst, spielt keine Rolle“, betont Liz King. „Jeder Körper ist intelligent, der Tanz lügt nicht und bringt jede Persönlichkeit zum Strahlen.“ Das neue Choreografische Zentrum im Eisenstädter Kulturzentrum soll eine offene, pulsierende Institution sein, die die Begegnung zwischen Profis und Bevölkerung möglich macht. Liz’ Credo: „Tanzen ist ein Menschenrecht.“

 

 

Tanztage im Kulturzentrum Eisenstadt

 

31. Mai 2019 In die surreale Welt des Autors Julio Cortazar lädt das Low Air Urban Dance Theatre, Anne-Marie Van zeigt „Cellule“, inspiriert vom politisch motivierten Tanzstil Krump. Durch das gesamte Haus führen „The Rechnitz Crew & The Body Focus Group“ bei „Migrant Bodies“ – inklusive Workshop und Diskussion im Anschluss.


1. Juni 2019 Katharina Senk sucht nach menschlichen Qualitäten in einer post-humanistischen Zukunft, Eva-Maria Schaller taucht mit „What We Hold Inside“ tief unter die Haut, um Gefühle und Lebensgeschichten zu erforschen. „Blatný“ basiert auf der literarischen Arbeit des gleichnamigen Poeten, der von der Tschechoslowakei als Verräter eingestuft ab 1984 im Exil leben musste. Außerdem: „Drift“ von Mario Barrantes Espinoza & Thomas Birzan sowie „Models of Reality“ von Liquid Loft.

 

Tickets & Info

wwww.oeticket.com 

Tel.: 0900/949 60 96

www.dance-identity.com