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People | 16.07.2020

Die Poesie intimer Momente

Inmitten unretuschierter, bewegender Arbeiten von Eveline Rabold erzählt die vielseitige Künstlerin und Werbeagentur-Chefin unretuschiert ihre bewegende Lebensgeschichte.

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"Menschen, die nicht wie aus einem Magazin aussehen, sind für mich ein Geschenk.", Eveline Rabold. © Ramona Hackl

Nackte Haut

Ein Hals. Gesichtsfalten. Ein üppiges Dekolleté. Beschriftet, mit dynamischen Schlingen. „Ich trage die tägliche Begrenzung meines Glücks in mir“, steht auf einem Rücken. Die Zitate stammen zum Großteil vom Literaten Gustav Januš, einem Kärntner Slowenen. „Seine Gedichte sind für mich auch im optischen Sinn poetisch“, sagt Eveline Rabold. Im Freilichtmuseum Ensemble Gerersdorf, wo sich Gäste auf Zeitreisen begeben, zeigt sie Bilder, die von intimen, aus der Zeit gefallenen Momenten erzählen. Das Gästebuch ist voll von Komplimenten. Ihre fotografischen Arbeiten „bewegen“ und „berühren“ die Betrachter*innen, schreiben sie. „Das ist das Größte, was man mit einer Ausstellung erreichen kann“, sagt die Künstlerin. Auch über Facebook und andere Kanäle kommen schöne Rückmeldungen. Es scheint, als würden die Menschen Kunst nach dem Lockdown bewusster genießen, überlegt sie. Aufmerksamkeit erregt auch das Musikvideo über ihre Ausstellung, das via YouTube zu den Rezipient*innen findet. Ein Geburtstagsgeschenk vom Autor und Regisseur Peter Wagner, ihrem Mann. Die Hauptrolle darin teilt sie sich mit ihren fotografischen Arbeiten; sie singt „Nur ein Lächeln von dir“, einen Song aus Wagners Feder. Eine Nummer aus dem Doppelalbum „Hunde der Einsamkeit“, das sie gemeinsam veröffentlichten. „Viele, die mich kennen, waren überrascht, dass ich singe“, schmunzelt sie. Dabei hat Eveline Rabold eine klassische Gesangsausbildung in der Tasche und steht seit Kindesbeinen auf der Bühne. Dass ihre Vielseitigkeit manchen entgeht, vermag daran liegen, dass sie, die hauptberufliche Werbeagentur-Chefin, für sich selbst höchstens sanft die Werbetrommel bemüht.



Starke Frühstarterin

Eveline Rabold wuchs in Güssing auf. Geboren wurde sie in Graz, mit Kaiserschnitt als Frühchen. Ihre innere Stärke, durch schwierige Lebensphasen zu tauchen, kann damit zusammenhängen, reflektiert sie später im Gespräch. „Ich weiß, dass ich vieles allein schaffe. Das war im Brutkasten schon so. 1974 haben Mütter ihre Kinder noch nicht auf der Brust halten dürfen.“ Ihre Eltern hatten einen Installations- und Spenglereibetrieb, ihre Kindheit war eine sehr schöne, erzählt sie. Schon mit zehn Jahren gestaltete sie Plakate, als Zwölfjährige sang sie in einer Kirchenband Jazz-Messen. „Güssing war immer schon ein besonderer Ort für Leute, die sich auf einer Bühne ausdrücken möchten.“ Ihre Liebe zum kreativen Schaffen nahm ihre Mutter ernst; dass sie mit 15 Jahren nach Graz an die Ortweinschule ging, verdankt sie auch ihrem Engagement. Sie lernt Grafikdesign, inklusive einer fotografischen Ausbildung. „Ich hab’ früh gewusst, dass ich in dem Bereich arbeiten will“, sagt Eveline Rabold. Sie will aber auch singen, macht kurzerhand eine Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Graz – und ist eine von nur zwei jungen Leuten, die in ihrem Jahrgang aufgenommen werden. Abstriche will sie keine machen; ans Konservatorium pilgert sie in den Mittagspausen und nach der Schule. „Ich bin zwar zunächst ein halbes Jahr lang nur um ein Klavier gelaufen, um das Atmen zu lernen, aber dann konnte ich es“, lacht sie. Mit 20 Jahren maturiert sie an der Ortweinschule, absolviert ebenso ihre klassische Gesangsausbildung; im letzten Jahr beginnt sie zusätzlich mit Unterricht bei einer Jazz-Sängerin. Eine der ersten großen Bühne ist jene an der Oper Graz, sie singt dort im Chor. „Ich wollte Geld verdienen mit dem, was ich kann. Zuerst war es das Singen, damit ich mich mit einem Grafikstudio selbstständig machen konnte. Heute ist das umgekehrt: Weil ich meine Agentur habe, kann ich es mir einteilen, dass ich zum Singen und Fotografieren komme.“



Rückschläge

Eine große Lebensprüfung wird in jungen Jahren der langsame und schmerzhafte Verlust des Vaters, der nach dem Konkurs des Familienunternehmens an Alzheimer erkrankt. Einen weiteren Rückschlag erlebt sie, als ein Geschäftspartner ihr Vertrauen ausnutzt und das Konto leerfegt. Dennoch: Seit gut 20 Jahren reüssiert Eveline Rabold in der Werbebranche. Derzeit zählt ihre mehrfach preisgekrönte Oberwarter Agentur sieben Mitarbeiter*innen mit unterschiedlicher Expertise. Sie ist überzeugt: Teamwork mit gut ausgebildeten Leuten ist der beste Nährboden für kreative Ideen. Dabei crasht sie Agentur-Klischees: „Ich bin ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen; bei mir gibt es eine 35-Stunden-Woche.“ Sie erlebte vor ein paar Jahren jenen kritischen Moment, der sie zum Umdenken zwang. „Ich habe sieben Tage die Woche gearbeitet und irgendwann gespürt: Wenn ich nicht die Notbremse ziehe, steige ich in ein Burn-out.“ Ihr Credo lautet heute: „Der qualitative Output ist höher, wenn sich die Leute erholen können.“ Ihren Ausgleich findet sie in der Kunst. „Meine Arbeit in der Agentur würde darunter leiden, wenn ich nicht auf der Bühne stehen oder mich in Bildern ausdrücken könnte.“ Das künstlerische Schaffen mit Peter Wagner sei nicht zuletzt ein Lebenselixier ihrer Beziehung. Von Beginn an. Seit 1997 sind sie ein Paar – seit der ersten Produktion, in der sie eine Hauptrolle in Güssing sang. Das von Publikum und Kritik gelobte mehrsprachige Musical „Der Fluss“ ist eine der vielen erfolgreichen Kollaborationen aus jüngster Vergangenheit. Einer spektakulären Produktion wird sie diesen Sommer die Stimme leihen: Am 13. August findet die Premiere des „Ersten Österreichischen Distanz Theaters“ in Oberwart statt. Peter Wagner wagt damit einen Theaterversuch „mit Augenzwinkern“, wie es im Konzept heißt. Für das Stück „Bleib mir vom Leibe!“ bat er mehrere Autor*innen um einen Beitrag; gespielt werden die Szenen mit bis zu fünf Meter großen Puppen, die von Schauspieler*innen und Tänzer*innen geführt werden. Es folgen weitere Aufführungen in Oberwart, der KUGA Großwarasdorf, der Cselley Mühle sowie in Wien und Klagenfurt.


Nachdem die Vernissage zu Eveline Rabolds Ausstellung in Gerersdorf Corona-bedingt abgesagt werden musste, wird der Abschied feierlich begangen: mit einer Finissage am 11. Juli (18 Uhr).


Infos: www.evelinerabold.at

Impressionen
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„Foto – Skript“. Eveline Rabolds Ausstellung im Freilichtmuseum Gerersdorf

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Gefesselt. Redakteurin V. Kery-Erdélyi

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