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People | 26.11.2019

Mein Tod ist gestorben

Den „Tatort“ sieht Hubsi Kramar nicht. Er hat keinen Fernseher. Als „Hitler am Opernball“ regte der Schauspieler international auf, jetzt inszeniert er Nestroy und lebt mit Tante Frieda in Steinberg-Dörfl.

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© Vanessa Hartmann

"Pension Fritzl“. Seine Mediensatire brannte sich ins Gedächtnis. Noch vor Prozessbeginn gegen Josef Fritzl, der seine Tochter im Keller festhielt und mit ihr Kinder zeugte, fand die Aufführung in Wien statt. Die Boulevardmedien wetterten gegen den Theatermacher und Aktionisten Hubsi Kramar, er erhielt sogar Morddrohungen. Zur Premiere kamen allein mehr als 60 Fernsehstationen. „Ich hab’ gesagt: Nur wer mir verspricht, die strukturelle Gewalt von Männern gegen Frauen zu beschreiben, dass das System hat und es nicht nur einen Fritzl gibt, bekommt ein Interview“, erinnert sich Kramar, 71. „Plötzlich kamen solche Fälle auch in anderen Ländern an die Öffentlichkeit.“

Schon 2000 verschaffte er sich und den Themen, die ihm bis heute Albträume bescheren – der Faschismus und der Holocaust – internationale Medienpräsenz: Er kostümierte sich als Hitler und fuhr zum Opernball.
Gegen Ungerechtigkeiten wettert er aktuell im Wiener Theater Akzent. Er führt Regie und spielt Nestroys „Frühere Verhältnisse“ (Info S. 11). In Steinberg-Dörfl fand er ein feines Refugium, das er mit Tante Frieda teilt, seiner Liebe auf vier Beinen. Einen ganzen Nachmittag schenkt uns der belesene Mann, der seine Tage mit einem Kopfstand beginnt und auf die Apfelessigkur schwört. Hier finden Sie das alkoholfreie Destillat dieses Gesprächs.


BURGENLÄNDERIN: Wie wurde Ihr Feuer für Ihr Tun geweckt?

Hubsi Kramar: Das ist wie die Kette im Meer, wo man Glied für Glied hochziehen muss, wenn man das verstehen will. Mein Vater, ein Antifaschist, war an der Ostfront; ich war das jüngste von sieben Kindern. Ich habe mich oft gefragt, warum ich wie verrückt so viel mache. Eine Freundin meinte: „Weil du noch immer gegen deine Geschwister kämpfst.“ Wer ich bin? Ich weiß es nicht. Ich kann alles spielen: eine alte Frau, junge Männer, Päpste und Bettler. Das ist das größte Privileg: zu spielen. Wäre ich woanders geboren worden, wäre das vielleicht nicht möglich. Unsere Väter kehrten schuldig und krank aus dem Krieg heim, wenn überhaupt, später bekamen wir bürgerlichen Kinder den Wohlstand, die Freiheit – und die Frauen die Waschmaschine. Was die geleistet haben, das kann man sich nicht vorstellen. Machen Sie das mal, mit sieben Kindern ohne Waschmaschine …!

Ich würde das mit zwei nicht schaffen. Sie selbst haben einen erwachsenen Sohn – waren Sie je verheiratet?

Das war nie was für mich. Ich hab’ oft gesehen, wie sich die Leute trennen. Die Liebe hat viele Gesichter, man weiß zu wenig, wenn man jung ist. Man verändert sich, wenn man nicht miteinander daran arbeitet, geht’s auseinander. Man kann immer Eselsohren kriegen wie in Shakespeares „Sommernachtstraum“. Es kann einem immer dieses Elixier eingeträufelt werden … Oder man trifft zufällig jemanden, mit dem es hält. Selten, aber es passiert. Ich kann’s nicht sagen.

Haben Sie das nicht erlebt?

Ich war viel verliebt. Und dann habe ich irgendwann die Liebe verloren. Ich wusste: Die Frau werde ich immer lieben.

… sollte es nicht mehr sein?

Ich hab’ mal in einem Obdachlosenheim gearbeitet. Da waren Männer, die haben mal 70.000 Schilling (ca. 5.000 Euro) verdient, dann hat die Frau gesagt: „Weißt was, geh!“ Erst da kamen sie drauf, was sie verloren haben. Dann kam der Alkohol, der Job war weg und sie wurden obdachlos.

… und Ihre verlorene Liebe?

Die Frau hat eine Entwicklung durchgemacht, sodass es für sie nicht mehr möglich war. Frauen haben ja ganz andere Prozesse: Sie bekommen ein Kind, da wird alles so radikal anders, sie kommen in die Menopause … Ich hab’ immer gesagt: Schreib mir „die roten Tage“ in den Kalender. Das sind so einfache Dinge, man muss nur reden. Wie beim Sex: Wenn ich dem Partner sage, was ich will, ist es leicht. Wenn ich mir denk’, der wird’s wissen … der kommt nie drauf!

Wie kommt man aus Scheibbs ans Reinhardt-Seminar?

Mit dem Theater habe ich lange nix am Hut gehabt. Dann hörte ich von Grotowski (Theaterreformer, Anm.), der war das Nonplusultra Ende der 1960er. Da hab’ ich mir gedacht: Ich lerne ein paar Rollen und schau, ob ich reinkomm’. Mein Vater hat gesagt: „Warum studierst nicht Medizin?“ Meine Mutter wollte Balletttänzerin werden, die war offen. Dann sind da 500 Leute angetreten. Es gibt im Theater so Klischee-Rollen wie den Burschen vom Land – da fiel das Los offenbar auf mich.

 

"Menschen haben verschiedene Anlagen, aber sie sind gleichwertig."
Bild: Seine Göttin, seine Lehrerin. Der Künstler mit Tante Frieda

 

Also ziemlich unaufgeregt?

Ich hab’ keine Idole gehabt; mir ist das wurscht, wenn der Papst reinkommt, Menschen sind für mich einer wie der andere. So war meine Erziehung. Man darf nur nie was gegen einen anderen machen. Das ist Respekt. Ich bin ja ein Taoist (chinesische Philosophie, Anm.).

Was bedeutet das für Sie?

Da gibt es nicht diese Geschichten vom lieben Gott. Wenn ich mit der Bibel schon anfange! Man isst nicht vom Baum der Erkenntnis, sonst kommt man in die Hölle. Ich soll nicht denken? Eine Herrschaftsideologie! Frauen sind schuld? An was?! Taoistisch bedeutet: Alles ist offen. Wer an der Unsicherheit zweifelt, ist verloren; der Tod ist Erlösung.

Sie haben auch Sterbebegleitung gemacht …

Das Wichtigste, was ich da lernte: Es sind nur die gut gestorben, die losließen. Das ist im Leben genauso: Besser, man lässt all die Erwartungen an den Partner, an den Beruf, ans Leben los. Gestern ist nimmer, morgen ist noch nicht.

Woher rührt Ihr rebellischer Zorn?

In einer Großfamilie ist man sozial codiert; man hat ein Bewusstsein für Ungerechtigkeit. Zuerst habe ich unbewusst revoltiert, dann mich bewusst mit der Geschichte beschäftigt. Wie kam es zum Holocaust und zu einem Hitler, diesem Volltrottel? Es geht immer um Geldverteilung. Die einen lassen das Kapital arbeiten, die anderen arbeiten sich zum Krüppel. Jeder hat ein Talent, der eine putzt den Boden, der andere baut einen Weltraumroboter, aber wir sind gleichwertig. Viele sind neurotisch, kehren ihre Energie in Probleme. Sie gehen nicht offen in die Welt, dabei ist alles da, man muss nur wach sein.

Kennen Sie Angst?

Nein. Aber es gibt Verletzungen in den Menschen, die Ängste nähren. Man muss schauen, woher das kommt. Ich bin dankbar für mein Glück: nicht im Krieg geboren, konnte studieren, verliebte mich in die, die sich in mich verliebten.

Sie schauen richtig jung aus mit 71 …

Ich mach’ meine Stretches, achte auf meine Ernährung. Der Körper ist eine Maschine, muss gewartet werden. Ich reinige mich geistig mit Meditationen und viel Ausatmen. Wir haben den Rhythmus eines Meereswesens, ich hab’s leicht: Ich fahre seit 50 Jahren jeden Winter nach Marokko. Die Leute leben oft kompliziert, aber wenn man Dinge, die nicht guttun, loslässt, ausatmet, den Fernseher weggibt …
Sie sind Oberst Rauter in „Tatort“ …!
Das war auch Glück! Da hieß es: „Du bist ein bekannter Anarchist. Das wär’ super, wenn du den obersten Polizisten spielst.“ So ist das eine Chuzpe (schmunzelt). Andere rennen, dass sie Rollen kriegen, das tat ich nie. Es kam immer was. Ich hab’ sowieso mein ganzes Geld ins Theater gesteckt. Geld hat für mich keine Bedeutung, die Menschen können nie genug haben. Die Liebe ist wichtig, die kostet nichts.

Das klingt nach viel Leichtigkeit, aber Sie arbeiten viel …

Aber mit Lust – ich bin ja ein Spieler! Vielleicht habe ich’s leicht, weil meine Eltern ein Liebespaar waren.

 

 

Walk & Talk. Hubsi Kramar mit V. Kery-Erdélyi

 

Wollten Sie mit Ihren Protestaktionen Augen öffnen?

Ich komme aus einer Zeit, als es Ideologien gab und richtig und falsch. Wir glaubten, dass die Menschen sich zum Besseren verändern wollen. Der Kapitalismus, der Neoliberalismus  haben alles weggefegt. Jetzt haben wir Handys und die Menschen glauben, sie sind im Zentrum. Sie schreiben: „Ich war gerade am Klo“ – und glauben, sie sind dadurch wer. Aber wir sind 7,5 Milliarden, wir sind niemand. Wenn man einfacher wird, hat man bessere Gefühle.

Sie inszenieren und spielen in „Frühere Verhältnisse“. Was sollen die Menschen mitnehmen?

Nestroy konnte die Menschen sehr gut satirisch beschreiben, die Geschichten sind so aktuell. Wir haben tolle Texte dazugeschrieben, beispielsweise zur Verlogenheit der Fernseh-Diskussionen (im Wahlkampf, Anm.). Man muss seine Energie nicht verwenden, um reich zu werden. Wenn es jedem gelänge, dass er einem anderen hilft, das Leben besser zu bewältigen, hat das Leben einen Sinn.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Ich hab’ geträumt, es klopft, vor der Tür steht der Tod mit der Sense. Ich sage: „Aha, ist es so weit?“ Er sagt Ja und stirbt. Dadurch ist mein Tod gestorben (lacht). Das Training jeden Tag und alles andere braucht Disziplin; die Maschine wird halt älter. Ich sehe meine Zukunft aber positiv: Es ist eine Erlösung, wenn man nicht mehr sein muss.

Wirklich?

Ja, sicher. Ich geh’ wahnsinnig gern schlafen.

 

Theaterproduktion

Mit Nestroys bitterböser Gesellschaftssatire „Frühere Verhältnisse“ sezieren Adriana Zartl, Julian Loidl, Tania Golden und Hubsi Kramar genussvoll aktuelle politische Zustände:

Ab 6. November im Theater Akzent, www.akzent.at

Hubsi Kramer
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"Wenn man jemandem helfen kann, etwas besser zu bewältigen, dann hat das Leben einen Sinn.", Hubsi Kramar

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Kurzbiografie

Hubert Kramar wurde 1948 in Scheibbs geboren – als siebentes Kind eines Arztes und einer Sport- und Englischlehrerin. Er studierte unter anderem am Max-Reinhardt-Seminar und an der Harvard University und lernte etwa bei Jerzy Grotowski in Polen. Hubsi Kramar ist Theatermacher, politischer Provokateur, Schauspieler (seit 2005 Polizeichef Rauter in „Tatort“) und schrieb selbst zig Theaterstücke. Er wohnt in Wien und in Steinberg-Dörfl und ist Vater eines Sohnes, 32, der in Dublin lebt.