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People | 02.07.2019

In einer anderen Welt

Im fantastischen Reich eines Großen, den erst mit 90 ein Unfall zum Stillstand zwang: Mehrere Galerien, ein Freilicht- und ein Eiermuseum ließ Wander Bertoni um seine Gritsch-Mühle entstehen.

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© Vanessa Hartmann

Mit 90 ist er noch auf dem Traktor gesessen und hat den Rasen gemäht. „Nicht zu kurz, darauf haben wir wegen der Ziesel geschaut“, sagt Waltraud Bertoni, während sie gespannt beim Fenster hinausspäht. „Der Wiedehopf – ist er nicht fantastisch?“, fragt sie begeistert, als sie die selten gewordene Vogelart mit der spektakulären „Frisur“ entdeckt. Auf dem Traktor sitzt ihr Ehemann, der große Professor Wander Bertoni, nicht mehr. Seine letzte Skizze für eine spektakuläre Säule, eine aus Indonesien mitgebrachte Vision, hängt genau so, wie er sie vor gut drei Jahren anfertigte, an einer Wand. Ein Unfall – es war ein unglücklicher Sturz – zwang den Bildhauer, seine kreativen Werkzeuge beiseite zu legen. Bertonis Fantasie schien bis zuletzt unerschöpflich; Hunderte von Werken, zig davon in seinem eigenen Reich in und um die Gritsch-Mühle in Winden am See, erzählen von vielen Jahrzehnten unermüdlich leidenschaftlichen Schaffens. Künstler mit Weltruhm. Allein bei der Biennale von Venedig vertrat Wander Bertoni Österreich vier Mal, hinzu kommen Teilnahmen bei Biennalen in São Paulo und Middelheim (Antwerpen) und eine Vielzahl an Auszeichnungen. Bedeutende Arbeiten im öffentlichen Raum stehen auf dem Flughafen in Schwechat, vor der Stadthalle Wien und auf dem Europaplatz vor dem Landhaus in Eisenstadt. Sein Œuvre würdigten erst kürzlich zwei Galerien in Wien mit Ausstellungen mit insgesamt rund 40 Werken. Direktor Klaus Albrecht Schröder brachte sein „Das Rhythmische B“ vergangenen Mai in die Sammlung der Albertina – und sagte über Bertoni: „Er ist einer der großen österreichischen Bildhauer, der schon in den frühen 1950ern den Schritt vom Figürlichen zur Abstraktion und später zum Symbolischen schaffte.“

Die interessantesten Jahre

Zum Sprachrohr für ihn und seine Arbeiten wurde seit dem Unfall seine Frau Waltraud Bertoni – Kennerin und stets Bewunderin seines Schaffens. Auch bei unserem Besuch unterbricht sie charmant für einen Augenblick das Interview, um interessierten Gästen etwa den „klerikalen Raum“ mit entsprechenden Werken zu zeigen oder über das Entstehen seiner teilweise monumentalen Plastiken zu erzählen. 1992 hatte sie, eine Augenärztin und passionierte Kunstsammlerin, Wander Bertoni kennengelernt. „Von da an erlebte ich die interessantesten Jahrzehnte meines Lebens“, sagt sie. Ihr Mann wurde in Codisotto, Italien, in eine antifaschistische und kreative Familie geboren. Als der gelernte Eisendreher mit seiner pazifistischen Einstellung seiner Heimat „ungemütlich“ wurde, wurde er als Zwangsarbeiter nach Wien verschleppt. Doch bald fand er dort Anschluss zur Kunstszene; bereits 1946 studierte er bei Fritz Wotruba an der Akademie der bildenden Künste. 1951 folgt die erste Einzelausstellung, wenig später entdeckt er die Gritsch-Mühle in Winden am See. Sie wird sein Zuhause und sein Atelier, vieles renoviert der Künstler selbst. „Der Stadl war eigentlich der Hauptgrund, dass er sich zum Kauf entschloss“, beschreibt Waltraud Bertoni. „Entscheidend war die Raumhöhe, um an großen Skulpturen arbeiten zu können.“

 

"Mit der Begabung muss man geboren sein. Wander Bertoni gingen nie die Ideen aus." Waltraud Bertoni

 

Ideenvielfalt

Mittlerweile füllt das Bestaunen seiner Großplastiken auf dem Areal einen ausgedehnten Spaziergang; kleinere Arbeiten finden in der Galerie oder im von Architekt Johannes Spalt geplanten Ausstellungspavillon ein Zuhause. Dort entdeckt man auch selten Gezeigtes von Wander Bertoni: etwa düster aufwühlende Skulpturen „aus jener Zeit, als er in jungen Jahren seine Lebensgefährtin bei einem Unfall verlor“, sagt Waltraud Bertoni. Seine Vielseitigkeit, seine Ideenvielfalt ist verblüffend. „Sobald er eine Idee umgesetzt hatte, begann er mit der neuen“, weiß seine Frau. „Mit einer solchen Begabung muss man geboren werden.“ Ein Quell seiner Inspiration waren viele Kulturreisen. „Was haben wir da für Abenteuer erlebt!“, lacht die elegante Dame, die selbst Übernachtungen in einfachsten Zelten auf sich nahm, um die Welt zu erkunden. Syrien, Jemen, China, Mexiko, Indien – die Liste ihrer gemeinsamen Reisen scheint endlos. „Mein Mann hatte immer einen Zeichenblock mit und zeichnete; daheim angekommen, wurden aus den Bildern Plastiken“, beschreibt sie. Die Leichtigkeit ihrer Worte und die Fülle seiner Werke darf freilich nicht über die zig Stunden Arbeit, die in den Plastiken stecken, hinwegtäuschen. Selbst die Beschaffung des Materials wurde manchmal zum Wagnis. „Ich werde nie vergessen, wie wir für den Altar in Winden am See im Schneesturm Bronze aus Italien holen fuhren“, erinnert sie sich. Sein famoses Können gab Wander Bertoni aber auch gerne weiter; 1965 wurde er Professor an der Hochschule für angewandte Kunst, seiner Mission dort blieb er bis 1995 treu.

Weitgereiste Eier

Und dann wäre da noch eine Sache, mit der die Bertonis ebenso weit über Landesgrenzen hinaus bekannt wurden: mit dem vom Architekturbüro „gaupenraub“ geplanten „Eiermuseum“. „Das Ei ist das Lebenssymbol in allen Religionen und Kulturen; aus dem Ei entsteht Leben“, erklärt Waltraud Bertoni, während sie aus dem „gläsernen“ Erdgeschoß die Stiegen in den ersten Stock hinaufgeht. „Oben haben wir die lichtempfindlichen Stücke.“ Vor 60, 70 Jahren habe ihr Mann mit dem Sammeln von Eiern begonnen. „4.000 Exemplare sind es bereits“, verrät sie. Und dass es auch dort kaum einen Flecken Erde gibt, der nicht – in diesem Fall in „Ei-Form“ – repräsentiert wäre, ist ein weiteres Zeichen für etwas, das die beiden in all den Jahren miteinander verband: ihre Weltoffenheit.

 

Fotos: Vanessa Hartmann, Monica Hofmeister, privat, Karl Satzinger

Wander Bertoni
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Cool @ School. Der junge Wander Bertoni mit seiner Plastik „Das U aus dem Imaginären Alphabet“ vor der Wiener Volksschule in der Flotowgasse.
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„Das Rhythmische B“. Ehepaar Bertoni mit Gerald Ziwna (li., Galerie artziwna), Katharina Zetter-Karner (Galerie Zetter), Direktor Klaus Albrecht Schröder bei der Übergabe an die Albertina.
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In der Werkstatt. Waltraud Bertoni
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Wander und Waltraud Bertoni.
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Vielfalt auf einem Areal

Winden am See. Die „Gritsch-Mühle“ in Winden am See kaufte Wander Bertoni 1965. Dort entstanden Schritt für Schritt das Freilichtmuseum Wander Bertoni mit zahlreichen Großplastiken, der „Ausstellungspavillon“ und die „Galerie“. Zuletzt kam 2010 das Eiermuseum hinzu, das 4.000 Eier aus der ganzen Welt beherbergt. Sämtliche Museen sind bei Voranmeldung zugänglich.

Infos:

www.wanderbertoni.com

www.eiermuseum.com