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People | 04.09.2019

Der Mut, zu TUN

Raus aus der Komfortzone und das Leben und die Chancen beim Krawattl packen! Der Schritt in die Selbstständigkeit ist zu schwer? Mitnichten! Wir zeigen drei erfolgreiche Beispiele.

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© Shutterstock

„No risk, no fun“

Sonja Völker, 49, Wien (ursprünglich: Neckenmarkt)

 

 

Aus einem Gefühl, mutig zu sein und etwas zu riskieren, sind mittlerweile fünf Shops entstanden. Sonja Völker sollte sich nach 15 Jahren als Pädagogin in der Volksschule und nach ihrer zweiten Karenz 2005 entscheiden, wie es weitergeht: Wieder zurück in die Schule oder etwas Neues? „Das Neue war so verlockend für mich, ich musste es probieren. Ich wusste, ich kann gut mit Stoffen und habe einen guten Geschmack. Viele haben mich damals schon auf die Kleidung meiner Tochter angesprochen, die ich immer selbst genäht habe.“ Da passierte das, was sich in weiterer Folge durch Völkers gesamtes Leben ziehen sollte: Ein kleines Geschäft im 7. Wiener Gemeindebezirk wurde an sie herangetragen und sollte sogleich ihr erstes Kindermodengeschäft werden. „Ich hatte nie, wirklich nie, ein großes Ziel oder hab irgendwas hartnäckig verfolgt. Alles passierte mir. Mein Zutun war die Reaktion darauf. Die Entscheidung zu treffen: Mach ich das, Ja oder Nein.“ 2006 eröffnete die gebürtige Neckenmarkterin ihren ersten Herzilein-Shop in Wien. Vor einigen Jahren kam eine weitere Idee dazu: In Zeiten, in denen kaum jemand mehr Briefe schreibt oder Grußkarten verschickt, hat sich Sonja Völker dazu entschieden, eine Papeterie zu eröffnen. Dass der Umsatz allgemein im stationären Handel rückläufig ist, hinderte die Unternehmerin nicht daran, weitere Shops zu eröffnen, denn mit ihrer Leidenschaft zu dem, was sie tat, zeigte sich der Erfolg.

 



Working 24/7. Fast rund um die Uhr und sieben Tage die Woche für ihr Business da zu sein, ist für die 49-Jährige Normalzustand. Ihr Büro hat sie zu Hause in Wien Meidling eingerichtet, Werkstatt und Lager befinden sich gleich gegenüber. Insgesamt 17 Mitarbeiter sind es, die Sonja Völker in den drei Kindermoden-Shops und den zwei Papeterien beschäftigt. „Ich bin eigentlich Mädchen für alles, organisiere, checke Materialien und Stoffe, entwickle gemeinsam mit dem Kalligrafen neue Kartendesigns, entwerfe Schnitte für Kinderkleider oder fahre auf Messen.“ Auch der Stofflieferant in Holland bekommt Völker oft zu Gesicht. Ihr Alltag hat sich im Gegensatz zu ihrem Lehrerinnen-Dasein komplett verändert. „Es ist kein Vergleich von der Intensität her. Dazu kommt, dass ich nie Wirtschaft oder Unternehmensführung studiert habe, somit ist mir am Anfang vieles schwerer gefallen als Leuten vom Fach. Aber andererseits weiß ich, dass ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen kann.“

 

"Ich wollte nicht irgendwann 60 sein und mir denken, wie wäre es wohl gewesen." Sonja Völker



Scheitern ist nicht versagen. Trotzdem denkt sie im Moment nicht weiter über eine Expansion nach. „In Eisenstadt finde ich die Innenstadt sehr nett, aber mir wird übel, wenn ich sehe, was mit diesen Kleinstädten passiert – diese Vorstadt-Industrie und die Shopping-Malls. Die Menschen in ländlichen Gegenden schätzen die Innenstadtatmosphäre leider oft nicht.“ Mit ihrem Lebensgefährten restauriert Völker derzeit ein Haus aus dem 16. Jahrhundert in Hornstein. Ihre Eltern und Verwandten in Neckenmarkt besucht sie ebenfalls regelmäßig. Mutig sein und auf seine Eingebungen hören – dieser Leitsatz hat Sonja Völker auch durch schwere Zeiten gebracht, vor einigen Jahren passierte die Trennung von ihrem Mann nach 25 Jahren. „Es war hart, ich dachte, ich schmeiße jetzt alles hin und behalte mir nur ein Geschäft. Aber ich habe mich für aufstehen und weitergehen entschieden, seither habe ich drei neue Shops eröffnet. Heute stehe ich im Leben wie nie zuvor.“ Das Risiko, etwas einzugehen, obwohl der Ausgang ungewiss ist, erfordert Mut. „No risk, no fun. Ich wollte nicht 60 sein und mir denken, wie wäre es wohl gewesen. Und wenn ich gescheitert wäre, wäre ich auch kein Versager gewesen, denn nur die, die es nie probieren, haben schon verloren.“

 

INFO

Herzilein

Mode & Papeterie. Herzilein macht Mode für Kinder von 0 bis 12 Jahren: eigene Kollektionen, Accessoires und Geschenkartikel kleiner Labels. Edle Papier- und Lederwaren, Verpackungen, Grußkarten und Geschenke gibt es in den beiden Papeterien.

 www.herzilein-wien.at


„Es war fast Übermut“

Rudolf Wessely und Tochter Elisabeth Pichler, Horitschon

„Gynialer“ mut. Die geplanten Gründungskosten hatten sich verdreifacht, Rudolf Wessely blieb dennoch dran und ist heute Marktführer bei Antibabypillen.

 

Rudolf Wessely war 23 Jahre jung, mitten im Medizin-­Studium, da bewarb er sich spontan bei einer Pharmafirma. Der ehrgeizige Quereinsteiger aus Horitschon klettert beherzt die Karriereleiter hoch: vom Außendienstmitarbeiter bis zum stellvertretenden Geschäftsführer. „Trotzdem musste ich zusehen, wie gute Produkte auf der Straße liegen blieben, weil das Produktportfolio eines Großkonzerns sehr beengt ist“, schildert er. Sein Fokus liegt auf Schwangerschaftsverhütung; 2007 fasst er sich ein Herz und gründet mit zwei Gleichgesinnten eine kleine Pharmafirma. Das Trio ist mit der Ärzteschaft gut vernetzt, auch die Produktauswahl geht leicht von der Hand. „Womit wir nicht gerechnet haben: Es dauerte drei Jahre, bis wir die Zulassungen hatten“, gesteht Rudolf Wessely. „Unsere Gründungskosten verdreifachten sich, da braucht es fast schon einen Übermut, um es trotzdem durchzuziehen.“ Es mussten mitunter auch private Finanzen angezapft werden. „Toll war, dass wir eine gute Hausbank hatten, die an uns geglaubt hat.“ Der lange Atem macht sich bezahlt, ab 2012 geht es bergauf. „Heute sind wir bei der Antibabypille in verkauften Packungen mit circa 33 Prozent Marktführer“, sagt Wessely. Rund 400.000 Frauen nehmen in Österreich die Pille, 130.000 entscheiden sich für Gynial-Produkte. Dabei „entstaubte“ man teilweise ältere Produkte, die für Konzerne uninteressant, „aber sehr gut in der Qualität sind, vielfach erforscht wurden und sich in der Langzeitanwendung bewährt haben.“ Bei Gynial bedient man sich bewusst wissenschaftlicher Studien, die von medizinischen Behörden in Europa genau analysiert wurden, „weil diese mit entsprechender Verantwortung und objektiv agieren“.

Gynial avancierte parallel zum Familienunternehmen. Zunächst steigt Wesselys Frau Monika ein; sie hat einen Doktor in Chemie und macht die Qualitätskontrolle. Seit 2016 leitet Tochter Elisabeth Pichler die neue Niederlassung in der Schweiz. „Ich bin meinem Vater lange in den Ohren gelegen, zu expandieren“, schildert die zweifache Mutter. Sie studierte an der FH Eisenstadt Wissensmanagement mit Schwerpunkt Controlling, später absolvierte sie eine Ausbildung zur Pharmareferentin. Mit ihrem Mann lebte sie drei Jahre in Chicago, Homebase ist nunmehr die Schweiz, wo erneut von einem Wagnis die Rede sein darf. „Verhütung ist hier doppelt so teuer wie in Österreich. Wir haben aber österreichische Preise hierhergeholt, weil wir finden, dass Verhütung für alle leistbar sein soll“, erklärt sie. Die Ärzteschaft habe das wohlwollend aufgenommen; insgesamt laufe es gut, „aber hier haben wir noch Start-up-Charakter“, sagt Elisabeth Pichler. „Mir ist immer wichtig, dass ich einen tiefen Sinn in meiner Arbeit sehe; bei Gynial ist das so. Es geht um Verhütung und damit um die Unabhängigkeit von uns Frauen. Dabei gibt es nicht die Methode; Verhütung ist immer indviduell – und muss mit der Gynäkologin und dem Gynäkologen an Körper und Lifestyle angepasst werden.


„Geld war nie Motor“

Hans Leitgeb, Pöttsching

 

Ideen-Pyromane. Der „Kommunikations-Medien-Profi“ Hans Leitgeb betreibt alternative Musikschulen – und seit Kurzem eine Radwerkstatt.

 

Nie hatte er sein Gartenhäuschen in Pöttsching abgesperrt, seit sie dort lebten. Doch an diesem einen Tag wird das zum Verhängnis – und die Räder sind weg. Da kommt er an der Müllsammelstelle vorbei, entdeckt einen ausgemusterten Drahtesel – und schon rattert es in seinem Kopf. Hans Leitgeb motzt nicht nur das entdeckte Stück auf, eine Geschäftsidee war geboren. Mal wieder. Was er denn eigentlich von Beruf ist, wollen wir wissen. Die Antwort ist gar nicht einfach, meint er. Am ehesten ein „Kommunikations-Medien-Profi“ – inklusive dem Talent, sehr vieles, das fährt, reparieren zu können. Tonstudios hatte er immer, beim ORF machte er jahrelang den Tonmeister, Ende der 1980er war er Mitbegründer von Radio Max, gleich mehrere Spezialradios gingen seither durch seine Hände.

Vierfacher Papa. Dabei blieb Hans Leitgeb immer bewusst selbstständig und versuchte seine Arbeit in das Wohnhaus zu integrieren. „Ich kriege ja keine Kinder, um sie dann nie zu sehen“, sagt er, der mit seiner Katharina die Welt gleich um vier bereicherte. Zwischen elf und 20 sind sie heute; nicht immer hatten sie ein Einsehen dafür, dass Papa zwar zu Hause, aber trotzdem arbeiten war. Wenn es manchmal auch an der Konzentration haperte, die Ideen gingen Hans Leitgeb nie aus. Vielmehr musste er sich mit der Zeit ein bisschen einbremsen, weil es überbordend wurde. „Mittlerweile habe ich für mich die Regel, dass sich eine brennende Idee zumindest eine Woche halten muss, ehe ich sie mir anschaue“, lacht er. Aber: „Für mich gab es auch nie die klare Differenzierung Arbeit und Leben; alles ist Leben.“ Vor wenigen Jahren gründete Hans Leitgeb die alternative Musikschule namens „Easymusic“. Zum einen fand er es traurig, motivierte Kids auf Wartelisten für den Instrumentalunterricht setzen zu lassen. „Jedes Kind sollte die Möglichkeit haben, Musik zu machen. Einen Fußballplatz gibt’s in jedem Ort.“ Zum anderen war ihm das Korsett der Musikschul-Lehrpläne zu eng. Also mietet er Räume an und lässt dort Musiker und Musikerinnen unterrichten, die gewillt sind, auf die Wünsche der Kids einzugehen. „Wer sagt, dass ein Kind zwingend auf einer kleinen Trommel anfangen muss?“, sagt Hans Leitgeb. „Selbst wenn man 5-Jährige an ein komplettes Schlagzeugset setzt, ist es arg, wie die da umrühren.“ Mit „Easymusic“ ist er mittlerweile in Pöttsching, Sieggraben und Mattersburg vertreten; das Netz soll laufend erweitert werden. Doch zurück zu den Rädern, immerhin hat er für seine aktuelle Mission bereits kürzlich das Gewerbe angemeldet. Denn seit diesem ersten Rad auf der Deponie schienen ihm die Räder zuzufliegen; manche brachten sie zur Reparatur zu ihm, andere ließen sie zu einem E-Rad umfunktionieren. „Das E-Rad erleichtert die Mobilität für alle. Selbst anspruchsvollere und längere Strecken gehen dann leicht, das Radfahren macht mehr Freude.“ Zudem beschäftigt ihn schon lange das Thema Nachhaltigkeit. „Mir ist wichtig, dass ich meinen Kindern vorlebe, dass man nicht alles gleich wegwerfen muss“, betont er. Welch gute Qualität die alten Räder haben, wie  viel filigraner die neuen Modelle teilweise gebaut sind, das hat ihn allerdings verblüfft. Jedenfalls mag er das Schrauben – ob er damit viel Geld machen kann? Hans Leitgeb hat ein klares Credo: „Geld war nie mein Motor.“

 

INFO

Hans. Rad & Tat

Nachhaltigkeit. Seine Werkstatt ist nicht einfach ein Spital für kaputte Räder. Hans Leitgeb motzt Drahtesel auf Wunsch auch mit einem E-Motor auf, damit möglichst viele Wege –
auch die steil bergauf – per Rad zurückgelegt werden.

www.hansradundtat.at

 

Fotos: Gynial, Max Leitgeb, Shutterstock, beigestellt