Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 12.09.2019

„Verrückt? Na und!“

Ein Mensch, der seelische Krisen gemeistert hat, in der Schule: Was hinter dem Projekt steckt, erklärt „pro mente“-Obfrau Eva Blagusz.

Bild shutterstock_247764778.jpg
© Shutterstock

BURGENLÄNDERIN: Welches ist das Hauptanliegen von pro mente?

Eva Blagusz, Obfrau pro mente Burgenland: Die Anti-Stigma-Arbeit. Bei psychischen Erkrankungen herrschen noch immer viele Tabus vor; Betroffene werden leider bis heute als Wahnsinnige und Psychopathen abgestempelt. Wir wollen vermitteln, dass sie liebenswürdige Menschen sind, die oft nur Phasen erleben, in denen es ihnen nicht gut geht. Wir geben ihnen in drei Häusern – in Mattersburg, Lackenbach und Kohfidisch – ein angenehmes Zuhause und bieten Tageszentren, in denen sie sinnvollen Beschäftigungen nachgehen können.

Neu ist das Präventionsprogramm „Verrückt? Na und! – Seelisch fit in der Schule“. Wie kam es dazu?

Wir organisieren seit Langem zum Tag der Psychischen Gesundheit am 10. Oktober Kino-Abende mit psychiatrischem Thema – auch eigene Schülervorstellungen. Viele junge Menschen reagieren dabei intensiv, manche rutschen auf ihren Sesseln hin und her, ihre Betroffenheit ist spürbar. Die Lehrer bestätigen uns das in Gesprächen immer wieder: Sie sind im Alltag mit vielen Problemen konfrontiert, für die sie nicht ausgebildet sind. Wie hilft man Schülern, wenn die Mutter depressiv ist oder sich der Großvater das Leben genommen hat? Wie geht man mit Missbrauch und Abtreibungserfahrungen um? Meine Kollegin Petra Prangl hatte dieses Präventionsprogramm bei einer Fortbildung entdeckt – und wir sind dankbar, dass uns der Bildungsdirektor Zitz sowie die Landesräte Illedits und Winkler unterstützen, damit wir es realisieren können.

 

Jugend stärken. Eva Blagusz © pro mente Burgenland


Das Programm wurde in Deutschland entwickelt und läuft seit Jahren erfolgreich. Was passiert dabei?

Bei jeweils fünfstündigen Workshops kommt ein Experte, also ein Psychotherapeut, ein Psychologe oder ein Sozialarbeiter, mit einem Menschen, der seelische Krisen gemeistert hat, in die Klasse. In einer ersten Runde geht es um das Wachmachen für seelische Gesundheit. Eine Übung dabei ist, dass sich die jungen Leute je nachdem, ob es ihnen gut oder schlecht geht, rechts oder links hinstellen können. Bei unserer Demo-Runde stellten sich 21 von 22 Jugendlichen auf die „Nicht-gut-Seite“; das hat mich persönlich betroffen gemacht und zeigt, wie wichtig diese Initiative ist. In der zweiten Runde geht es um Glück und Krisen. Erst in der dritten Runde kommt es zum Gespräch mit einem Klienten, der sich aber nicht gleich als solcher zu erkennen gibt. All das bewegt sehr viel in einer Klasse; wir haben als Rückmeldung von Lehrern bekommen, dass die Diskussionsbereitschaft der Schüler danach stark gewachsen ist.

Wie steht es um die seelische Gesundheit junger Menschen?

Es geht hier um ein Präventionsprogramm, das sicher nicht darauf abzielt, alle mit psychischen Diagnosen zu versehen. Aber Fakt ist: Jeder vierte Jugendliche kann (!) eine psychische Erkrankung entwickeln. Einer der am meisten beeinflussenden Faktoren sind Drogen. Große Themen sind auch Handy- bzw. Internetsucht, Essstörungen und Missbrauch.

Was ist das Ziel des Programms?

Wir wünschen uns, dass alle Schüler ab 14 einmal das Projekt erlebt haben. Wir haben Give-aways konzipiert: unter anderem eine Box mit Karten, die über verschiedene Krankheitsbilder – von Depressionen bis hin zu Sucht – informieren sowie über Anlaufstellen und Einrichtungen, wo man für sich oder andere Hilfe holen kann.

 

INFO

„Verrückt? Na und! – Seelisch fit in der Schule“ (www.irrsinnig-menschlich.de) wird von pro mente Burgenland durchgeführt; der Probestatus wurde an drei Schulen absolviert, im Herbst folgen elf Workshops und 2020 noch weitere 20, die noch ausgeschrieben werden.

Kontakt: [email protected] www.promente-bgld.at