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People | 22.06.2020

Über Schicksal & Wahrscheinlichkeit

Sie ist 36 und hat bereits mehr erlebt als andere in ihrem ganzen Dasein. Wir haben Astrid Eisenkopf zu Hause besucht und mit ihr über ihre Schicksalsschläge und Erfolge gesprochen.

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Nachdem sie ihren Mann vor 2,5 Jahren nach einem langen Kampf gegen den Krebs verloren hat, lebt sie allein mit ihrem Hund Frankie in Steinbrunn. © Vanessa Hartmann

Die Oma bei der SPÖ, die Mama bei der Wirtschaftskammer. „Vielleicht bin ich deswegen so ausgeglichen“, lacht die Landeshauptmann-­Stellvertreterin schon zu Beginn des Gesprächs in ihrem hellen Wohnzimmer in Steinbrunn. Zwischen vielen Büchern und einem geschmackvollen, hellen Landhaus-Stil-Mobiliar öffnete Astrid Eisenkopf nicht nur ihr Herz, sondern auch ihre Bücher für uns.


Du hast dich bereits als Jugendliche politisch engagiert, warst jedoch nach dem Studium in der Privatwirtschaft und dann im öffentlichen Dienst tätig (Anm.: Banken, Gebietskrankenkasse und Finanzabteilung der Landesregierung). Wie kam es dazu, dass du die Politik als Hauptberuf gewählt hast?

Man hört es oft nicht gerne, aber das ist durch Zufall passiert …


Ich glaube nicht an Zufälle …

(Lacht) Mittlerweile glaube ich auch, dass viele Dinge einfach Schicksal sind. Vor allem, wenn man sich mein Leben anschaut. Was mir bereits alles passiert ist, widerspricht sämtlichen Wahrscheinlichkeiten. Als Hans Niessl mich vor fünf Jahren nach der Landtagswahl angerufen hat, war mir nicht einmal bewusst, dass er mich jemals wahrgenommen hat. Als er sagte: „Hallo, Hans Niessl spricht“, wollte ich schon antworten: „Ja, na sicher!“ Für mich war die Wahrscheinlichkeit, Regierungsmitglied zu werden, ungefähr so hoch, wie im Lotto zu gewinnen. Das ist in meinem Denken nicht mal vorgekommen.


Und wie kam es dann doch dazu?

Niessl wollte ein Zeichen setzen, jemand neues, junges. Er war kurz davor bei einer SPÖ-Veranstaltung, wo ich als Vorsitzende der SPÖ-Frauen eine Rede hielt, dort dürfte ich ihm aufgefallen sein, dann noch zwei, drei Empfehlungen … dass ich jetzt fünf Jahre später sogar Landeshauptmann-Stellvertreterin bin, hätte ich mir nie träumen lassen.


Jetzt fehlt nur noch, dass du Hans-­Peter Doskozil als erste Landeshauptfrau nachfolgst, falls er doch in die Bundespolitik wechselt …

Ich habe in den letzten Jahren gesehen, dass du in der Politik nie planen kannst. Daher mache ich keine Pläne. Außerdem ist es schon nochmal eine ganz andere Kategorie, endverantwortlich zu sein.

 

Du bist aber niemand, der Verantwortung scheut.

Richtig, aber jemand, der sehr gut darüber nachdenkt. Ich mache mir Entscheidungen nicht einfach. Wenn ich damals nach meinem Gefühl gegangen wäre, hätte ich das Angebot, Landesrätin zu werden, vor lauter Angst abgelehnt.


Ist das ein Frauenleiden? Ein Mann hätte wohl nicht gezögert.

Das ist genau der Punkt. Ich merke sehr oft, dass viele junge, tolle Frauen Angst haben, den Sprung zu wagen – sei es beim Gründen einer Firma oder beim Schritt, Gemeinderätin zu werden, geschweige denn Bürgermeisterkandidatin. Männer zweifeln grundsätzlich weniger an sich. Deswegen ist es mir wichtig, dass die Frauen wissen, dass es für mich auch eine Überwindung war. Ausschlaggebend war damals mein Mann, der sagte „Bitte mach das. Das ist genau deins!“, und mein Papa, der mir einen sehr guten Rat gab: „Wenn du solche Herausforderungen und Chancen nicht wahrnimmst, wirst du dich dein Leben lang fragen, wie es gewesen wäre, wenn …“


Du hast in deiner Position auch mit Bereichen zu tun, die sehr „männerlastig“ sind – im Agrarbereich oder mit der Jägerschaft. Hast du die Erfahrung gemacht, dass Männer dich manchmal nicht für voll nehmen?

Mag sein, dass manche es anfangs nicht tun, aber nach einer gewissen Zeit jeder Einzelne (lacht laut). Ich bin jemand, der Expertise ernst nimmt. Ich versuche, mir immer alle Seiten anzuhören, um mir ein eigenes Bild zu machen. Alleine das öffnet schon viele Türen.


Der Beruf Politiker ist für viele nicht unbedingt der Traumjob. Viel Verantwortung, oft Kritik und hohe Belastung. Welche Eigenschaften braucht es dafür?

Das Wichtigste ist, so ehrlich wie möglich zu sein. Wenn du jedem das Blaue vom Himmel versprichst, hast du vielleicht kurzfristig Erfolg, aber irgendwann fliegst du damit auf. Ich bin immer um Lösungen bemüht, ohne im Vorfeld etwas zu versprechen. Und wenn etwas nicht klappt, dann erkläre ich auch warum. Das honorieren die Menschen. Natürlich kannst du es nicht immer allen recht machen, aber das musst du aushalten. Soziale Medien haben sowohl die Nähe verstärkt als auch die Schärfe. Heute bist du als Politiker*in angreifbarer. Im Internet fallen die Hemmungen, es entwickeln sich Dynamiken, die eigentlich ein Wahnsinn sind. Da geht es oft nicht mehr um die Sache, sondern um Emotionen. Daher: Gute Nerven und Ausgeglichenheit schaden hier nicht. Kritik bezieht sich meist auf die Position, nicht auf die Person. Aber ich bin nicht so abgestumpft, dass ich nichts mehr an mich heranlasse, sonst kann ich mich ja auch nicht weiterentwickeln.


Astrid Eisenkopf
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Mit Hund und Mitbewohner Frankie im Garten unter ihrem Lieblingsbaum

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Hell, stilvoll und sehr gemütlich: das Zuhause von Astrid Eisenkopf in Steinbrunn

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Als dein Mann damals krank war, wurde dir vorgeworfen, lächelnd für die Kameras zu posieren, anstatt dich um ihn zu kümmern. Wie hart hat dich das getroffen?

Das hat mich anfangs sehr getroffen. Simon hat mich immer unterstützt und motiviert, meinen Job weiterzumachen. Wir haben viel darüber gesprochen, auch im Familienkreis. Es gab viele Situationen, in denen ich durch eine harte Schule gegangen bin. Mein Mann war über drei Jahre krank, mit vielen Hochs und Tiefs. Meine Arbeit hat mir oft geholfen, den Tag zu überstehen. Ohne diese Verantwortung weiß ich nicht, ob ich die Kraft gehabt hätte, in der Früh aufzustehen und ins Büro zu fahren. Mir war oft kurz vor öffentlichen Auftritten und Reden zum Weinen, aber das musste ich runterschlucken.

 

Wie hast du das überstanden, diese große Herausforderung im Job und zu Hause mit der Sorge um einen geliebten Menschen?

Das hat mich meine Mama auch oft gefragt. Ich habe immer gesagt, wenn du eine Situation hast, die du nicht ändern kannst, egal was du machst – und wir haben sehr viel ausprobiert, um den Krebs zu bekämpfen –, musst du dich irgendwann damit abfinden oder du gehst daran zugrunde. Wenn du jeden Tag hinterfragst, warum dir das passiert, dann drehst du durch. Ab einem gewissen Zeitpunkt funktionierst du einfach nur mehr.


Hast du aus dieser schweren Zeit für deine Entwicklung etwas mitnehmen können?

Ich bin dadurch emotional stärker geworden und habe auch gesehen, auf welche Menschen ich mich verlassen kann. Das siehst du übrigens in jeder Krisensituation. Politik zu machen ist gut, aber danach und daneben gibt es auch noch etwas, das wichtig ist. Das vergessen viele. Der Sonntagmittag zum Beispiel gehört meinem engsten Familienkreis, daran halte ich fest.


Apropos Krisensituation: Der Rückgang der Corona-Infizierten spricht für das gute Krisenmanagement im Burgenland. Warum hat das hier so gut funktioniert?

Das Burgenland hat sehr früh reagiert. Wir haben schon früh einen Koordinationsstab eingerichtet und mit der Umsetzung verschiedenster Maßnahmen begonnen. Die Burgenländer*innen haben verstanden, worum es in dieser Krise geht und dass man jetzt zusammenhalten und Solidarität beweisen muss. Das Burgenland ist seit jeher ein Land des Miteinanders und des Zusammenhalts, das hat uns schon immer stark gemacht.


Wir beleuchten in dieser Ausgabe auch konkret die Rolle der Frau in der Krise. War und ist diese derzeitige Krise für die Frau eine Mehrbelastung aus deiner Sicht?

Sie ist noch immer eine enorme Mehrbelastung für viele Frauen. Alleinerzieher*innen sind besonders stark betroffen. Auf unserer Homepage haben wir sehr übersichtlich dargestellt, welche Förderungen und Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Den Alleinerzieher*innen-Bonus von einmalig 100 Euro wollen wir auch aufstocken und erweitern.


Die andere Seite sind Menschen, die alleinstehend sind und keine Kinder haben. Viele waren während der Ausgangsbeschränkungen sehr einsam. Wie ist es dir persönlich ergangen?

Ich war die ersten Wochen fast Tag und Nacht im Büro. Danach wurde es ruhiger und da alle Abendtermine und Veranstaltungen weggefallen sind, war es schon komisch für mich. Plötzlich waren die Abende und Wochenenden frei, da wusste ich zuerst nicht, was ich machen soll. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Ich lese sehr viel und war eigentlich nie alleine, mein Hund Frankie zählt für mich fast als Mensch.


Was bedeutet Glücklichsein für dich?

Wenn ich mit Menschen zusammen bin in schöner Atmosphäre – mit Familie, Freunden, meinem Hund Frankie oder bei Veranstaltungen in der Öffentlichkeit. Ich ziehe aus den verschiedensten Situationen das heraus, was mich glücklich macht. Ich bin dankbar für das, was ich habe und machen darf.

 

Mit Chefredakteurin Nicole Schlaffer besprach Eisenkopf auch ihre Lieblingsbücher.


Wordrap


Nie vergessen werde ich den Tag, als …

… mich Hans Niessl angerufen und gefragt hat, ob ich Landesrätin werden will.

Diesen Ort möchte ich unbedingt einmal bereisen …

… Bali – werde ich heuer leider zum zweiten Mal stornieren müssen.

Wenn es etwas gibt, das ich bereue, dann ist es …

… (überlegt lange) nichts, weil aus allem lerne ich etwas.

Am lautesten lachen kann ich, wenn …

… anderen etwas Lustiges passiert.