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People | 11.09.2019

Ein Abenteurer kommt zur Ruhe

Herbert, 50 Jahre alt, bereist viele Länder. Dann passiert ein psychischer Zusammenbruch. Wie es dazu kam und warum er über seine Krise offen mit Jugendlichen spricht.

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"Es war ein Schock, als ich nicht mehr arbeiten konnte. Ich wollte doch noch Australien sehen.", Herbert © Vanessa Hartmann

Ich hätte das Wasser schon eingeschenkt“, schmunzelt Herbert zu Beginn des Interviews, als ich die Gläser fülle. Da weiß ich noch nicht, dass die Gastronomie einst sein Traum war. Heute, mittlerweile 50-jährig, konnte er sich davon ein bisschen was verwirklichen: Als unschlagbar gut gelten seine Salzstangerl und Po­gatscherl, die er im „pro mente“-Tageszentrum in Lackenbach für Caterings zaubert. Auch bekocht er gerne seine große Liebe, die er eben dort gefunden hat und mit der er heute eine Wohnung teilt. Mit fünf Geschwistern wuchs Herbert auf einem Bauernhof in Mattersburg auf. Umgeben von vielen Tieren und viel Arbeit, alle Kinder haben fleißig mitgeholfen. „Aber es hat uns an nichts gefehlt, darauf hat besonders die Mama geschaut“, sagt er. Sie war es auch, die sich um seine Plattfüße sorgte und ihm von der Lehre zum Koch abriet. „,Bub, da stehst den ganzen Tag, das würde dir weh tun‘, hat sie gemeint.“ Also wird Herbert Installateur – und zwar ein ehrgeiziger, der  bald genug Geld gespart hat, um sich gemeinsam mit einem Freund eine halbjährige Amerika-Rundreise zu finanzieren.


Fernweh.

Das Duo ist erst knapp über 20, da lernt es in Miami einen Schweizer kennen, der für ein neues Hostel Englisch und Deutsch sprechende Haustechniker sucht. „So sind’s dann aus sechs Monaten sechs Jahre geworden“, lacht Herbert. Richtig gut habe es ihm in der Ferne gefallen. Leider hapert es an der Arbeitserlaubnis, sodass er nach jahrelangem Werken in der Grauzone die Heimkehr antreten muss. Allerdings nur für eine kurze Zeit, schon bald ereilt ihn der Lockruf aus Kanada. „Ich könnte nichts Negatives über Vancouver und die Menschen sagen, aber auch dort hatte ich keine Chance auf eine Anstellung.“ Also zieht es ihn nach Gran Canaria – und schließlich nach Deutschland. „Da habe ich endlich einen richtig guten Job als Bühnentechniker am Theater bekommen“, schwärmt er. „Eine super Zeit, aber stressig.“ Herbert fängt früh an, arbeitet bis spät in die Nacht hi­nein. Er mag das Team und seine Vorgesetzten. „Die waren es nicht, ich selbst habe mich immer mehr getrieben und irgendwann nur noch zwei, drei Stunden geschlafen.“

 

"Ich gebe gerne meine Erfahrungen weiter, auch damit junge Leute sich Hilfe holen trauen.", Herbert



Auf der Psychiatrie.

Es passiert der erste Zusammenbruch; Herbert ist plötzlich verwirrt, muss von der Rettung abgeholt werden. Drei Wochen verbringt er auf der Psychiatrie, „danach hatte ich das Gefühl, es passt wieder“. Motiviert geht er wieder am Theater ans Werk, bis es zum Totalausfall kommt. „Die Caritas hat mich auf Gran Canaria aufgelesen; bis heute kann ich mir das nur erzählen lassen, ich weiß nicht einmal, wie ich dort hingekommen bin.“ Der damals desorientierte Mann wird nach Wien geflogen, nach einem Spitalsaufenthalt zieht er wieder nach Mattersburg. „Es ist nicht geklärt, wie es zum Gedächtnisverlust gekommen ist. Man hat immer wieder vermutet, dass ich negative Geschehnisse verdränge – aber leider vergesse ich nicht nur Schlechtes“, erklärt er.

 

Frisch verliebt. Das Leben von Herbert und seiner Partnerin bereichert Balu.



Der Schock.

Herbert versucht Fuß zu fassen, „aber das AMS konnte mich nicht mehr vermitteln“. Irgendwann heißt es: Er sei in den klassischen Berufsalltag nicht integrierbar. „Das war ein Schock“, seufzt der Mann, der zuvor so gelassen erzählte. „Ich spreche drei Sprachen, war technisch begabt, ich wollte arbeiten und noch nach Australien.“ Es sei hart gewesen einzusehen, dass er Unterstützung braucht. Heute mag er sein Leben. „Ich bin glücklich und zufrieden – das verdanke ich ,pro mente‘“, betont er. Er hat jahrelang Psychotherapie gemacht, ist medikamentös gut eingestellt und wird durch den Verein in Lackenbach betreut. Das heißt: Mittlerweile lebt Herbert mit seiner Lebensgefährtin in einer Wohnung im selben Ort. „Sie hört Stimmen und ich vergesse viel; allein könnten wir nicht leben. Aber zusammen ergänzen wir uns: Ich bin da für sie und sie managt mein Leben.“ Unter der Woche arbeitet das Paar im Tageszentrum von „pro mente“, wo Herbert nur zu gerne den Küchendienst macht.

Philosophisch. Herbert reflektiert gerne in seinen dreidimensionalen Bildern.

 

In der Schule.

Seit Kurzem ist sein Leben außerdem um eine Facette reicher: Im Rahmen des neuen „pro mente“-Präventionsprogramms „Verrückt? Na und!“ redet er mit Jugendlichen offen über seine psychische Erkrankung. Gemeinsam mit einem Experten wird dabei zunächst etwa besprochen, wie man psychische Erkrankungen behandelt oder wie man sich Betroffenen gegenüber verhält. „Das Spannende ist: Die Schüler glauben zunächst, ich bin ein Sozialarbeiter in Ausbildung – bis ich sage, wer ich bin“, schmunzelt Herbert. „Die Stille danach war beim ersten Mal arg“, gesteht er. „Umso schöner waren die Gespräche danach und dass die Kinder viele Fragen gestellt haben.“ Herbert erinnert sich an einen Mann aus seiner Kindheit, „der ständig mit sich geredet hat. Ich bin dann immer auf die andere Straßenseite gegangen. Ich tät’ mir wünschen, ich hätte das nicht gemacht.“ Dass die jungen Leute psychisch Kranken nicht ausweichen und dass sie sich Hilfe holen, wenn es ihnen selbst nicht gut geht, „das ist der Grund, warum ich meine Erfahrungen gerne weitergebe“, sagt Herbert.

 

Tiefgründig. Herbert im Gespräch mit Redakteurin V. Kery-Erdélyi.