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People | 29.05.2020

An Krisen gewachsen

Hans-Peter Schöll erlebte die Finanzkrise in New York, eine Flut und die Wirtschaftskrise in Sao Paolo und war mit der Familie auf Weltreise, als Corona kam. Wie er dennoch nicht die Zuversicht verliert.

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© beigestellt

So war das nicht geplant

Luisa, 6, Flora, 4, und Lucas, 2, sollten mit Mama und Papa zunächst die Welt sehen, bevor sie ein neues Lebenskapitel fern ihrer ersten Heimat aufschlagen. Doch dann kam das Coronavirus „und wir mussten unsere Weltreise nach drei Monaten abbrechen“, schildert Hans-­Peter Schöll, 40. Der weitgereiste Nordburgenländer erlebte schon so manche Tiefs und ließ sich nicht unterkriegen. „Man wächst dann an Krisen, wenn man sich vor Augen hält, was man daraus lernt, und zu schätzen weiß, wenn man durchgekommen ist“, findet er.


Kalifornien

Aufgewachsen ist Hans-Peter Schöll in Forchtenstein; als jüngerer von zwei Geschwistern und als Sohn einer Bauunternehmer-Familie. Fernweh hatte er schon immer; mit 15 Jahren verbringt er im Rahmen einer Sprachreise einen Monat in Kalifornien und freundet sich mit seiner Gastfamilie so gut an, dass er auch die folgenden Sommer bei ihnen leben darf. Norwegen. Nach der Matura studiert er an der WU; fürs Auslandssemester zieht es den Snowboardfan nach Norwegen. „Diese Zeit hatte einen großen Einfluss auf mein Leben.“ Freundschaften, die bis heute halten, sind dort entstanden, auch seiner Frau Alessandra begegnete er dort. „Wo sonst lernt man eine Brasilianerin kennen? In Norwegen!“, lacht er.


Südamerika

Im Semester darauf packt Hans-Peter Schöll erneut den großen Rucksack; diesmal steht eine zweimonatige Tour nach Südamerika auf dem Programm – und zwar mit einer neugewonnenen spanischen Clique. „Wenn ich heute zurückdenke“, sagt er, „ich konnte noch kaum Spanisch, meine Freunde nur gebrochen Englisch.“ Die letzte Station dieser Reise verändert sein Leben: „Ich besuchte in Brasilien Alessandra; da haben wir uns richtig verliebt.“ Das junge Paar wagt das Experiment Fernbeziehung: zwischen Wien und New York, wo seine Partnerin ihr Modeunternehmen aufzubauen beginnt. New York. 2005 gelingt es dem Forchtensteiner, selbst im Big Apple Fuß zu fassen. „Ich habe alle meine Freunde und die Freunde meiner Eltern gefragt, ob sie jemanden in New York kennen“, erinnert er sich zurück. Über mehrere Ecken taucht tatsächlich ein Kontakt auf, der ihm einen Weg in die dortige Baubranche ermöglicht. „Man darf nicht vergessen: New York hat damals geboomt.“ Er wird zweiter Projektmanager in einem großen Bauunternehmen und ist bis heute beeindruckt: „Ich habe erlebt, wie ein Hochhaus mit 144 Metern und 45 Stockwerken entsteht; jeden dritten Tag wurde ein neuer Stock gebaut.“ Auch Alessandras Unternehmen floriert: Sie importiert brasilianische Labels nach New York. Fashion Shows und ein großer internationaler Freundeskreis prägen die Abende des Paares. „Wir sind fast wehmütig, wenn wir zurückdenken“, sagt Hans-Peter Schöll und fügt prompt hinzu: „Diese drei Jahre in New York waren unvergesslich, mit Kindern könnte ich mir das heute nicht mehr vorstellen.“ Die Finanzkrise 2008 trifft die Baubranche mit voller Wucht, „unsere Firma schrumpfte in wenigen Monaten von 300 auf 70 Leute“. Er bleibt zwar an Board, darauf ist er bis heute stolz, „aber für uns war das der richtige Moment, nach Brasilien zu gehen“.


Impressionen
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New York

Unvergesslicher Start

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Traum (fast) verwirklicht.

Zumindest drei Monate war Hans-Peter Schöll mit seiner Frau Alessandra und den drei Kindern in Neuseeland und Australien unterwegs, als das Virus die Weltreisenden zum Abbruch zwang.

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Eine Heimat von vielen.

Die Familie Lerario-Schöll in Brasilien

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Sao Paolo

 

Mit einer großen Hochzeit besiegelten die beiden ihre Liebe; der Plan war, zwei Jahre in Brasilien, in unmittelbarer Nähe von Alessandras großer Familie, zu verbringen und dann nach Österreich zu ziehen. „Daraus sind dann zehn Jahre, zwei Firmen und drei Kinder geworden“, sagt Hans-Peter Schöll. Während seine Frau diesmal – ehe sie Mama wird – erfolgreich einen Online-Shop für Babykleidung aus Europa betreibt, baut der damals 30-Jährige ein Selfstorage-Unternehmen in der 20-Millionen-Einwohner-Metropole auf. „2010 erlebte die Wirtschaft in Brasilien ein Hoch“, schildert er. Drei Jahre später schlittert das Land in seine größte Wirtschaftskrise. Hans-Peter Schöll gibt nicht auf, selbst als eine Flut eine seiner Lagerhallen und damit das Eigentum von 300 Klient*innen unter Wasser setzt, steht er wieder auf. „Das Beste in Brasilien sind die Brasilianer selbst“, sagt er. „Sie sind herzlich und immer guter Laune.“ Für Unternehmer gelte es aber, eine dicke Haut und gute Nerven zu haben; das wirtschaftlich-politische Umfeld sei oft unvorhersehbar. 2019 unterbreitet ihm ein Mitbewerber ein attraktives Angebot; er macht Nägel mit Köpfen und verkauft.

 

Die Heimat ruft

Das neue Lebenskapitel wurde penibel vorbereitet: Alessandra lernte Deutsch, Hans-Peter plante die Gründung eines neuen Unternehmens zur Immobilienentwicklung im Burgenland sowie den Eintritt in die Firma seiner Eltern. Gemeinsam mit einem Psychologen besprach das Paar regelmäßig, wie sie mit den auf sie zukommenden Herausforderungen umgehen können. „Ich möchte meine Frau keinesfalls in mein altes österreichisches Leben reindrängen, sie soll ihr eigenes Leben aufbauen können.“ Der Abschied von der brasilianischen Großfamilie fiel nicht leicht, den Trennungsschmerz sollte eine Weltreise erleichtern.


Australien

„Sechs Monate wollten wir unterwegs sein: Neuseeland, Aus­tralien, Thailand, Japan, Italien, Portugal waren geplant“, erzählt er. Gute drei Monate bereiste die Familie Neuseeland und Australien. „Klar war das eine He­rausforderung mit drei Kindern“, sagt er. „Den Sonneuntergang konnten wir nicht bei einem Glaserl Wein genießen, trotzdem war es toll. Welcher berufstätige Vater hat schon die Chance, mit seinen Kindern drei Monate auf einer Reise zu verbringen?“ Einsehen zu müssen, dass sie wegen des Virus ihre Traumreise abbrechen müssen, war hart, gesteht er.



Neudörfl

Der Neustart in Österreich ging somit in Quarantäne über die Bühne, jammern will er dennoch nicht. „Ich habe erlebt, wie schwierig das Leben woanders sein kann, und ich weiß, wie gut wir es hier haben. Den Kindern geht’s gut, wir sind von dieser Weltreise last minute gesund heimgekommen.“ Ein mulmiges Gefühl habe er, wenn er daran denkt, dass er einmal mehr neu anfängt. In Österreich hat sich viel verändert, es gelte vieles nachzuholen. „Aber ich bin voller Ideen.“ Das Überwinden vieler Hürden hat ihn positiv geprägt, ist er überzeugt. „Ich war sicher hysterischer, wenn mal was schiefgegangen ist, als ich vor 15 Jahren weggegangen bin“, lacht Hans-Peter Schöll. „Ich komme aus einer Unternehmerfamilie, da musst du positiv sein und das Glas grundsätzlich halbvoll sehen, sonst nimmst du nicht das Risiko und all die Arbeit auf dich.“