Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 29.06.2020

„Ich bin gern eine Rabenmutter“

Die Hürdenforscherin: Verena Florian suchte nach Antworten, warum es Mütter, die einen guten Job haben wollen, und Männer, die gute Väter sein wollen, noch immer so schwer haben.

Bild 2007_B_ME_Verena FlorianVerena-9.jpg
Verena Florian ©View/Jennifer Vass,

Manchmal nagte die Eifersucht an ihr, gesteht sie. „Wenn ich ehrlich bin, auch heute noch“, lacht Verena Florian. Und zwar dann, wenn ihre mittlerweile erwachsenen Kinder sich mit Papa in Gespräche vertiefen – und das auch prima ohne Mama können. Aber viel mehr Kraft hat jenes Bild im Kopf der 52-Jährigen, als ihre erste Tochter auf die Welt kam. Eine Szene, mit der ihr Mann den Grundstein zu einer starken Bindung legte: „Er hat sie stundenlang gehalten, das sehe ich heute noch vor mir.“ Die enge Beziehung ihres Mannes zu den Kindern ist auch eine Inspiration für ihr Engagement um das Aufbrechen einzementiert scheinender Geschlechterrollen.


Wie Blei

Verena Florian wurde in Graz geboren und lebt heute in Wien und im Südburgenland. Sie studierte Geschichte, Amerikanistik, Wirtschaft und Recht. Mit Anfang 30 gründete sie mit ihrem Mann Matthias ein auf Virtual Reality spezialisiertes Unternehmen. Später wurde sie Unternehmensberaterin und absolvierte eine Vielzahl an Coaching-Ausbildungen. Ihren Fokus legt sie seit Jahren auf das Coaching von Frauen (www.mutfaktor.com): auf den Support beim Wiedereinstieg, beim Selbstständigwerden oder beim Erklimmen der Karriereleiter. Damit erlebt sie hautnah, woran es hapert. Wie erst kürzlich, als ihr eine Kundin absagte, nicht zuletzt weil der Ehemann nicht hinter ihrer Geschäftsidee stand. Zeitgleich erfuhr sie von einem jungen Papa, dessen Wunsch „auf Teilzeit“ vom Arbeitgeber abgelehnt wurde. „Das bedeutet: Beide wurden nicht aus ihren Geschlechterrollen herausgelassen“, analysiert Verena Florian. Im Vorjahr publizierte sie das Buch „Mut zum Rollentausch“, für das sie 50 Pionier*innen interviewte: beruflich erfolgreiche Frauen und Männer in Väterkarenz.  Ein Antrieb für das Werk, das auch wissenschaftliche Erkenntnisse inte­griert, war ihr eigenes Leben. „Ich gehöre nicht zur Liga, die meint, eine Mutter muss 24/7 bei den Kindern sein. Unsere Geschlechterrollen hängen an unseren Füßen wie Blei“, sagt die Autorin. „Mein Mann und ich haben halbe-halbe gemacht.“ Die Basis dafür war, dass sie zunächst beide auf 30 Arbeitsstunden reduziert haben; parallel investierten sie in verschiedene Betreuungsformen. „Wir hatten eine super Tagesmutter, später Au-Pair-Mädchen und auch einen -Burschen. Er war toll! Er machte kleine Abenteuer mit den Kindern“, erinnert sie sich. Während der Schulzeit waren die Töchter im Hort angemeldet, „wir haben sie abwechselnd am Nachmittag abgeholt“. „Ich wäre ja für die Ganztagesschule: Wenn die Kinder um 17 Uhr nach Hause kämen, wäre alles erledigt und man könnte die Zeit gemeinsam genießen“, findet Verena Florian.

 



Unabhängig

Wie sich ihre Töchter entwickelten? „Sie hatten viele Freiheiten, aber wir haben keine antiautoritäre Erziehung praktiziert; sie hatten klare Strukturen. Ich bin heute unglaublich stolz, wie selbstständig und unabhängig sie ihr Leben organisieren“, erzählt sie. So habe ihre ältere Tochter beispielsweise ihr Erasmus-Stipendium im Alleingang in die Wege geleitet, der jüngeren gelang die anspruchsvolle Aufnahme an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Rabeneltern. Bei ihrer Buchrecherche ging Verena Florian auch dem Mythos Rabenmutter nach: Der Vergleich ist doppelt falsch. „Ich habe eine Wissenschaftlerin am Konrad-Lorenz-­Institut interviewt. Das Schöne ist, dass sich beide Eltern um die Rabenjungen kümmern. Sie versorgen sie sogar noch eine Zeit lang weiter, wenn sie bereits aus dem Nest ausgezogen sind.“ Die Aufforderung der Buchautorin: „Wir sollten alle Rabeneltern sein.“ Dabei gelte es, „das tägliche Geschäft“ und die mentale Belastung aufzuteilen: „Dieses ständige An-alles-Denken, selbst nachts: Was brauchen die Kinder, was koche ich, was muss ich einkaufen …“ „Ihre“ Pionier*innen verbindet der Mut, aus traditionellen Geschlechterrollen herauszutreten. „Männer, die in Väterkarenz gehen wollen, riskieren bis heute ihren Job und werden oft auf den Arm genommen“, beschreibt sie. Umgekehrt muss eine Mutter in Führungsposition sehr viele Hürden nehmen. „Oft schon, wenn sie einer Vollzeitbeschäftigung nachgeht.“ Interessant sind die Parallelen: „Keine der interviewten Frauen hat gesagt, ihr Ziel sei gewesen, Vorständin zu werden. Die Leitmotive für ihre Karrieren: Sie wollten unabhängig sein und gestalten können.“ Als ein Megatrend gilt unter Zukunftsforscher*innen der „Gender Shift“; es soll kein Schicksal mehr sein, welches Geschlecht man hat. Doch wird er auch als ein „ambivalenter Trend“ beschrieben. Zuletzt förderte die Coronavirus-Krise rückschrittliche Tendenzen ans Tageslicht (siehe auch Talk ab S. 48). „Österreich feiert sich als fortschrittlichen Wirtschaftsstandort, aber die Rollenverteilung von Frauen und Männern ist erzkonservativ“, findet Verena Florian. Dabei ist vielfach belegt, dass gemischte, gleichberechtigte Teams erfolgreicher sind. Gute Familienpolitik kommt beiden Geschlechtern zugute, ist sie überzeugt. „Auch Männer sind immer weniger bereit, sich in ihre Geschlechter­rolle drängen zu lassen, wonach sie hackeln bis zum Umfallen, um der Ernährer zu sein.“ Familienfreundliche Betriebe profitieren in vielerlei Hinsicht: „Sie haben loyale, motivierte Mitarbeiter und eine geringe Fluktuation.“ Eine Chefin verriet ihr: Seit die Väterkarenz im Unternehmen alltäglich wurde, waren die Schwangerschaften der Frauen kein Thema mehr.



Neue Wege

An vielen Rädchen lässt sich aber auch eigenverantwortlich drehen, glaubt Verena Florian. Unbezahlte, aber wertvolle Arbeit muss nicht an der Frau hängen bleiben. „Hilfreich sind Zeitverwendungs-Listen: Paare tragen eine Woche lang ein, wie viel Zeit sie jeweils für Job, Hausarbeit, Pflege von Angehörigen oder Freizeit verwenden. Dann kann man gemeinsam schauen, wo vielleicht neu aufgeteilt werden muss.“
„Geschlechterrollen sind auch Komfortzonen“, sagt Verena Florian. „Es ist bequemer, sich darin aufzuhalten, auch wenn sie zum Nachteil werden. Mein Ansatz ist: Wenn ich mich verändere, verändert sich auch das System. Aber das braucht auch viel Mut.“

 

Mut zum Rollentausch.

Falter Verlag, 2019,

€ 22,90