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People | 16.09.2019

Mit Pferden über den Wolken

Dieser Mädchentraum brauchte keinen Glitzer. Marie Schmögner war von Beginn an schon im Stall glücklich. Dafür ist sie heute Pflegerin von Star-Pferden und fliegt mit ihren Schützlingen bis nach Hongkong.

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© Ramona Hackl, Jessica Rodrigues

Wäre es nach den Wünschen der Familie gegangen, hätte sie eine akademisch-künstlerische Laufbahn eingeschlagen. Eine Malerin oder eine Schauspielerin sah man in ihr, lacht Marie Schmögner. „Nur meine Mama hat mir zugehört und meine Ziele ernst genommen“, sagt die 20-Jährige, die die funkelnden Augen ihrer Mutter, der vielseitigen Kulturmanagerin Petra Werkovits, geerbt hat. Sie war zehn Monate jung (!), als sie sich das erste Mal für einen Moment auf ein Pferd setzen durfte. Die große Schwester ritt damals, doch bei Marie sprühte es just in diesem Augenblick Funken. „Seit ich denken kann, wollte ich in der Nähe von Pferden sein“, sagt sie. „Sie sind meine Seelenverwandten, sie sind mein Leben.“ Dabei war ihre Vision von Beginn an durchaus realistisch. „Ich habe mich nie als Prinzessin auf dem Pferd gesehen; ich bin eher die, die mit dem Traktor die Gülle rausfährt“, lacht sie abermals.

 

Seelenverwandt. Wir treffen die Südburgen­länderin Marie Schmögner, ihres Zeichens gefragtes „Kindermädchen für Pferde“, in jenem Stall in Gniebing in Feldbach, wo ihre Laufbahn begann.


Mit zwei Jahren begann sie mit dem Ponyreiten, mit sechs war sie bereits erpicht darauf, den Stall selbst auszumisten. Als sie von der Pferdewirtschaftsschule im oberösterreichischen Lambach (offiziell: Agrarbildungszentrum) hört, ist für sie sofort klar: Da will sie hin. Viele in ihrem Umfeld belächeln sie, wollen sie davon abbringen. „Das war hart, aber ich konnte mir keinen anderen Job, keine andere Schule vorstellen.“ In ihrem Jahrgang bewerben sich 90 junge Leute, rund 30 werden genommen – Marie ist dabei. „Ich war zuvor keine besonders gute Schülerin, aber als ich wusste, dass ich dort hinwill, habe ich alles gegeben.“ Und nicht nur das: Sie muss fortan von ihrer Heimatgemeinde Neumarkt an der Raab nach Lambach pendeln. „Für eine Strecke habe ich ganze sechs Stunden gebraucht, also konnte ich nur noch alle zwei Wochen nach Hause – mit meinen 15 Jahren, ich, die ohne Mama überall sofort Heimweh hatte.“ Doch es war die richtige Entscheidung. Als sie einen Praktikumsplatz sucht, wird sie bei Markus Saurugg in Gniebing bei Feldbach fündig. Ihr besonderer Draht zu den Tieren, ihr gewissenhafter Umgang mit Pferden spricht sich schnell herum. „Markus (ihr erster Arbeitgeber, Anm.) nahm mich bald als Pferdepflegerin zu Turnieren mit; dabei bekam ich immer mehr Angebote von anderen Reitern“, erzählt sie. Die mögen auch Maries Einstellung: „Mir war von Anfang an klar, in diesem Job gibt’s keine Uhrzeit. Wenn es auch drei Uhr in der Früh ist, solange die Pferde nicht versorgt, solange nicht alles schön ist, hört man nicht auf.“

 

"Jeden Tag, wenn ich die Stalltür öffne und mich die Pferde anwiehern, weiß ich, warum ich meinen Job liebe.", Marie Schmögner



Schmerzlicher Tiefpunkt.

Erstmals ins Ausland geht es für Marie an der Seite von Jillian Terceira, einer von den Bermudainseln stammenden Reiterin, die in Belgien lebt – und bis heute Freundin geblieben ist. So schön ihr Einstieg in die Branche war, so ungern spricht Marie Schmögner über den Arbeitgeber, einem Spring­reiter aus Österreich, der danach folgt. „Er hat mich mental total fertiggemacht und mich teilweise rund um die Uhr arbeiten lassen“, sagt sie, die damals erst 18 Jahre jung war. „Als ich von diesem Stall weg bin, war ich gebrochen und wollte sofort aufhören.“  Sie legt tatsächlich eine Pause ein und arbeitet im Tierpark Herberstein. Da erreicht sie der Anruf einer ihrer liebsten Schulkolleginnen. Sie brauche Verstärkung in Starnberg, in Deutschland – bei Max Kühner, dem namhaften Springreiter und Unternehmer. „Ich wollte sofort ablehnen, da sagte sie, ich sei die Einzige, mit der sie diesen Job machen will“, schmunzelt sie. Ein raffinierter Schachzug – drei Tage später unterschrieb Marie Schmögner ihren Vertrag. Seit Oktober 2018 lebt sie nunmehr in Deutschland. Wenngleich Marie am liebsten „daheim“ in Starnberg „das Kindermädchen für die Pferde“ spielt, wie sie es selbst beschreibt, sind die Reisen zu den Turnieren eine aufregende Facette ihrer Arbeit. Immerhin sitzt sie dann am Lenkrad eines rund 14 Meter langen Pferde-Lkw. Auf Fahrten etwa nach Lyon, Frankreich, oder nach A Coruña, Spanien, blickt sie mittlerweile zurück.

 

Verbunden. Im Team von Springreiter Kühner.

 


Pferde können fliegen.

Dabei ist der Job am Steuer in vielfacher Hinsicht ein verantwortungsvoller, hält man sich die wertvolle Fracht vor Augen. Die Star-Pferde, mit denen sie da im zarten Alter von 20 Jahren herumkurvt, können sogar einen Wert in Millionenhöhe haben. „Witzig sind die Blicke, wenn wir eine Pause einlegen und ich da zwischen all den männlichen Chauffeuren am Parkplatz auf der Raststation aus dem Lkw steige“, schmunzelt sie.
Ein unvergessliches Highlight erlebte sie erst im vergangenen Februar: Da begleitete sie Max Kühner und eines seiner Pferde zu einem Bewerb der Longines Global Championstour nach Hongkong (!). Wie das geht? „Die Pferde fliegen in Containern – und damit sie keinen Druck in den Ohren haben, kriegen sie die ganze Zeit etwas zum Kauen, so wie man das bei Babys macht“, beschreibt Marie. Freilich ist die Basis für eine solche Reise eine monatelange, von Veterinärmedizinern begleitete, akribische Vorbereitung. „Aber das Fliegen selbst stört die meisten Pferde nicht“, erklärt die junge Fachfrau. An Abenteuern mangelt es der Südburgenländerin offenbar nicht, dass hingegen die Freizeit spärlich ist, sieht sie gelassen. „Doch natürlich frage ich mich auch ab und zu, wenn ich zum Beispiel bei 40 Grad im Sommer richtige Drecksarbeit zu machen habe, warum ich mir das antue“, gesteht sie. „Die Antwort bekomme ich aber jeden einzelnen Tag, wenn ich die Stalltür aufmache und mich die Pferde anwiehern.“

 

On the road. 20 Jahre jung, kurvt sie mit dem 14 Meter langen Pferde-Lkw durch Europa.

 

 

Geheimer Business­plan.

In Max Kühners Team und mit ihm als Arbeitgeber fühlt sich Marie heute wohl. Die heiß geliebte Heimat, die sie nur alle paar Monate sieht, vermisst sie allerdings schon. „Ich bin glücklich mit dem, was ich heute mache – aber ich habe auch schon einen eigenen Business­plan parat“, verrät sie mit einem geheimnisvollen Blick. Irgendwann, wenn die Zeit gekommen ist, sesshaft zu werden, will sie ins Südburgenland zurück.
Und zum Abschied lässt sich Marie Schmögner ein Häppchen ihrer offenbar schon sehr klaren Zukunftsvision entlocken: „Der Tourismus im Bezirk Jennersdorf läuft super – und ich habe eine Idee, mit der ich eine Marktlücke schließen werde und bei der natürlich Pferde im Mittelpunkt stehen werden.“

 

Zielstrebig. Die halbe Familie war dagegen, Marie ließ sich nicht abbringen und wurde Pferdepflegerin. Heute, da sie wertvolle Star-Pferde betreut, sind so manche Skeptiker verstummt.