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People | 03.10.2019

Jedes Leben ist lebenswert

Die Signale des Körpers richtig deuten bedeutet auch, selbstkritisch zu fragen, ob man wirklich gut zu sich ist. Die AWARD-Gewinnerin Irene Thiel stellt im Kampf gegen Brustkrebs diese Frage sehr oft.

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© Thomas Luef

Frauen in ihrer Lebenssituation bestmöglich zu unterstützen: So versteht Irene Thiel nicht nur ihren Job, sondern auch ihr Leben. Die Gynäkologin und Leiterin des Brustgesundheitszentrums Süd in Weiz hat schon viele Frauen mit der Diagnose Brustkrebs begleitet, auch wenn es keine Heilung gab. Für ihren unermüdlichen Einsatz erhielt sie heuer einen STEIRERIN Award in der Kategorie „Die Macherin“. Brustkrebs ist nicht nur eine Krankheit, es ist ein Prozess, den man bestmöglich betreuen müsse, sagt die Expertin. Also nicht nur die Krankheit heilen, sondern die Patientin begleiten,  unter Berücksichtigung ihres gesamten Lebens. Denn ein Problem vieler Frauen sei, dass sie sich zu viel zumuten und oft ihre Grenzen überschreiten. „Krankheit entsteht im Endeffekt aus einer Schwäche des Körpers beziehungsweise des Abwehrsystems.“ Diese Erfarung machte die Gynäkologin selbst: Auch sie musste nach der Dia-gnose Brustkrebs ihr Leben neu ordnen.

Achtsamkeit. Die Signale des Körpers richtig deuten zu können, sei eine wichtige Aufgabe im Leben jeder Frau. Sie beobachtet dabei, dass sich gerade Frauen mit kleineren Kindern in den Anforderungen des Alltags verstricken. Und hier sei die Wertehaltung der Außenwelt im Sinne von „Du bist ja eh daheim und gehst nicht arbeiten“ nicht sehr hilfreich. Irene Thiel rät hier, die Kinder guten Gewissens auch einmal beim Vater zu lassen, um sich selbst eine Auszeit zu nehmen. Die Partner sehen so, dass Kinderbetreuung nicht immer ein Honiglecken ist. „Egal ob Meditation, ein Waldspaziergang oder einfach der Kaffee mit einer Freundin: Frauen müssen lernen, mehr auf sich zu schauen, Brustkrebs ist kein Schnupfen.“

Herzensentscheidung. Zu ihrem Fach kam sie über Umwege. Eigentlich war die Hotelfachschule Klessheim angedacht, da man der jungen Irene ein Talent zur Gastronomin nachsagte. Zur Medizin kam sie, als ihr geliebter Großvater im Sterbebett lag und fürchterliche Schmerzen hatte. Vor der Spezialisierung gab es noch die Überlegung, Kinderärztin zu werden, die nach einem Praktikum auf der kardiologischen Station dann doch ad acta gelegt wurde. Schwer kranke Kinder und verzweifelte Eltern waren doch zu viel. So kam Irene Thiel zur Gynäkologie, der Entschluss wurde zusätzlich bestärkt, als sie auf einem Kongress fast ausschließlich Männer erlebte, es in diesem Fach aber ausschließlich um Frauen geht. Heute zählt sie zu den besten Brustkrebsexpertinnen des Landes und ist bekannt dafür, Frauen den nötigen Raum zu geben, den sie brauchen.

 

Frauen müssen
stärker lernen,
auf sich zu schauen.
Brustkrebs ist
kein Schnupfen.

– Irene Thiel


Sterben gehört zum Leben. Das bedeutet für Irene Thiel auch, Frauen bis zum Tod zu begleiten. Doch 80 Prozent der Brustkrebspatientinnen können geheilt werden. Letztlich bleibt die traurige Realität: Eine von acht Österreicherinnen bekommt im Laufe ihres Lebens Brustkrebs. Wenn nicht eine genetische Veränderungen oder mehrere Risikofaktoren vorliegen, sei es leider einfach „Pech“, daran zu erkranken. Die hohen Heilungschancen bedeuten für Frauen auch, Vorsorge zu treffen und regelmäßig zur Mammografie zu gehen. Ausreichend bewiesen ist, dass Bewegung, gesunde Ernährung, Verzicht auf Nikotin und Alkohol in Maßen und ausreichender Schlaf die Krebschancen mindern. Irene Thiel ist auch wichtig, den Patientinnen Kraft zu geben, da-rüber zu reden. „Oft höre ich von Frauen Sätze wie ‚Meine Freundin meldet sich nicht mehr‘. Das ist normal. Gerade Angehörige sind sehr unsicher im Umgang mit Krebspatientinnen.“ Das bedeutet für diese Frauen, in einer Situation, in der sie schon schwach sind, stark sein und Angehörige und Freunde an der Hand nehmen zu müssen. „Viele Frauen wollen auch die Angehörigen damit nicht belasten. Das ist der falsche Weg.“ Wichtig wäre zu sagen, was sie in dieser Situation brauchen. Allein schon, um gestärkt in ein neues Leben zu gehen und nicht mehr in alte Muster zurückzufallen.

Schmerzhaft, aber lehrreich. Ihre Patientinnen habe die Krankheit stärker gemacht, bestätigt Irene Thiel. Dazu gehört auch oder gerade die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Das hat die Gynäkologin letztlich auch am eigenen Leib gespürt. „Vor 13 Jahren als Brustkrebsspezialistin zu erkranken, war eine schmerzhafte, aber lehrreiche Erfahrung.“ Seither ist sie gesund, gestärkt, dankbar und glücklich. „Das wünsche ich allen Frauen, die mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert sind.“