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People | 23.09.2019

Eine Zehntelsekunde

Susanna Koch und Stefanie Lefevre kicken für den FC Südburgenland. Im vergangenen Sommer heirateten sie. Streng genommen zum zweiten Mal.

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"Wir leben eine unglaublich harmonische Beziehung, wir streiten praktisch nie.", Susanna und Stefanie Koch-Lefevre © Vanessa Hartmann

Dass das passiert, war nicht abzusehen. Stefanie Lefev­re wuchs in einer sportlichen Familie auf; sie fährt Snowboard, macht zunächst Sportakrobatik, spielt dann Fußball. Das Studium an der Sport­uni liegt quasi auf der Hand. Dann ist da diese eine Zehntelsekunde, „die ich beim Tauklettern nicht schnell genug war, um die Aufnahme zu schaffen“. Das hätte sie kaum so geärgert, hätte sie damals gewusst, dass sie beim nächsten Anlauf ebendort die Liebe ihres Lebens kennenlernt.
Susanna Koch hatte ebenso bereits im Jahr davor maturiert, aber weil sie in der Nationalelf spielt, macht sie die Uni-Aufnahmeprüfung ein Semester später. So kommt es, dass sie einander bei den Basistests für das Sportstudium begegnen. „Ich war dort ganz schüchtern; angesprochen habe ich sie nur, weil sie einen Pulli von Erlaa (ihr damaliger Fußballverein, Anm.) trug“, schmunzelt die Oberwarterin. Das Schicksal will auf Nummer sicher gehen: „Dann sehe ich, dass ich bei der Ergebnisliste der Tests an zweiter Stelle bin – und wer hat das beste Ergebnis? Die Steffi“, lacht sie. Es war der Beginn einer schönen Freundschaft.
Stefanie war Susanna einen Schritt voraus: „Ich hatte meine Selbstfindungsphase hinter mir, ich wusste, dass ich lesbisch bin.“ – „Ich hab’ da viel länger gebraucht“, sagt Susanna nachdenklich, denn obgleich seither 13 Jahre ins Land gezogen sind, war es kein einfacher Start für die beiden. „Damals herrschte selbst in unserem Frauenfußball-Verein noch ein homophobes Klima“, gesteht Susanna, die damals schon für den FC Südburgenland kickt. „Wir haben uns lustig gemacht über lesbische Fußbal­­lerinnen; ich selbst hab’ noch blöde Sprüche geschoben – heute ist das längst kein Thema mehr.“
Aus Angst vor den Reaktionen beschließen die beiden, ihre Beziehung geheim zu halten. In Wien leben sie als Paar, sonst sind sie nur Freundinnen und Fußball-Kolleginnen bzw. sogar -Gegnerinnen. Vier harte Jahre folgen, in denen sie nicht einmal einen gemeinsamen Urlaub machen können. „Ich war immer ein Familienmensch; ich konnte einfach nicht meine Eltern anlügen und mit Steffi fortfahren.“ Irgendwann überwindet sich Susanna aus Liebe zur Partnerin, studiert daheim Prospekte und verkündet, allein verreisen zu wollen. „Dann sagt Papa plötzlich zu mir: ,Du kannst aber ruhig auch mit der Steffi auf Urlaub fahren‘“, lacht sie. Das brach das Eis. Auf den ersten Urlaub folgte eine gemeinsame Silvester-Feier mit der Familie, selbst die Omas finden schon lange nichts Exotisches mehr an den Enkelinnen.

 

"Ein bisschen Angst ist noch da, wie die Eltern unserer Schülerinnen und Schüler reagieren.", Susanna und Stefanie Koch-Lefevre



Heute alles wunderbar? Zwischen den beiden schon. „Wir leben eine unglaublich harmonische Beziehung; wir streiten praktisch nie“, sagen Susanna und Stefanie, als wir sie in ihrer Wiener Wohnung besuchen dürfen. Längst spielen die beiden gemeinsam beim FC Südburgenland (siehe Kurzbios der beiden auf S. 14); Susanna ist außerdem beim ASVÖ angestellt und vorrangig als Bewegungscoach in Volksschulen unterwegs, Stefanie unterrichtet Sport und Geschichte an einer AHS in Baden. „Wir haben es sicher leichter als homosexuelle Fußballer“, meint Stefanie, florierten doch abwertende Sprüche wie „ein schwuler Pass“ bis dato auf dem Fußballplatz. Nicht ohne Grund schufen ÖFB und Bundesliga kürzlich eine Homophobie-­Ombudsstelle; freilich könne man davon ausgehen, dass es auch bei den Männern nicht nur Heterosexuelle gibt. „Wie kann ein Sportler sein ganzes Potenzial entfalten, wenn er sich verstellen muss?“, grübelt Stefanie, die ihre Diplomarbeit über „Homosexualität im Fußball“ verfasste.

 

No high Heels. Die klassischen Brautschuhe wurden schnell getauscht.



Keine Lust auf blöde Sprüche. Sich ein bisschen zurücknehmen, das ist schon auch für Stefanie und Susanna noch Alltag. „Wenn wir an einer Männergruppe vorbeigehen, lassen wir reflex­artig die Hand aus“, erzählt Stefanie. „Man hat einfach keine Lust auf blöde Sprüche“, ergänzt Susanna. Noch viel mehr grübeln die Sportlerinnen, die beide gerne unterrichten, über den Umgang mit Schülerinnen und Schülern. „Auf der einen Seite wünscht du dir, dass für Kinder unsere Beziehung normal ist“, sagt Stefanie. „Auf der anderen Seite ist da immer ein bisschen Angst, wie ihre Eltern darauf reagieren.“ Noch scheinen sie auf der Suche nach der richtigen Dosis an Info. „Wenn mich eine Schülerin fragt, ob ich einen Mann habe, sage ich einfach nein – das stimmt ja auch“, lacht Susanna. „So mach ich’s auch“, schmunzelt Stefanie und dreht ihr Handy auf dem Tisch um: „Aber wer’s sehen will …“ Die Handyhülle ist mit einem traumhaften Foto von ihr und ihrer Frau bedruckt: beide in Weiß, bei ihrer Hochzeit.

 

Großer Auftritt. Der FC Südburgenland feiert seine Kapitänin und ihre Braut. Man achte an dieser Stelle auch auf die Schuhwerke der Fußballerinnen. Genial!

 


Kirchliche Trauung. „Ich dachte schon, sie fragt nie – ich durfte ja nicht, das wollte sie machen“, verrät Stefanie, die – wie ihre Ehefrau – mittlerweile den Doppelnamen Koch-Lefevre trägt. Susanna machte es besonders spannend: Nach elf Jahren Beziehung schickte sie ihre Partnerin am 30. Geburtstag auf eine Schnitzeljagd kreuz und quer durch Wien bzw. an für sie beide bedeutungsvolle Orte. Stefanie musste mit Helium gefüllte Luftballon-­Herzen zerplatzen, um jeweils den Hinweis zur nächsten Location zu bekommen. Beim Finale – da war Susanna äußerst ehrgeizig am Werk – musste sie auch noch ein Puzzle zusammensetzen, um die große Frage endlich mit einem Ja beantworten zu können. Der Antrag wurde dann noch mit zwei Verlobungsringen besiegelt.
Das zweite Ja folgte im Brautkleid im Schloss Hernstein bei der standesamtlichen Trauung. Pardon, bei der Begründung der eingetragenen Partnerschaft – in Anwesenheit von Großfamilie, Fußball-Kolleginnen und Freunden. „Dort feierten wir auch die kirchliche Trauung“, erzählt das Paar. Moment?! „Ja, unsere evangelische Pfarrerin war super. Sie sagte, vor Gott zählt nur die Liebe.“
Ein viertes Ja, weil 2019 endlich die Gesetzeslage geändert wurde, gaben sie einander im vergangenen Sommer, um offiziell Ehefrau und Ehefrau sein zu dürfen. Und die Eltern scharren schon in den Startlöchern, denn „wir möchten auch eine Familie gründen.“

 

Fotos: Vanessa Hartmann

 


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Susanna Koch (l.)

… wächst mit Fußball auf, ihre Mama ist heute FC-Südburgenland-Obfrau. Die Oberwarterin macht mit 21 als überhaupt jüngste TrainerIn (!) die A-Lizenz. Bis 2011 spielt sie bei der Nationalelf, heute ist sie ASVÖ-Bewegungscoach. In ihrer Diplomarbeit setzte sie sich mit der „Sozialisation von Fußballerinnen“ auseinander. Das Resümee in aller Kürze: Der Großteil erlebt eine Kindheit jenseits typischer Geschlechterrollen, vorrangig im Freien spielend.

Stefanie Lefevre (r.)

… wächst in Hinterbrühl auf; mit ihrem Bruder macht sie lange Sportakrobatik. Ihr Papa ist Hauptschullehrer, ihre Mama Modeberaterin. Erst mit 18 kommt sie zum Fußball, legt aber eine bemerkenswerte Karriere hin: Sie startet beim ASK Erlaa, wechselt dann zu SKN St. Pölten und spielt heute für den FC Südburgenland. Sie studierte Bewegung und Sport sowie Geschichte (Lehramt), ihre Diplomarbeit: „Homosexualität im Fußball“. Koch-Lefevre ist AHS-Lehrerin in Baden.