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People | 02.12.2019

Musik & Denken

Die Singer-Songwriterin Mira Lu Kovacs spielt, singt, wirkt in mindestens drei Bands und pannonische Wurzeln hat sie auch.

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© Hanna Fasching

Sie gendert. Ganz unaufgeregt. Manchmal nimmt sie sich die Zeit, die weibliche und die männliche Form auszusprechen, manchmal macht sie eine winzige Pause quasi vor dem großen I. Feminismus ist für Mira Lu Kovacs kein Modetrend, den man mittels fancy Slogans am Gewand spazieren trägt, kritisiert sie trocken. Feminismus ist eine Lebenseinstellung – „und er ist für Frauen wie Männer da“, betont sie. Drei Formationen bereichert die musizierende Poetin und Denkerin; Anfang Dezember steht sie mit einem zehnköpfigen Ensemble auf der Bühne. Lücken gibt es wenige im Kalender, eine schenkte sie uns.

BURGENLÄNDERIN: Wie ist dein pannonischer Background, was verbindest du heute mit dem Burgenland?

Ich bin da geboren, die Hälfte meiner Familie ist im Burgenland zu Hause. Ich verbinde damit Papa-Wochenenden, zwei Mal im Monat, Erinnerungen an meine Oma, die auf ORF2 Roy-Black- und Peter-Alexander-Filme schaute (schmunzelt). Erst mit Anfang 20, als ich das erste Mal in Innsbruck war, habe ich gespürt, was das mit einem macht, wenn man von Bergen umgeben ist. Das sind schöne Begegnungen und Momente, wenn man auf den Berg geht, aber da habe ich erst verstanden, dass ich gerne eine Flachländerin bin. Ich mag die Weite, dass man weit sehen kann, das passt gut zu mir. Ich fahre gerne zu meiner Familie ins Burgenland, da spüre ich Ruhe und Bodenhaftung.

Du spielst in mehreren Formationen, laufend erscheinen neue Alben. Woher kommt so viel kreativer Output? Was inspiriert dich?

Ich führe ständig Buch darüber, was in mir vorgeht. Es sind manchmal existenziellere, manchmal gesellschaftspolitischere Themen, die wiederkehren, die sich aber stets entwickeln. Ich versuche, den Dingen immer genauer auf den Grund zu gehen. Manchmal geht es um kleine Alltagssituationen, die mich berühren, verletzen, irritieren … Ich umgebe mich mit vielen verschiedenen Menschen, das inspiriert mich sehr. Mit den einen kommuniziere ich mal per Augenzwinkern, mit anderen debattiere ich. Ich hab’ auch keine Angst vor Konfrontation, manchmal müssen Themen ganz direkt angesprochen und soweit es überhaupt geht, ausdiskutiert werden. Und manchmal braucht es das nicht. Inspiration kann aber auch ein neues Musikinstrument sein; insofern hat mich gerade das Klavier ein bisschen gepackt. 2019 habe ich so viel gearbeitet, dass es mich selbst verwundert, dass ich doch Output habe. Tatsächlich habe ich wieder einige Songs beisammen, die ich mir im Winter im Studio anschauen werde. Das Nächste, was ich release, wird als Trio unter meinem Namen sein (neue Besetzung, der Name „Schmieds Puls“ geht, Anm.); da freue ich mich, dass ich Genregrenzen aufbreche.

 

REFLEKTIERT. Die vielseitige Künstlerin Mira Lu Kovacs © Ina Aydogan

 

Wovon handeln deine Texte, wie wichtig ist der Inhalt?

Sehr. Mir gefällt es, wenn die Texte verschnörkselt und abstrakt sind, aber ich bemühe mich, nicht zu sehr abzudriften – weil ich weiß, dass es mir als Zuhörerin auch taugt, wenn ich Texte direkt nachvollziehen kann. Sie können in der Musik eine weitere Ebene aufmachen. Ich bin stolz auf das aktuelle „5K HD“-Album; das sind auch sehr abstrakte Texte, aber zum Teil sehr klar. Ich behandle darin meistens Gefühlszustände, es sind Liebeslieder, wenn man so will, weil sie von der Nähe von mir zu mir oder zu jemand anderem, auch zur Familie, handeln. Dabei merke ich plötzlich, wie vielschichtig meine Sätze wirken können: Man kann sie als Liebeslied oder als Gesellschaftskritik lesen.

„5K HD“ ist für die „Music Moves Europa Talent Awards 2020“ nominiert, dein Trio ist neu aufgestellt und du spielst bei „My Ugly Clementine“. Wie sind die Missionen jeweils?

Das sind tatsächlich komplett unterschiedliche Rollen, unterschiedliche Aggregatzustände. „5K HD“ ist eine große Mission mit fünf Leuten; ich habe mir zwar beim neuen Album mehr Text verpasst, aber ich habe kein zweites Instrument – ich kann in der Konstellation ziemlich entspannt arbeiten und bin trotzdem Frontfrau. Mit „5K HD“ brechen wir ein Schema auf; wir zeigen, dass es durchdacht und komplex sein kann, ohne zu überfordern. Jedes Konzert reißt mich selbst mittlerweile so mit, dass ich mich bewegen muss. „My Ugly Clementine“ hat ebenso hohe Qualität; es ist noch recht frisch und macht sehr viel Spaß. Ich darf hier mit unglaublich gescheiten Personen spielen – erstmals nicht als Frontfrau, sondern als Side-Woman. Beim Trio „Mira Lu Kovacs“ bin ich die Chefin und darf machen, was ich will (schmunzelt).

Im Dezember trittst du mit einem zehnköpfigen Ensemble und einem langjährigen Wegbegleiter, Clemens Wenger, in Wien auf. Was verbirgt sich hinter „The Urge of Night“?

Clemens und ich hatten schon vor Jahren die Idee, meine Songs in einen größeren klang­lichen Kontext zu gießen. Er ist jemand, dem ich musikalisch hundertprozentig vertraue; er hat die Arrangements geschrieben und ich musste nichts hinterfragen. Wir haben das das erste Mal in Krems gespielt (beim Festival „Glatt & Verkehrt“, Anm.); meine Lieder in dieser speziellen Besetzung – es ist auch ein Hornquartett dabei – zu singen und zu spielen, fühlt sich wahnsinnig schön an.

Du beschreitest auch völlig neue Wege: als Kuratorin des Wiener Popfestes im vergangenen Sommer und mit einer szenischen Produktion. Eine bewusste Horizonterweiterung?

Als sich die Möglichkeit mit dem Popfest bot, wusste ich sofort, dass es eine spannende Aufgabe ist. Mit einer Partnerin wie Yasmo (Rapperin, Poetin, Anm.) war das – ohne überheblich klingen zu wollen – eine leichte Übung. Wir waren uns wahnsinnig einig, trotzdem haben wir uns auch gegenseitig inspiriert und neue Sachen gezeigt. Diese Arbeit ist wichtig für die Branche; ich weiß, wo die Hürden liegen und bringe mich gerne auf diese Weise ein. Und „Ganymed in Love“ war ein Projekt des Kunsthistorischen Museums, das in Richtung Performance ging. Schauspielen hat mich immer schon interessiert. Hoffentlich mehr davon in Zukunft!

 

"Feminismus ist niemandes Feind. Er gehört ebenso mit Männern besprochen, wenn auch sie sich von alten Mustern befreien wollen.", Mira Lu Kovacs

 

Wie geht es Frauen im Musikbusiness?

Mit „My Ugly Clementine“ sind wir eine reine female Crew, von der Technik bis hin zur Band. Schlimm ist, wie viel Sexismen wir allerorts und durchwegs erfahren, die Branche ist keinesfalls plötzlich sexismusfrei! Es kann richtig altertümlich und derb zugehen, sodass wir selbst verdutzt sind. Das reicht von komischen Blicken bis hin zur Unterstellung, dass wir den Rider nicht korrekt gelistet haben (Dokument mit den technischen Anforderungen für den Auftritt, Anm.). Aber: Dass nur alte Männer-Netzwerke bedient werden, bricht langsam auf. Wir begegnen immer mehr Frauen und nichtbinären Künstler*innen (Mira Lu Kovacs lag diese Schreibweise am Herzen, Anm.), besonders Festivals werden aufmerksamer und spannender gebookt, das Bewusstsein steigt immerhin. Wir hoffen, dass das nicht nur eine Modeerscheinung ist.

Du sagtest vor ein paar Jahren, du wärst furchtbar nervös vor jedem Auftritt. Bist du heute weniger streng zu dir?

Nein, leider (lacht). Hätte ich nicht meine hohen Ansprüche, hätte ich Angst, dass ich mich nicht weiterentwickle. Aber ich lerne, nicht alles persönlich zu nehmen. Das ist schwierig, denn als Songwriterin, Musikerin, Sängerin, die ganz vorne steht, ist eben alles persönlich und emotional. Trotzdem versuche ich zu abstrahieren und Bewertungen nicht auf mich, sondern auf eine Situation, ein Erscheinungsbild zu beziehen. Die Nervosität wird weniger, ich sage mir: „Wenn du dich nicht entspannst, bist du nicht anwesend, dann hast du keine Freude und ohne die macht das alles keinen Sinn.“

Falls die Frage zulässig ist: Wie sieht es privat aus?

Die Beziehungsfrage beantworte ich nicht so gerne. Nur so viel: Ich erlebe immer wieder ein gigantisches Auf und Ab. Ich liebe und lebe sehr intensiv. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber aufwendig, weil das eine ständige Reflexion meines Lebenskonstrukts bedeutet. Ich habe mich in den vergangenen Jahren sehr, sehr stark weiterentwickelt – und bewege mich nicht sehr starr in traditionellen Mustern. So, jetzt habe ich ein Mysterium aufgemacht (lacht).

Was bedeutet dir der Feminismus?

Es ist eine Lebenseinstellung, wie viel man sich mit seinem Leben, den Gegebenheiten auseinandersetzt, ob man hinterfragt, was freie Entscheidungen sind, wem mein Körper gehört. Feminismus ist niemandes Feind, er ist für alle da, um alte, nicht hinterfragte Systeme aufzurütteln. Das wird mich mein ganzes Leben beschäftigen. Es muss auch ganz viel mit und von Männern besprochen werden, wenn auch sie interessiert sind, sich selbst von alten Mustern und Rollen zu befreien. Feminismus ist nicht allein Frauensache. Feminismus ist wertlos, wenn er nicht intersektionell ist.

Bands
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Side-woman.

Mira Lu in der Formation „My Ugly Clementine“.

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Neue Besetzung.

Das Trio heißt nun „Mira Lu Kovacs“ – mit Kathrin Kolleritsch (l.) und Beate Wiesinger.

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The Urge of Night.

Clemens Wenger schrieb die Arrangements.

Live: 9. Dezember, Stadtsaal Wien.

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Frontfrau.

In der Experimental-Pop-Formation „5K HD“.

Kurzbio & Konzerte

Mira Lu Kovacs wuchs im Burgenland und in Niederösterreich auf. Sie besuchte ein Musikgymnasium in Wien, brach das Studium nach sechs Jahren an der Bruckner Uni in Linz ab, weil ihr das Korsett zu eng war. Als Frontfrau von „Schmieds Puls“ brachte sie drei Alben heraus; seit Kurzem gibt es eine rein weibliche Besetzung alias „Mira Lu Kovacs“. Sie ist Frontfrau von „5K HD“ und Bandmitglied von „My Ugly Clementine“. 2016 wurde sie mit dem „FM4 Amadeus Award 2016“ ausgezeichnet, 2019 kuratierte sie das Wiener Popfest.

Die nächsten Gigs:

  • 10. Nov., Klosterneuburg
  • 29. Nov., Graz
  • 9. Dez., Wien

 

Fotos Ina Aydogan, Hanna Fasching, Mani Froh