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People | 29.07.2019

Öko kann die Welt ernähren

Sarah Wiener beschäftigt sich mit Leidenschaft mit dem wohl Wichtigsten im Leben, dem Essen und unseren Lebensmitteln. Und hier ist sie alles andere als bequem. Aus triftigem Grund.

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© Marija Kanizaj

Sie ist Köchin, Unternehmerin, Biobäuerin, Imkerin, Autorin und neuerdings auch in der Politik aktiv. Das macht sie deshalb, weil ihr das, mit dem sie täglich zu tun hat, sehr am Herzen liegt. Ihren Kampf für gute Lebensmittel und Tierwohl ficht die streitbare Österreicherin mit großer Vehemenz. Wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten – auch gegen Frauen – aufzuzeigen, wird Wiener gerne einmal laut. Die STEIRERIN plauderte mit ihr anlässlich ihrer Wahlkampftour, bei der sie bei Robert und Martina Rötzer in deren Lokal Parks Station machte.

STEIRERIN: Im EU-Wahlkampf sagten Sie: „Erst kommt das Fressen, dann alles andere“, die literarische Vorlage endet mit „… dann kommt die Moral“. Was ist unsere Moral, wenn es um das Essen geht?
Sarah Wiener: Man kann es leider nicht anders sagen, aber unser Umgang mit Mitgeschöpfen ist so grausam wie im Mittelalter, wenn auch nicht flächendeckend. Wir haben ein Agrosystem, das Kastration ohne Betäubung zulässt, das Tiere hochzüchtet, Kühe ausquetscht, bis sie unter Euterentzündungen leiden und nach wenigen Jahren aus Erschöpfung im Schlachthof landen. Wir züchten Schweine, die auf Spaltböden leben, mit Lungen- oder Gelenksproblemen, die sich gegenseitig kannibalisieren. Das ist pervers und unserer nicht würdig. Wir dürfen nicht weitermachen wie bisher.

Diese Bilder schrecken oft mehr ab, als sie nutzen.
Ich will ja auch nicht mit hässlichen Bildern arbeiten, aber es braucht die Wahrheit, und die ist nun einmal hässlich. Es braucht Aufklärung. Fakt ist, wir müssen Vielfalt und Schönheit stärker befördern, etwa indem wir bei Kleinbauern einkaufen, regional, vielfältig mit den Grundnahrungsmitteln kochen, nicht nur mit Kartoffeln und Reis, sondern mit Hülsenfrüchten, seltenen Getreidearten, Wildkräutern, die man auch selbst ernten kann. Uns wird suggeriert, dass Kochen stets mit Arbeit verbunden ist. In Wahrheit gibt es uns in einer Welt, in der wir nicht mehr mit unseren Sinnen verbunden sind, Trost und Identität.

 

Natürlich muss Öko die Welt retten.
Wir verbrauchen jetzt schon
1,8-mal unsere Ressourcen.

– Sarah Wiener


Was ist für Sie Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft?
Wenn immer gesagt wird, Öko könne die Welt nicht ernähren, ist das zu kurz gegriffen. Natürlich muss Öko die Welt ernähren, weil wir jetzt schon 1,8-mal die Ressourcen verbrauchen. Dass es viel mehr gibt als Monokulturen, ist noch viel zu wenig auf der Agenda. Dass Systeme wie Permakultur dem Tierwohl, den Menschen und Regionen besser dienen, diese Diskussionen haben gerade erst mal begonnen. Im Moment werden Großbetriebe gefördert und das Wort „Landwirtschaft“ hat „Wirtschaft“ im System, man verdient hier nicht in der Landwirtschaft, sondern an der Landwirtschaft.

Wie meinen Sie das?
Zulieferbetriebe, die Agrochemie, Landmaschinenhersteller und Verarbeitungsbetriebe: Sie alle verdienen daran, am wenigsten der Bauer selbst. Eine Agroindustrie hat kein Interesse an einer kleinteiligen Landwirtschaft, weil sie daran nichts verdient. Weil der Bauer am Subventionstropf hängt, verteidigt er ein System, das ihn zum Knecht gemacht hat. Es ist Zeit für eine Bauernbefreiung, die ist aber erst dann möglich, wenn wir aufhören, Prämien zu vergeben. Es braucht faire Preise für gute Lebensmittel, dann können wir die Menschen, die in diesem System arbeiten, auch besser bezahlen.

 

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© Marija Kanizaj

Sie wurden im Rahmen des Wahlkampfes für Ihre Subventionen kritisiert, die Sie für Ihren Betrieb in Ostdeutschland erhalten, eine kolportierte Summe von 800.000 Euro.
Das stimmt so nicht, darin ist mehr als die Hälfte Bioförderung enthalten. Klar, für Österreich ist das ein riesiger Betrag. Doch ich habe den Betrieb, eine ehemalige LPG (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) erworben und in einen nachhaltigen Ökobetrieb transformiert. Dort haben wir bodengerechte Tierhaltung, eine eigene Fleischerei, bei uns arbeiten 29 Leute das ganze Jahr über, also keine Saison-arbeiter aus dem Osten, wir haben eine siebenjährige Fruchtfolge eingeführt. Ich bin stolz auf dieses Werk.

Ich kann mich an ein Experiment erinnern, das Sie einmal mit Kindern gemacht haben: Sie setzten ihnen selbst gemachtes Erdbeerjoghurt vor, den Kindern schmeckte aber das Industrieprodukt besser.
Seit zwölf Jahren habe ich eine Stiftung, die praktische Ernährungsbildung für Kinder ab drei Jahren anbietet. Ich stellte schon früh fest, dass Kinder nicht mehr erkennen können, was ein typischer, ein natürlicher Geschmack ist, sie sind die künstlichen Aromen gewöhnt. Ich beobachte bei diesem Projekt zudem immer wieder, dass es Zwölfjährige gibt, die nicht wissen, was Schnittlauch oder Petersilie ist, die keinen Apfel vom Baum essen wollen, weil sie das unhygienisch finden, und die glauben, Eier sind Molkereiprodukte, weil sie im Supermarkt neben der Milch stehen. Hier braucht es noch viel mehr Aufklärung.

Was ärgert Sie am meisten an der Lebensmittelindustrie?
Ich würde mir eine Lanzenspitze für kontrollierte Rohmilch wünschen, dafür, dass Kühe wieder Gras fressen dürfen und nicht mit Soja oder Mais aus Südamerika gefüttert werden, das sie oft gar nicht vertragen. Eine Lanzenspitze für handwerkliche Produkte! Mich als Milchtrinkerin ärgert zutiefst, wenn diese totgeschossene Leiche als Milch bezeichnet wird, die zentrifugiert ist, wo Fettketten zerstört werden, hocherhitzt, tiefgekühlt. Das wäre mein persönlicher Feldzug.

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© Marija Kanizaj