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People | 02.01.2020

Gemeinsam geschafft

Andere machen zusammen einen Strandurlaub, Michael Strasser und Kerstin Quirchmayr wagten einen Weltrekordversuch.

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Happy @ Home. Radtour im Burgenland mit Stopp in Purbach. © Samuel Renner

Es war finster

Kerstin Quirchmayr parkte am Straßenrand, irgendwo in Mexiko. Michael Strasser lehnte am Auto, die zwei unterhielten sich über das Beifahrerfenster. Plötzlich rasen zwei Scheinwerfer auf sie zu. „Ich bin sofort in den Graben gesprungen“, schildert Michael. Der Lenker des Neun-Tonnen-­Trucks übersah den Wagen, kracht hinein, schiebt ihn vor sich her; Kerstin rettet sich in letzter Sekunde aus dem bereits rollenden Fahrzeug. „Um einen Wimpernschlag wäre das sehr schlecht ausgegangen“, sagt der Extremsportler. „Und das, wo wir uns schon seit Wochen fragten: Wie viel kann noch schiefgehen?“, ergänzt Kerstin.

„Ice 2 Ice“ heißt der Weltrekordversuch, den Michael Strasser, aufgewachsen im Leithagebirge, im Vorjahr wagt. Es ist nicht das erste Mal, dass er Grenzen auslotet. Diesmal will er in unter 100 Tagen von Alaska nach Patagonien radeln, 23.000 Kilometer durch 14 Länder. Menschen, die sich von seinem Feuer und seinen Visionen anstecken lassen, die sich fürs Gelingen engagieren, umgeben ihn seit Jahren. Kerstin Quirchmayr ist neu im Team. Und sie ist mehr: Die ebenfalls leidenschaftliche Sportlerin ist seine Lebenspartnerin. Monatelang bereitet sie mit ihm das Projekt akribisch vor, sie will für die Zeit des Weltrekordversuchs im Job pausieren; im Begleitfahrzeug wird sie stets an seiner Seite sein. „Das ist eine ,once in a lifetime experience‘“, lacht sie im Interview vor dem Start.

In jener Nacht in Mexiko bleibt es nicht bei einem Schock. Der Unfall dürfte Kerstins Nierenstein mobilisiert haben, wenige Stunden später windet sich die sonst zähe junge Frau vor Schmerzen, kein Mittel hilft. Michael Strasser setzt sich ans Steuer des demolierten Wagens und bringt seine Freundin zurück in die USA ins Krankenhaus von Del Rio. Doch nicht einmal da denkt sie an einen Ausstieg aus dem Abenteuer. „Dafür hatte ich schon einen Plan B: die anderen sollten mit Michi die Tour fortsetzen, ich wäre ihnen nachgeflogen.“ Da ist sie bereits so geschwächt, „dass ich sie vom Parkplatz ins Spital tragen musste.“ Sie wird gut versorgt und mit Schmerzmitteln ausgestattet, danach findet „Ice 2 Ice“ seine Fortsetzung – fünf Tage später ist Kerstins Nierenstein Geschichte.

Impressionen
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Service für Körper und Geist. Michael Strasser und Kerstin Quirchmayr mit PhysiotherapeutinViola Minixhofer.

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Kraft geben. Innige Momente bei der „Ice 2 Ice“-Tour

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Extreme. Von Schneesturm bis sengender Hitze war alles dabei auf der Tour durch 14 Länder.

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Nach nur 84,5 Tagen gelang Michael Strasser der Weltrekord. Und nicht nur das: Das eingebettete Spendenprojekt übertraf alle Erwartungen: Mehr als 50.000 Euro Reingewinn. Auslöser für das Vorhaben war die Diagnose von Michaels ehemaliger Mitbewohnerin Sarah. Sie leidet an ALS, einer Krankheit, „bei der alle Muskeln degenerieren“, beschreibt Kerstin. Die frühere passionierte Sportlerin ist mittlerweile ein Pflegefall, kann nur mittels spezieller Computer mit Augenbewegungen schreiben. „Zuletzt ermöglichten ihr Freunde eine Alpenwanderung. Sie trugen sie in einer Art Sänfte mit Rad“, schildert Michael. „Manche wählen mit dieser Diagnose den Freitod. Sarah aber sieht es als ihre Aufgabe, zu zeigen, was noch alles geht, dass all das kein Grund ist, das Leben wegzuschmeißen.“ Eine Hälfte des „Ice 2 Ice“-Reingewinns geht an die ALS Hilfe Österreich, die andere in die Forschung der ebenfalls seltenen Krankheit chronisches Ermüdungssyndrom (ME).
Wenn mal wieder auf der Tour Schnee, Sturm oder schüttender Regen ins Gesicht peitschten oder etwa in Texas das Thermometer auf über 50 Grad kletterte, war es der Gedanke an Sarah, der Michael Strasser stets zum Weiterradeln motivierte. Oder Menschen, die sich vom Spirit der Tour anstecken ließen. Es kamen unterwegs viele E-Mails, in denen sie ihre Lebensgeschichten erzählten, wie sie Krankheiten überwinden konnten und „wie wichtig es für sie sei, dass Michi weitermacht“, erzählt Kerstin. Manche begeisterte der Weltrekordversuch dermaßen, dass sie weite Fahrten auf sich nahmen, um ihnen zu begegnen. In Kolumbien trafen sie den gebürtigen Kärntner Fritz, der mit einem Schweizer dort Würste erzeugt. „Er ist 600 Kilometer gefahren, um uns zu treffen, und versorgte uns mit 30 Kilo Käsekrainer, Leberkäse, Wurst“, schildert Kerstin.


Tränen

Die letzte Etappe wird ex­trem: 462 Kilometer will Michael ohne Schlaf zurücklegen. Knapp bevor sie ankommen, kämpft Kerstin mit den Tränen. „Mein Körper hat schon vorher gewusst, dass das Ziel naht.“ Es folgt eine geschichtsträchtige Umarmung vor dem „End of the World“-Schild – „und danach die für mich schönsten Stunden meines Lebens“, sagt Michael. Sich physisch und psychisch von den Strapazen zu erholen, dauerte Monate. Mittlerweile ist bei den beiden quasi wieder Alltag eingekehrt. Michael gibt laufend Sportkurse und organisiert „Racing 4 Charity“-Radtouren. Kerstin ist wieder in ihren Job als Applikationsspezialistin für Labordiagnostik-Geräte eingestiegen. Jede Minute Freizeit gehört weiter dem Sport: Einmal radeln sie von Wien zum Großglockner, um ihn zu besteigen, ein anderes Mal bezwingen sie die Watzmann-Ostwand.

Groß ist das Interesse für Michaels Vorträge über „Ice 2 Ice“; mehr als 50 hielt er bislang, häufig in Sälen, die aus allen Nähten platzten. „Jeder, der kommt, soll sich am Ende denken: Oida, wie viel kann schiefgehen und man macht trotzdem weiter“, lacht er. „Ich erzähle von vielen Rückschlägen, beginne und höre aber mit schönen Bildern auf. Es ist motivierend, ohne dass es ein Motivationsvortrag ist.“ Im Rahmen eines großen Events wird am 5. Dezember im Wiener Gartenbau­kino die Doku „Ice 2 Ice“ präsentiert; anfangs hatten Michael und Kerstin großen Respekt vor den 750 Sitzplätzen, doch der Saal ist seit Wochen ausverkauft. Danach soll der Film auf Servus TV ausgestrahlt werden.

Erst ein Jahr waren Kerstin und Michael zusammen, als der Startschuss fiel. „Wie krass diese Tour wird, kann man sich im Vorfeld nicht vorstellen. Aber wir wussten, dass für diesen Zeitraum die Beziehung sozusagen auf Eis liegt“, beschreibt sie. Das Team auf engstem Raum, stets unter Zeitdruck, viele unvorhergesehene Geschehnisse – für Romantik war da freilich keine Zeit. „Aber diese Innigkeit, und wenn es nur Minuten vor dem Einschlafen waren, die war in vielen Momenten gut.“ Er ergänzt in der Sekunde: „Hätten wir dieses Projekt nicht gemeinsam gemacht, hätte ich’s jetzt in all den Monaten nicht beschreiben können. So aber schauen wir uns oft nur an und wissen, was wir meinen.“

 

 

Weltrekord

Michael Strasser radelte im Vorjahr bei seiner Mission „Ice 2 Ice“ von Alaska nach Patagonien rund 23.000 km in 84 Tagen, 11 Stunden und 50 Minuten und hält damit den Weltrekord. Zum Team in den Begleitfahrzeugen gehörten seine Freundin Kerstin Quirchmayr, Kameramann Samuel Renner (die ersten Wochen Chris Wisser), Viktoria Klammerth (Dolmetscherin), Viola Minixhofer (Physiotherapeutin), Christian Wohlmutter (leider nur eine Woche dabei). Die längste Durchquerung der Welt wurde karitativen Zwecken gewidmet, Details auf www.strassermichael.at