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People | 14.10.2019

Meinen Vogel muss ich selbst füttern

Vor gut 50 Jahren startete er einen Wahnsinnstrip, sagt Sepp Laubner. Dann gründete er mit Robert Schneider die Cselley Mühle. Ein biografischer Tauchgang zum 70er.

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"An der Kunst­akademie tat sich die Welt für mich auf, da spürte ich mich endlich.", Sepp Laubner © Vanessa Hartmann

Hörst du das?“, fragt er und dreht am Lautstärkeregler. Ö1 erfüllt mit Smetanas „Moldau“ sein Atelier in der Osliper Cselley Mühle. Ein Knarren unter seinen Füßen lenkt den Blick auf den Boden. Das Holz prahlt dort mit Scharen von Farbspritzern – sie stammen von einem der Großen des Landes: Sepp Laubner.

Seinen 70er diesen Oktober muss er ohne den vielseitigen Wegbegleiter begehen: Der Keramik-Künstler Robert Schneider, mit dem er 1975 „meterhohe“ Brennnesseln aus der Cselley Mühle schnitt, um sie in eine damals scheinbar utopische Ära eines Aktions- und Kulturzentrums zu führen, starb im April. Auch Sepp Laubner ging es gesundheitlich schon mal besser, da lenkt er das Wort lieber auf die Anfänge, wo das Interview zum Runden ohnehin fast zwingend ansetzen muss …

BURGENLÄNDERIN: Du bist schon so lange ein Aushängeschild des Landes, die meisten von uns wissen gar nicht: Wie bist du aufgewachsen?

Sepp Laubner: Im Penthouse (lacht). Mein Vater war Hausmeister im einstigen Raiffeisen-Haus in Eisenstadt; dort hatten wir die Dienstwohnung im Dachgeschoß. Das Schöne war, wenn er die nur einseitig beschriebenen Blätter aus den Büros aussortiert und mir mitgebracht hat. Ich hab’ gezeichnet, seit ich mich erinnern kann. Das ist bei Kindern ja normal, nur treibt man es ihnen viel zu oft aus. Mich hat aber mein Vater angespornt. Was der alles konnte! Als ich sechs war, baute er mir ein Elektroauto, mit dem ich durch den Schlosspark gekurvt bin.

Und deine Mutter?

Sie kümmerte sich um den Haushalt und war eher der strengere Part in der Erziehung (schmunzelt). Sie brach in Verzweiflung aus wegen der Kunstakademie. Sie hat gesagt: „Jetzt haben wir dich mit Mühe durch die Matura gebracht – und jetzt das?!“

Warst du nicht gern ein Schüler?

Das schon, aber kein guter. Ein paar Lehrer wollten mich zertrümmern; aber das haben sie nicht geschafft, weil ich im Sport gut war – ich war fast Österreich-Spitze als Leichtathlet – ich hab’ eine Band gehabt und konnte gut zeichnen. Ich hab’ damals meine ersten Deals gemacht: Wenn ich die Jeans meiner Kameraden mit dem Kuli verschönte, gab es dafür ein Bier (lacht). Ich war der Mathe-Trottel in einer Klasse, in der zwölf Leute später technische Mathematik studierten. Aber der Saal hat getobt, als ich das Matura-Zeugnis gekriegt habe. Der Klassenvorstand hat immer gesagt: „Laubner, du versitzt da einen Platz, lern lieber ein Handwerk.“ Meine Mutter ist von jedem Elternsprechtag „rearat“ (weinend, Anm.) heim; trotzdem hab’ ich den Rückhalt zu Hause gehabt.

War der kreative Weg für dich klar?

Meine Zeichenlehrerin hat gesagt, ich müsste auf die Akademie. Ich hätte nicht gewusst, was ich tue, wenn ich das nicht geschafft hätte. Von der sportlichen Laufbahn hat mich das zeitige Aufstehen abgeschreckt; ich bin ein Nachtmensch. Ein paar Hundert Leute haben sich damals an der Kunstakademie mit ihren Mappen beworben, aber es ist sich ausgegangen für mich.

Wie hast du das Studium erlebt?

Da hat sich für mich die Welt aufgetan. Ich musste zwar eine Zeit lang als U-Boot leben, weil ich aus dem Studentenheim geflogen bin …

Warum?

Wir haben in einer Versammlung beschlossen, dass wir nicht zulassen, dass die Miete gehoben wird. Dann haben alle den Schweif eingezogen, nur ein Steirer und ich sind übrig geblieben; darum haben sie uns rausgehaut. Ich bin dann nachts durch die Lokale gezogen und wenn morgens die Akademie aufgesperrt hat, habe ich mich auf den Matratzen der Aktmodelle ausgeschlafen. Irgendwann fanden wir glücklicherweise eine Wohnung und richteten sie her; dort habe ich meine Studienzeit verbracht. Eine super Zeit, endlich habe ich mich gespürt!

Wann hast du dich zum Abstrakten hingewandt?

Das ging schnell auf der Akademie; ich entwickle diese Geschichte aber seit 50 Jahren konsequent weiter. Ich kann an einem Bild ein Dreivierteljahr he­rumnudeln, bis dieses Konzert, das ich auf der Malfläche veranstalte, stimmig wird, sodass man die Kraft spürt, dass die Geschichte eine Seele bekommt …

Woher kommen die Ideen?

Das ist eine vage Geschichte. Eine Idee kann bei einem anderen Bild entstehen. Schiach ist eine weiße Fläche; da hat man keinen Vorschlag. Aber wenn der erste Spritzer drauf ist oder ich hab’ auch gern verschmutzte Leinwände, da hat man einen Einstieg. Überbleiben tut ja von dem, was am Anfang passiert, nichts. Es verschwinden unter Bildern mehrere Bilder. Wenn man es esoterisch sehen will: So tanken sie sich mit Energie auf. Die besten Bilder werden oft die, bei denen ich kämpfe und denke: Ich hau’ den Schmarrn weg. Manchmal verstecke ich das Bild sogar, einen Monat später geht es wieder weiter.

Geht es auch mal gar nicht?

Sicher. Dann räume ich auf, gieße Blumen, schreibe Mails. Wichtig ist, dass ich da bin. Oft fällt mir was ein, dann springe ich auf und mach’s. Das kann unangenehm sein, wenn ich Gäste hab’; aber ich kann da nicht anders.

Was soll beim Betrachter passieren?

Mir ist wichtig, dass das gelingt, was ich mir vorgenommen habe. Dass das, was ich herzeige, das Beste ist, wozu ich imstande bin. Aber natürlich gibt es Kraft, wenn jemand sagt: „Ich steh’ auf deine Bilder.“

War dir immer klar, dass du quasi die wichtigste Instanz sein musst?

Wer soll es sonst sein? Wenn du dich für eine künstlerische Laufbahn entscheidest, wenn du so einen Wahnsinnstrip startest, dann musst du irgendwie einen Vogel haben – und den musst du selber füttern. Bis so ein Lebenskonzept wirtschaftlich greift, das dauert. Bei mir waren es 20 Jahre ab der Akademie.

Bist du da nie verzagt?

Zu Beginn meiner Karriere hab’ ich nie nur gemalt, da war die Mühle und unterrichtet habe ich auch. Meine Mutter kam einmal von der Kirche am Sonntag heim und sagte, ich soll mich bei der Schwester Direktorin am Theresianum vorstellen, die brauchen einen Kunsterzieher. Ich hab’ gesagt: „Mutti, ich bin noch nicht mal mit dem Studium fertig.“ Der Lehrkörper bestand fast ausschließlich aus Lehrerinnen und Klosterschwestern – und ich hatte einen Vollbart, lange Federn und eine grüne Haarsträhne (schmunzelt). Aber sie haben mich eingestellt und gerne einige Jahre behalten. Das Unterrichten habe ich immer gemocht.

 

Ohne Plan B. Seit er denken kann, hat er gezeichnet. Wenngleich mit Talent ausgestattet, wäre eine sportliche Laufbahn nie eine Option gewesen, „das zeitige Aufstehen hat mich abgeschreckt“, lacht Sepp Laubner.


1976 hast du mit Robert Schneider die Cselley Mühle gegründet; wie habt ihr euch kennengelernt?

Beim Überziehen der Sperrstunden (lacht). Wir haben beide gefunden: Kulturell ist nichts los in Eisenstadt, wir brauchen was. So starteten wir in Großhöflein auf einem schönen Streckhof mit unseren ersten Geschichten: mit Konzerten und Ausstellungen. Den Angehörigen dort wurde es zu viel, da hat Robert die Cselley Mühle gefunden. Wir haben einen Pachtvertrag unterschrieben und die ganzen Leute, denen es langweilig war, zusammengetrieben, dass sie uns herrichten helfen. Während wir arbeiteten stand im Hof immer ein Auto mit Kassettenrecorder. Wir hörten Musiker wie den Flamenco-Gitarristen Paco de Lucia, da hab’ ich gesagt: „Der wird einmal bei uns spielen.“ – „Red keinen Blödsinn!“, meinten manche. Aber er kam, so wie viele andere Größen; Kabarettisten wie der Josef Hader oder der Andi Vitasek haben hier vor zwölf Leuten ihre ersten Kabaretts gemacht …

Dein Privatleben neben all dem?

Furchtbar manchmal. Meine damalige Frau hat große Nerven gehabt, sie war viel allein mit dem Kind. Andererseits war es für die Ina auch schön in der Mü’; ich hab’ ihr ein Häuschen gebaut, da waren Hunde und Katzen, sie malte viel. Aber wenn du in deine Projekte volles Rohr reinfährst, entsteht privat ein Vakuum; wir entfernten uns voneinander. Ausgerechnet da habe ich Gabi kennengelernt und mich sehr verknallt. Wir sind heute seit mehr als 20 Jahren zusammen, vor neun Jahren haben wir am Zauchensee geheiratet.

Hörst du gerne, was die Menschen in deinen Bildern sehen?

Sicher. Wenn die Leute mit meinen Bildern leben, erzählen sie sehr stimmige Sachen. Ihre Geschichten kommen dann sehr nahe dorthin, wo ich beim Malen war. Das ist richtig gut.

Bist du eigentlich gläubig?

Ich glaube, dass es ein großes Konzept gibt, dass wir da sind, um etwas Sinnvolles zu tun. Das probiere ich und ein bisserl was wird überbleiben von mir. Da war viel Engagement für die Mühle; ich hätte woanders hingehen müssen, dann wäre ich ein internationaler Maler geworden …

Bereust du da etwas?

Nein, die Möglichkeit, es anders zu machen, hat man fast immer. Wir hatten eine Vision: Hier sollte sich die Welt die Klinke in die Hand geben und das Experiment Cselley Mühle ist ja gelungen. Aber heuer bin ich 70 und brauche als Berufsjugendlicher nicht irgendwas vortanzen; ich werde mich zurückziehen.

Was wünschst du dir zum 70er?

Gesundheit.

Deine Vision: Malen bis zum letzten Atemzug?

Ja. Mit dem habe ich angefangen, mit dem höre ich auch auf. Das ist der rote Faden durch mein Leben. Mein Gerüst, mein Haltegriff, meine Motivation. Da sind noch etliche Bilder zu machen.

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Bilder unter Bildern. Monatelang und mehrfach übermalt Laubner oft ein Bild, „bis das Konzert, das ich auf der Malfläche veranstalte, stimmig ist“, sagt er.

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Daheim in der Mü’. Seit der Gründung 1976 hat Laubner sein Atelier in Oslip.

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Kurzbio

Sepp Laubner

… wurde am 25. Oktober 1949 geboren und wuchs in Eisenstadt auf. Nach der Matura studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, 1971 wurde sein Schaffen ebendort mit dem Fügerpreis gewürdigt, 1982 bekam er ein Staatsstipendium für Malerei. 1977 erhielt er den Preis der „Burgenlandstiftung Theodor Kery“, im vergangenen Sommer wurde er mit dem Kulturpreis des Landes ausgezeichnet. 1976 gründete er gemeinsam mit Robert Schneider das Kultur- und Aktionszentrum Cselley Mühle Oslip. Seinen Arbeiten wurden bereits mehrmals Ausstellungen in der Landesgalerie Burgenland gewidmet; ebenso gastierte er mit seinen Bildern unter anderem in Ungarn, Deutschland und den USA. Er ist in zweiter Ehe mit Gabriela Laubner verheiratet, Vater der 35-jährigen Ina und zweifacher Großvater.