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People | 18.02.2020

Musik & Pferde

„Aus dir wird nix“, sagte ein Lehrer. Doch Wolfgang Wograndl wurde erfolgreicher Multi-Instru­mentalist. Als ein Burn-out kam, schöpfte er Kraft aus der Arbeit mit Pferden.

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"Ich war immer ein Perfektionist, plante alles. Ich musste lernen, die Musik entstehen zu lassen.", Wolfgang Wograndl

Ab dem Moment, als sie die Tür in Mattersburg öffnen, ist da immer ein herzliches Lächeln auf ihrer beider Lippen. „Selbstgemachter Hollunderblütentee? Kostet die Mehlspeisen, da ist nur Birkenzucker und Dinkelmehl drinnen!“, laden Petra und Wolfgang ein. Gute zwei tiefgehende Gesprächsstunden später, in denen sie lieber ihn reden lässt, aber dennoch stets aufmerksam teilnimmt, sagt sie etwas sehr Schönes: „Liebe ist für alles die Grundvoraussetzung.“ – „Wir tun uns sehr leicht, etwas zu lieben“, fügt er hinzu. Petra war 12 und aus Walbersdorf, Wolfgang 14 und aus Mattersburg, als sie sich verliebten. Diesen Februar wird das vielseitige Musiktalent und leidenschaftlicher „Horseman“, wie er sich viel lieber nennt als „Pferdeflüsterer“, 55. Hinter ihm liegen Konzerte und CD-Produktionen mit Größen wie Andy Baum, Stefanie Werger oder Willi Resetarits. Doch darüber redet der zweifache Vater und frischgebackene Opa kaum. Nicht etwa, weil er sich nicht gern an die fulminanten Auftritte erinnert. Vielmehr hält er es für wichtiger, über seine Entwicklung hin zu einer neuen Ausdrucksweise zu sprechen. Wie sich seine Musik veränderte? „Ich habe mit vielen tollen Menschen zusammengearbeitet und stets versucht zu verstehen, was sie wollen. Meine Musik hat sich nicht verändert, ich habe nur sehr lang die Musik der anderen gemacht.“

 

Showman Wograndl. Konzentration und einen guten Draht braucht es, um das Pferd, ein Fluchttier, für Auftritte zu trainieren.



Der Beginn

Mama und Papa sangen gerne und sehr gut, Wolfgang hörte schon früh Glenn Miller und wollte Saxofon spielen. Da müsse man zunächst Klarinette lernen, hieß es, und er folgte. „Aus dir wird nix“, war sehr bald das schroffe Urteil eines Musiklehrers, doch er ließ sich nicht abbringen. Ein älterer Herr, ein Klarinettist der Stadtkapelle Mattersburg, nahm ihn auf die Bitte der Mutter unter seine Fittiche. Wenige Monate später rockte der junge Neo-Bläser bereits die Stadtkapelle. In den Jugendjahren wurden erste Bands gegründet, auch bei der Militärmusik spielte er; er studierte zunächst Klarinette und klassischen Kontrabass am Haydn Konservatorium, später holte er sich noch ein Diplom in Jazz-Bass in Wien. Er und seine Petra gründeten eine Familie – Nathalie ist heute 25, Raphael 21 –, bauten ein Haus, „an dem wir sehr viel selbst machten“, erzählen die beiden. Seine leidenschaftliche Lebenseinstellung „ganz oder gar nicht“ wurde ihm mit etwa 30 zum Verhängnis. Er unterrichtete an mehreren Musikschulen und am Haydn Konservatorium – „die Arbeit mit Studierenden mag ich bis heute sehr“ – und überspielte die ersten Warnsignale des Körpers in parallel bis zu fünf Bands. „Manchmal war ich mit Fieber auf Tournee“, erinnert er sich. Irgendwann sind Herzrasen und Herzrhythmusstörungen nicht mehr zu verdrängen; der behandelnde Arzt findet deutliche Worte: „Wenn Sie so weitermachen, wird Ihre Frau eine sehr junge Witwe.“


Das Pferd

Daraufhin besinnt sich Wolfgang Wograndl auf einen lange in ihm glosenden Wunsch nach einem Pferd. „Ich wusste nicht, was es war, aber ich spürte schon als Kind eine besondere Verbindung.“ Er kauft sich sein erstes Pferd und taucht abermals mit jeder Faser seines Seins in die neue Mission. Er recherchiert, liest, lernt bei international anerkannten Horsemen, die sich des Wissens alter Reitmeister bedienen. „Früher gab man den Pferden mehr Zeit zum Erwachsenwerden und für die Ausbildung, heute müssen sie oft schon in jungen Jahren Turniere reiten.“
Pferde sind die Delfine der Erde, sagt er. Der Zugang zu ihnen führe über das Herz. Für einen guten Draht müsse man sich auch ausreichend Zeit zum Beobachten nehmen, erst danach könne man mit dem Training beginnen. Die essenzielle Frage sei stets: „Wie verhalte ich mich, wie trainiere ich mit dem Pferd, damit es gesund bleibt und alt wird, ohne einen Schaden zu nehmen?“
Die Arbeit mit den Pferden erdet, fordert aber auch. Die Musik bleibt parallel Herzens- und Brotberuf, bis wenige Jahre nach der ersten ärztlichen Warnung plötzlich alle Kraftquellen versiegen. Sie seien im Team richtige Kämpfer, sagt das Ehepaar. Immer wieder habe ihn seine Petra, selbst Energetikerin, in Stresssituationen aufbauen können. Doch diesmal „brauchte“ es ein Tief für einen Neuanfang. Wolfgang Wograndl will plötzlich nichts mehr von der Musik hören. „Vier Monate lang habe ich kein Instrument in die Hand genommen“, sagt er.

 

Jugendliebe. Petra war 12, Wolfgang 14, als sie sich ineinander verliebten.



Der Neubeginn

„Mein Burn-out war eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens.“ Als die Sehnsucht nach der Musik wiederkehrt, fasst er den Entschluss, Schritt für Schritt aus allen fixen Formationen auszusteigen, um sich für eine Zeit auf sich selbst konzentrieren, sich selbst verwirklichen zu können. Da waren Neugier und Unsicherheit, Wolfgang Wograndl legte los: „Plötzlich kam alles von innen, selbst die Sprache (Fantasiesprache, Anm.), in der ich singe. Das war endlich meine Art, Musik zu machen.“ Nur bei den Titeln seiner Stücke bedient er sich realen Sprachen: von Kroatisch über Italienisch bis hin zu Senegalesisch. Er sei immer Perfektionist gewesen, stets mit einem Plan B und C zusätzlich im Gepäck. Dort, wo er nun hinwollte, sollte es genug Raum für Live-Improvisation geben; das Publikum und die Location sollten aktiv Einfluss auf seine Darbietung haben können. „Ich musste lernen, die Musik entstehen zu lassen; das war ein weiter Weg.“ Dessen Fundament war freilich jahrelanges Üben und Spielen auf hohem Niveau und in verschiedenen Genres. Ab und an spielt Wolfgang Wograndl wieder in verschiedenen Formationen, aber zumeist ist er heute seine eigene Band. Auf der Bühne switcht er zwischen E-Bässen, Didgeridoos, Trommeln, indianischen Flöten und Effektgeräten. „Es fasziniert mich, das Alte und Neue zu verbinden. Ich spiele teilweise archaische Instrumente und bediene mich gleichzeitig moderner Technik. Wichtig ist, dass alles in Harmonie ist.“

 

Mit Shakuru. Er beobachtet viel, geht sanft in Beziehung und nennt sich lieber „Horseman“ als Pferdeflüsterer.


Zuwider ist ihm zwanghafter Purismus; ein Schubladendenken, welches Instrument in welchem Genre erklingen darf, aber auch sonst jegliche Art von (gesellschaftlicher) Intoleranz. „Die Frage ist doch: Was entlocke ich dem Instrument?“ Da findet der „Horse­man“ auch eine Parallele zur Arbeit mit Pferden. „Viele reiten jetzt mit dem Knotenhalfter, weil das so human sein soll. Da heißt es: ,Wie kann man einem Pferd ein Gebiss ins Maul geben?‘ Aber nicht darauf kommt es an, sondern auf die Hand, die die Zügel hält.“ Die Gegenwart. Wolfgang Wograndls Liebe zu Pferden ist ungebrochen; er hält Seminare und wird auch regelmäßig zu „Problempferden“ gerufen. Mit seinem Shakuru, heute bereits 15 Jahre alt, ritt er mittlerweile eine Reihe spektakulärer Shows, auch in Kombination mit seiner Musik. Erst vergangenen November präsentierte er seine aktuelle CD „Seven Places“; vier Jahre Herzblut stecken in dem Album, das er von Mattersburg aus via Live-Stream der Weltöffentlichkeit vorstellte. Mit seinem „Konzert für die Welt“ wollte er außerdem Gutes tun; noch vor Weihnachten konnte er 4.200 Euro an „Licht ins Dunkel“ überreichen. „Das ist das Schönste: Wenn du mit deiner Musik, mit dem, was du leidenschaftlich gern machst, helfen kannst.“

Multi-Instrumentalist
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Passioniert. Der Professor am Haydn Konservatorium

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Alt & neu. Archaische Instrumente wie etwa indianische Flöten verbindet Wolfgang Wograndl auf der Bühne mit moderner Technik.

Album & Auftritte

Seven Places. Das aktuelle Album „Seven Places“ sowie die frühere CD „Ngeya“ kann man online bestellen: www.wolfgangwograndl.at

Live erlebt man Wolfgang Wograndl demnächst am 9. März im Kulturzentrum Eisenstadt mit der Formation „Threeo“ sowie mit seinem Solo­projekt beim „Internationalen Heiler Kongress“ in Schladming (29. bis 31. Mai).