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People | 24.06.2020

Pfeif auf die Paradeiser!

Sie sagt, sie kann ganz traurig und ganz lustig sein. Genauso dürfen wir die Autorin und ORF-Redakteurin Michaela Frühstück erleben – in Mjenovo, wo sie Inspiration für ihren neuen Roman schöpfte.

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© Vanessa Hartmann

Die Grafikerin dieser Seiten traf es wunderbar, noch ehe der Artikel geschrieben war: Das Rot ist der rote Faden dieser Geschichte. Er beginnt beim entzückenden R4 der Familie Frühstück. Ein bisserl nach Rotkäppchen klingt jene Anekdote der Schriftstellerin, die sich gern an Wochenendbesuche aus der Kindheit erinnert, bei denen man dem Urgroßvater Guglhupf und Wein (sicher Rotwein!) nach Kroatisch Minihof brachte. Und rot sind auch (zumeist) die Paradeiser, denen Michaela Frühstück womöglich auch künftig nicht ganz so viel Pflege wird angedeihen lassen können. Denn entgegen ihren Befürchtungen wollen die Leute sehr gerne ihre Werke lesen. Drei Auflagen gibt es mittlerweile vom ersten tragikomischen Roman „Teta Jelka überfährt ein Hendl“; kürzlich kam das zweite Werk, „Missis Karlovits überfährt den Po“, heraus (edition lex liszt12). Dort, wo Uropa Szabó Viktor den Guglhupf genoss, trafen wir uns zum Interview. Kroatisch Minihof ist Inspirationsquelle für beide Bücher, Figuren und Geschichten sind aber frei erfunden. Mjenovo, so der kroatische Name, ist das schönste Dorf auf der Welt, findet Michaela Frühstück …

BURGENLÄNDERIN: Wieso?

Michaela Frühstück: Mjenovo ist ein Sehnsuchtsort meiner Kindheit. Hier ist es so schön, es ist ein Ruheort. Wenn meine Oma Hendln und Eier ausliefern war, war ich oft mit von der Partie. Hier hat sie Kroatisch gesprochen, in Weppersdorf, wohin sie geheiratet hat, eher Deutsch. Bis heute geht mir das Herz auf, wenn ich jemanden mit diesem leichten Akzent reden höre.

Woher kommen deine Ideen?

Ich brauche einen Ort, dann entwickeln sich die Figuren und Geschichten.

Wie hat es bei dir mit dem Schreiben begonnen – schon als Kind?

Ja, hin und wieder. Ich bin keine Autorin, die muss. Mit Anfang 20 habe ich mit meinem damaligen Freund David Stifter das Hörspiel „Almenrausch“ geschrieben. Eine verrückte Geschichte über zwei Leute, die beweisen wollen, dass das Burgenland früher hochalpines Gebiet war. Ich bin dann mit dem ersten Erasmus-Studium nach Spanien gegangen; in Santiago de Compostela ist  meine erste Kurzgeschichte entstanden.

Aufgewachsen bist du in Deutschkreutz. Wie war deine Jugend – und das Leben an der Grenze?

Ich hab’ das lang als das Ende der Welt empfunden. Ich war erleichtert und berührt, als endlich die Grenzen aufgemacht worden sind. Ich selbst war ein bisserl eigenbrötlerisch. Im Gymnasium haben wir eine tolle Psychologie-Lehrerin gehabt, die uns Simone de Beauvoir nahegebracht hat. Ihr habe ich zu verdanken, dass ich dann angefangen habe, feministische Literatur zu lesen.

Auch in deinem neuen Buch – man bedenke, ein Dorf in den 1970ern – kommt eine feministische Organisation vor …

Was mir sehr gefällt, ist, dass es ganz natürlich ist. Da sind der Pfarrer, der Mesner und all die anderen – und die machen mit. Es spreizt sich nicht. Ich selbst bin stolz, eine Feministin zu sein; das ist für mich kein Schimpfwort, ich will selbstbestimmt leben. Meiner Tochter (Sarah ist 6, Anm.) versuche ich vorzuleben, dass sie alles machen kann, aber nichts machen muss – außer respektvoll sein. Dass wieder so viel Gewalt gegen Frauen aufflammt, ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar. Und wieso sind die Einkommen noch immer nicht gleich? Jede Art von sozialer Benachteiligung macht mich traurig.

 

Impressionen
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"Das Leben ist schwer genug. Wenn die Leute ein paar Stunden Spaß haben, freu’ ich mich."

Michaela Frühstück

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Herzensduo. Sarah, 6, mit Papa und Musiker Clemens Frühstück

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Auf Abstand ganz nah. Michaela Frühstück und Redakteurin V. Kery-Erdélyi

Wie kam es zum ersten Roman?

Ich habe immer wieder Schreibversuche gemacht, aber mich nie rausgetraut damit – bis zum Burgenländischen Literaturwettbewerb. Bei der Preisverleihung war Horst Horvath (Verlagschef edition lex liszt 12, Anm.) im Publikum. Er hat zu mir gesagt: „Schreib ein Buch, ich verlege es.“ Ich hab’ geantwortet: „Ich muss arbeiten, ich hab’ eigentlich keine Zeit.“ Irgendwann nannte ich ihm einen Titel – und die Geschichte hat sich dann aufgemacht vor mir wie ein Meer. Als das Buch gedruckt war, ist etwas Lustiges passiert: Plötzlich fiel mir ein, dass ich nicht wusste, wer in Kroatisch Minihof, Sotbend 7 (wichtige Adresse im Roman, Anm.) wohnt. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Ich hab’ mir gedacht, wenn der jetzt ein Problem mit der Geschichte hat … Wir sind sofort hingefahren: Da war zum Glück ein leeres Grundstück! Eine Wiese! (lacht) Vielleicht kann ich es mir eines Tages kaufen und mir ein Holzhütterl zum Schreiben draufstellen …

Du bist Redakteurin beim ORF Burgenland und Mama, wie schaffst du es, Bücher zu schreiben?

Deadline ist alles! (lacht) Beim ersten Roman war ich noch ohne Kind, beim zweiten bin ich wochenweise in die Wohnung meiner Freundin nach Graz gefahren. Die erste Woche war schlimm. Ich hab’ mir gedacht, ich reiß’ mir alle Haare vom Kopf (lacht). Dann war das erste Kapitel fertig und plötzlich ging’s.

Deine Geschichten sind traurig und witzig zugleich …

Ich bin oft ganz traurig, aber oft auch ganz lustig. Ich habe diese beiden Seiten in mir; die Bücher sind so wie ich bin. Man findet darin Situationskomik und herzzerreißende Szenen. Das suche ich mir nicht aus, das passiert mir.

Du widmest es Hubert Hutfless …

Er war unser bester Freund … Letzten Sommer hat sein Herz plötzlich zu schlagen aufgehört. Er hat unser Leben so bereichert; er war Buchhändler, ehrenamtlich Bewährungshelfer und so ein Vorbild. Er war auch bei jedem Blödsinn dabei. Sarah hat er am Besen Luftgitarre spielen zu „Smoke on the Water“ beigebracht. Wir waren gemeinsam – Hubert, Wolfgang Millendorfer und ich – die singenden Poeten; wir haben im aufgelassenen Bad in Baumgarten die „Beckenbodenlesungen“ gemacht. Diese Verrücktheit und Leichtigkeit sind mit ihm ein bisschen weggegangen. Das Gefühl ist so, wie ich es im ersten Buch beschreibe: Wenn sich der Tod das erste Mal in den Rahmen einer Tür stellt. Obwohl ich den Tod schon vorher erfahren habe. Mein Vater ist sehr jung, mit 58, an einer unheilbaren Krankheit gestorben. Das war schrecklich.
Hubert Hutfless hätte auch sein Buch herausgegeben; wir Freunde haben es nun statt ihm präsentiert. Das ist wirklich etwas Neues, Innovatives: „Schneider fliegt. Eine Geschichte in 145 absurden Versuchen“. Ich hätte ihm dafür so sehr die Anerkennung gegönnt.

Wegen Corona fiel deine Buchpräsentation in Mjenovo ins Wasser. Dafür habt ihr ein Mini-Roadmovie auf You­Tube gestellt – in einem besonderen Kleid …

Ein ganz altes Kleid! Es wird so viel Kleidung unter schrecklichen Bedingungen hergestellt, die nichts kostet, nichts aushält. Ich kaufe gerne auf „willhaben“. Am schönsten sind handgenähte Kleider. Ich habe eines aus den 1930er-Jahren, das könnte meine Urgroßmutter angehabt haben. Der Stoff ist heute noch gut.

Wie sind die Reaktionen auf deine Romane?

Als das erste Buch nach einem Monat ausverkauft war, war ich überrascht; es ist jetzt schon in der dritten Auflage. Ich denke mir: Schön, dass es gefällt, dass es gelesen wird, weil sonst könnte ich mich gleich mehr um die Paradeiser kümmern; das Schreiben ist ja wirklich viel Arbeit (lacht). Es ist Unterhaltungsliteratur, nichts Todernstes. Das Leben ist eh schwer genug. Allein schon, wenn ich an die Klimakrise denke. Wenn ein paar Leute ein paar Stunden Spaß haben, dann freue ich mich. Es ist ein bisserl wie Pippi Langstrumpf für Erwachsene, hat meine Freundin gesagt. Da ist möglich, was nicht möglich ist.

 

Wir verlosen 3 x den Roman „Missis Karlovits überfährt den Po“ von Michaela Frühstück. HIER kannst du mitspielen!