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People | 11.03.2020

Elfie Semotan: Schön ist zu wenig!

Sie ging mit 20 nach Paris und war froh, als sie das Modeln aufgab – um später eine weltweit erfolgreiche Fotografin zu werden. Heute lebt sie in New York, im Südburgenland und in Wien. Dort trafen wir sie.

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Elfie Semotan am Set: Szenen aus Joerg Burgers Dokumentation. © Polyfilm, Elfie Semotan, Ines Kaizik-Kratzmüller

Viel Licht. Große Fenster und viele Lampen. Ein großer Tisch im Herzen der Wiener Altbauwohnung erzählt nicht nur in der Fantasie von Abenden mit angeregten Gesprächen; unter der Glasplatte zeugt davon eine mehrere Meter lange Fotografie: Elfie Semotan hatte einmal zur späten Stunde von einer Leiter aus das „lebhafte“ Stillleben auf dem Tisch verewigt. Während sie die Wendeltreppe runterläuft, rechne ich noch mal nach: Geburtsjahr 1941. Und noch mal rechne ich, als sie vor mir steht: mit strahlenden Augen, voller Energie, stilvoll modern gekleidet. Wir dürfen sie beim Interview nicht fotografieren, leider. „Ich hasse es vor der Kamera“, sagt Elfie Semotan, vor deren Linse sich seit Jahrzehnten Supermodels und internationale Größen tummeln. Auch wenn man die Archive durchforstet, sind die zeitlichen Abstände, in denen sie sich ablichten ließ, groß. Umso bemerkenswerter, dass nun eine Dokumentation über sie ins Kino kommt:  „Elfie Semotan, Photographer“. Wie das zustande kam, über ihr Leben zwischen Wien, New York und dem Südburgenland, spricht die große Fotografin im Interview.


BURGENLÄNDERIN: Ihr Armband sieht schwer aus, aber Sie tragen es – das sieht man im Film – selbst bei der Arbeit. Was ist das Besondere da­ran?

Elfie Semotan: Dass es mir besonders gut gefällt. Ich habe es in einem kleinen Geschäft in Wien entdeckt, wo viel privater Schmuck verkauft wird, und mir gedacht: vollkommen verrückt, so groß und so wild. Ich wollte es sofort haben! Für mich kann es gar nicht groß genug sein.


Was ebenso in der Doku auffällt: Ihre positive Art. Gibt es auch Leute, die eine ganz andere Seite hervorrufen?

Sicher. Aber es ist schon ein wesentlicher Charakterzug von mir, dass ich das Leben so positiv wie möglich angehen möchte. Erst wenn das nicht geht, muss es anders versucht werden. Aber beim Fotografieren möchte ich, dass ich das Vertrauen der Menschen habe, dass sie sich wohlfühlen, sich nicht verkrampfen. Egal was man macht, man muss immer die Situation, die man vorfindet, in Betracht ziehen.


Sie sind sehr vielseitig, ein Fokus blieb aber stets auf der Modefotografie. Warum?

Ich war in Hetzendorf (Modeschule, Anm.), Mode ist sozusagen mein Beruf. Gezeichnet habe ich immer gern und gut; Fotografie war dann eine Kombination aus etwas, das ich gut kannte, und aus etwas, das ich gefunden und gleich geliebt habe. Als ich Fotomodell war, wusste ich bald, dass das nicht meine Berufung ist (lacht). Ich fühle mich auf der anderen Seite besser.


Wieso?

Ich konnte zu wenig zu dem Endprodukt, der Fotografie, beitragen.


Auch hinter der Kamera geht Ihr Anspruch über „schöne“ Fotos hinaus …

Es hat mich nicht interessiert, die Modefotografie an ihrem Platz zu lassen: nur luxuriös und schön. Ich hatte vor, die Modefotografie sowohl fotografisch als auch inhaltlich weiterzuentwickeln, nicht nur Teil der Modebegeisterten zu sein. Mode kann konstruktiv und kreativ sein, ich – und nicht nur ich – kann mich durch die Mode und mit ihr ausdrücken.


Sie hatten also immer einen künstlerischen Zugang?

Die Frage, wie ich leben möchte, habe ich mir sehr früh gestellt. Das Umfeld der Künstler war für mich das interessanteste. Mit der größten Freiheit, aber auch mit der größten Notwendigkeit, über diese Freiheit nachzudenken.

 

 

Still Life. Konzentriert in Texas: Filmszene aus der Doku „Elfie Semotan, Photographer“


Wie definieren Sie Schönheit?

Sie ist die Mischung aus dem Wesen und dem Äußeren einer Person. Die klassische Schönheit kann wunderbar sein und trotzdem langweilig. Wir waren oft mit wirklich schönen Mädchen unterwegs – und dann war die dicke Make-up-Frau der Star des Abends, weil sie lustiger, menschlicher, interessanter war. Die Schönheit nützt nicht viel, wenn da nicht mehr kommt.


Sehr schön sind die Filmszenen, die dokumentieren, wie Sie Erni Mangold fotografieren …

Erni Mangold ist eine großartige Frau, das muss man zeigen. Ich habe mehrere ältere Schauspielerinnen fotografiert. Ein Kommentar war: „Das kannst nur du so machen.“ Wieso? – Ich selbst hasse es, fotografiert zu werden. Es wird meist versucht, ältere Frauen nett abzubilden. Herzig und ungefährlich. Ich aber habe in diesen Frauen die Kämpferinnen gesehen, die sie sind – für ihre Gegenwart und ihre Person. Hannelore Elsner hat einen Schuh aus der Garderobe geschossen, weil sie nicht gut fand, was sie da probiert hat. Ich konnte ihr nur recht geben. Die Schauspielerinnen haben gemerkt, dass ich mag, wie sie sind; genauso habe ich sie auch fotografiert.


Cordula Reyer, Claudia Schiffer, Naomi Campbell – in typischen „Mädchenposen“ haben Sie auch Models nicht abgelichtet …

Weil es schade wäre!


Sie agieren hinter der Kamera sozusagen feministisch. Sind Sie mit dieser Bezeichnung glücklich?

Total glücklich! Ein Mann hat einmal gesagt, man kann gar nichts anderes sein als Feminist. Das ist vollkommen richtig. Es wird nur leider nicht richtig ausgelegt: verbissen, Männer hassend – das ist doch absurd! Feminismus schließt keine Gruppen von Menschen aus; wir wollen nur die gleichen Rechte für Frauen und Männer.


Was wollten Sie als Mutter Ihren beiden Söhnen mitgeben?

Dass sie frei denken können. Meine Mutter hat meine Schwester und mich verlassen, um sich selbst zu verwirklichen. Ich bin umgeben von Frauen aufgewachsen, die alle sehr respektabel waren. Meine Großmutter war eine verlässliche, kluge Frau, ihre Schwester eine ganz lebenslustige. Für mich war schon als kleines Mädchen Freiheit wichtig. Ein bewusster Feminismus kam später durch Bücher dazu.


Männer waren sicher in der Überzahl in der Fotografie. Wie war das?

Die Idee, dass ein Mann etwas kriegt, das ich nicht kriege, weil er ein Mann ist, ist mir gar nicht gekommen. Aber ich musste mich mit dem Gedanken auch nicht wirklich auseinandersetzen: Ich habe zehn Jahre in Paris gelebt und gearbeitet; als ich nach Wien zurückkehrte, habe ich sehr viel mehr von Mode verstanden und über Fotografie gewusst als viele andere Leute. Man konnte mir einfach nicht so schnell Konkurrenz machen.

 

 

 

 



Impressionen
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Gute Energie.

Mit und ohne Kamera harmonisch: mit Cordula Reyer.

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Freude an der Arbeit. 

Elfie Semotan am Set: Szenen aus Joerg Burgers Dokumentation

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(K)Ein Selfie.

Interview-Setting in der Wiener Wohnung: auf einem Stillleben unter Glas. Die Fotografin steht ungern vor der Linse.

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Echt.

Filmszene mit Schauspielerin Erni Mangold.

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Ausstellung.

„Show Off“ im Wiener MAK zeigt auch Arbeiten von Elfie Semotan.

Später wurden Sie in New York aktiv, sind bis heute dort erfolgreich. Wie kam es dazu?

Nach dem Tod meines Mannes war die Situation in Wien für mich schwierig und wenig vielversprechend. Ich beschloss, nach New York zu gehen. Geholfen hat mir ein früheres Fotomodell: der sehr schöne Walter Schupfer, den ich für Römerquelle fotografiert hatte, als er 16, 17 war und der auf mein Anraten zunächst nach Paris ging. Er hatte groß Karriere gemacht; in New York eröffnete er zu dieser Zeit eine Agentur für Fotografen – und er kam nach Wien, um mich für diese Agentur zu gewinnen. Gleichzeitig hatte sich dort Helmut Lang etabliert, mit dem ich intensiv arbeitete und mit dem ich freundschaftlich verbunden war und bin.


Sie haben zweimal den schmerzvollen Verlust erlebt, den Ehemann zu verlieren. Wie hat Sie das geprägt?

Darauf kann ich keine wirkliche Antwort geben, das ist ein sehr komplexes Thema. Das einzige, was ich sagen kann: Als Kurt Kocherscheidt, der Vater meiner Kinder, starb, wusste ich, selbst wenn es für mich schwierig war, war es sehr wichtig für meine Kinder, ein positives Leben zu führen.


Sie leben in Wien, New York – und in Grieselstein im Bezirk Jennersdorf. Wie kam es dazu?

Alfred Schmeller (renommierter Kunsthistoriker, Anm.) hat in Neumarkt ein Lehmhaus gekauft und sich sehr dafür eingesetzt, das Ortsbild zu retten. Mitstreiter waren Künstler wie Feri Zotter und Eduard Sauerzopf – die wurden sofort eingeteilt, auch für uns ein Haus zu suchen. Wir haben bald eines gefunden, seit 1974 haben wir es.


Was mögen Sie dort?

Ich mag die hübsche hügelige Landschaft und viel Ruhe – das ist wunderbar. Ein anderer Vorteil ist, dass von Anfang an dort Freunde und Künstler angesiedelt waren. Unser Haus war auch nie als Wochenendhaus gedacht, sondern zum Leben und Arbeiten.


Sie stehen ungern vor der Kamera, nun kommt ein Film über Sie heraus. Wie geht es Ihnen damit?

Ich finde mich immer schrecklich (lacht). Das hat nichts zu sagen. Der Film ist wirklich gut. Ich war von Anfang an von dem Projekt überzeugt, weil ich Joerg Burger als Fotograf, Kameramann und Regisseur sehr schätze. Unsere Auffassungen davon, wie ein Bild aussehen soll oder was uns gefällt, liegen nicht so weit auseinander. Ich wusste, worauf ich mich einlasse, und deshalb hätte ich den Film auch nur mit ihm gemacht. 

 

Elfie Semotan …

… wuchs in OÖ auf und absolvierte die Modeschule in Hetzendorf. Mit 20 ging sie nach Paris, arbeitete zunächst als Model, aber schon bald als Fotografin. Sie war mit dem Künstler Kurt Kocherscheidt († 1992) verheiratet, dann mit Martin Kippenberger († 1997). Neben Werbekampagnen für Palmers oder Römerquelle fotografiert sie für namhafte Magazine wie Vogue, Elle, Harper’s Bazaar.

 

 

Kinostart

„Elfie Semotan, Photographer“

Kinostart: 6. März

Premieren mit E. Semotan & J. Burger:

4. März, Filmcasino Wien

6. März, Moviemento Linz

Ausstellungen 2020

  • G. Senn Galerie, Wien (ab 6. März)
  • Galerie am Stein/Monika Perzl (Gruppenausstellung, bis 16. Mai)
  • MAK Wien: „Show Off. Austrian Fashion Design“ (Gruppenausstellung, bis 12. Juli)
  • Museum der Moderne Salzburg (Gruppenausstellung, bis 13. April)