Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 14.09.2020

"Ich muss erst mal gar nix!“

Vor drei Jahren hat die heute 58-Jährige ihr komplettes Leben auf den Kopf gestellt. Wir plaudern mit Gaby Schwarz über bedingungslose Liebe, Kompromisse im Job und Schicksalsschläge im Leben.

Bild HEAD_2009_B_gabyschwarz-1.jpg
Manchmal haben die Arbeitstage auch 18 Stunden, beginnen tun sie meist mit der Zeitung auf der Terrasse. © Vanessa Hartmann

Von vorneherein stellt sie klar, dass sie über alles spricht, aber leider nicht so viel Zeit hat wie gedacht. Ein wichtiger Arzttermin hat sich eingeschoben. So sei das im Alter. Und auch sonst ist sie ziemlich straight: „Ich bin 58, geschieden, Single und habe überhaupt kein Problem damit.“ Wer Gaby Schwarz kennt, weiß, dass diese Frau authentisch und voll packender Energie auf einen zukommt. Über die Hälfte ihres Lebens war sie Führungskraft, daneben eine der bekanntesten burgenländischen Radio- und Fernsehmoderatorinnen. 37 Jahre lang beim ORF – gekrönt durch die Position als Programmchefin zum Schluss. Vor rund drei Jahren kam dann die plötzliche Entscheidung für den Wechsel in die Politik. Heute ist sie Generalsekretärin-Stellvertreterin der ÖVP. „Mit 55 Jahren noch mal eine derart extreme Änderung und Herausforderung zu bekommen, ist schon spannend. Natürlich war das damals eine Bombe, alle waren geschockt – doch ich bin aus dem ORF weder mit Gram noch mit Wehmut gegangen, sondern dachte mir: ‚Es ist alles gut.‘ Es war ausgelebt.“
Die 58 Lenze sind ihr nicht anzusehen, und doch spürt sie das Alter. „Früher hab ich mir nichts dabei gedacht, wenn mir morgens das Knie wehtat, weil das hörte ja eh wieder auf. Jetzt weiß ich, es hört nicht mehr auf“, sagt sie und lacht, während wir gemütlich auf ihrer Terrasse sitzend den Blick über die entfernten Dächer von Eisenstadt schweben lassen. Sie fühle sich in ihrem Haus so wohl wie sonst nirgends auf der Welt. Als Gaby Schwarz vor 30 Jahren mit ihrem damaligen Mann Feri Tschank (Anm.: Journalist, ORF-Moderator und danach Programmchef bzw. Chefredakteur des BKF) das Haus mit seinen vielen Stiegen und den bedingt durch die Hanglage zu überwältigenden Höhenunterschieden baute, war das wie ein Nachhausekommen. Denn der Garten dort wurde bereits von ihrer Urgroßmutter angelegt. Heute ist er Gabys Kraftplatz – und Kraft braucht sie immer wieder.

BURGENLÄNDERIN: Ist Single zu sein in der zweiten Lebenshälfte einfacher als in der ersten?

Gaby Schwarz: Ich merke, ich werde kompromissloser, selektiver. Ich lebe ein sehr freies Leben. Ohne Liebe möchte ich nicht leben, aber als Single lebe ich sehr gut. In meinem Alter gehst du nicht mehr unverblümt in eine Beziehung, du hast Erfahrungen und Vorstellungen. Ich möchte bedingungslose Liebe. Ich stelle keine Bedingungen, sondern bin sehr offen, wie Beziehung mit mir gelebt werden kann. Angst vor dem Alleinsein habe ich überhaupt nicht, ich kann gut mit mir selber und bin ausgeglichen.


Deine zwei längsten Beziehungen dauerten je 15 Jahre. Der Umgang mit Trennungen ist in dieser BURGENLÄNDERIN-Ausgabe einer der Schwerpunkte. Wie stehst du dazu?

Ich habe weder unter meiner Ehe, noch unter meiner Beziehung danach gelitten. Ich beobachte mit großem Bedauern, dass viele Frauen noch immer finanziell abhängig sind vom Einkommen ihres Mannes und sich deswegen oft nicht trennen. Mir war die wirtschaftliche Unabhängigkeit immer wichtig. Ich bin der Meinung, es ist gut zu gehen, wenn man aufgehört hat zu lieben. Wenn man nicht mehr zusammenpasst, egal aus welchen Gründen, dann sollte man den Mut aufbringen und sagen, ich möchte das mir und meinem Gegenüber nicht antun. Ich habe immer noch meine mahnende Mutter im Ohr, die aus einer sehr unglücklichen Elternverbindung stammt, wo sich die Eltern sicher jahrzehntelang nicht mehr geliebt haben, trotzdem zusammengeblieben sind und die Kinder das in allen Facetten miterlebt haben. Sie hat immer gesagt, sie wollte, ihre Eltern hätten sich getrennt, dann wäre es ihnen, den Kindern, besser gegangen.


Apropos Kinder – wo holt man sich eine Portion Jugendlichkeit und Verspieltheit, wenn man keine eigenen Kinder hat?

Kinder haben sich für mich nie ergeben, es hat nicht sollen sein. Jetzt bin ich eine sehr beliebte und schräge Patentante (lacht). Das ist für mich eine Möglichkeit, Kinder in den verschiedensten Entwicklungsphasen zu erleben. Ich war auch lange Mentorin im ORF und habe viele Frauen auf ihrem persönlichen Werdegang begleitet, das mache ich heuer auch das erste Mal mit jungen Frauen aus der ÖVP.

 

Impressionen
Bild 2009_B_gabyschwarz-7.jpg

"Eine Mischung aus Talent und Fleiß hat mein Leben geprägt." Gaby Schwarz, Generalsekretärin-Stv. ÖVP

© Vanessa Hartmann

Bild 2009_B_gabyschwarz-4.jpg

Bücher sind bei Gaby Schwarz allgegenwärtig.

© Vanessa Hartmann

Bild 2009_B_gabyschwarz-6.jpg

Chefredakteurin Nicole Schlaffer mit Gaby Schwarz auf deren Terrasse in Eisenstadt

© Vanessa Hartmann

Im Journalismus sind Objektivität, Authentizität und das Kritischsein oberste Prämissen. Das ist in der Politik nicht immer so. Koalitionen, Parteilinien, Verhandlungen, Kompromisse – ist das ungewohnt für dich?

Ich habe zwei Mal Koalitionsverhandlungen mit sehr unterschiedlichen Teilnehmern mitgemacht (Anm.: Nationalratswahl 2017 und 2019). Ich versuche, alles, was ich in der Politik erlebe, als Lernprozess anzunehmen. Und bezüglich Meinung: Ja, ich war keine Freundin dessen, dass wir vom Rauchverbot abgegangen sind, aber ich wusste, das war Bedingung, damit es zu einer Koalition mit der FPÖ kommt. Ich bin nicht immer mit allem einverstanden, aber ich weiß: Es wird viel diskutiert. Ich halte mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg. Was am Ende rauskommt, damit kann ich sehr gut leben. Ich gehöre sicher zum progressiven Part der Neuen Volkspartei, aber deswegen hat man mich geholt. Weil ich das bin, was ich bin. Und ich bin immer authentisch.


Was ist dir als Politikerin in Bezug auf Frauen besonders wichtig?

Mir ist es ein persönliches Anliegen, dass wir den Frauen alle Möglichkeiten aufzeigen, Orientierung schaffen und die Entscheidung dann ihnen überlassen. Es gebührt der gleiche Respekt einer Frau, die vier Kinder großzieht und bei ihnen zu Hause bleiben möchte, wie einer Unternehmerin, die keine Kinder möchte.

Das kann – theoretisch – ohnehin jede Frau selbst entscheiden. Es ist oft die Gesellschaft, durch die sich viele in eine Rolle gedrängt fühlen, in der sie eigentlich gar nicht sein wollen.

Vollkommen richtig. Vor allem im ländlichen Bereich ist das manchmal schwierig. Deswegen ist das Aufzeigen von Möglichkeiten auch so wichtig. Damit die Gesellschaft beginnt, umzudenken und jeder Mensch wieder selbst entscheiden kann, wie er sein Leben leben möchte, abseits von irgendwelchen Klischees.

Du tust das bereits. In deinem Leben hattest du auch bereits einige Schicksalsschläge, bekommt man dadurch eine andere Sicht auf das Leben?

Ich war mehrmals schwer krank, hatte eine Gesichtslähmung, einen Drehschwindel, einen dreifachen Bandscheibenvorfall, habe eine meiner besten Freundinnen 16 Monate beim Sterben begleitet. Ich mache ehrenamtlich Krisenintervention und versuche, Menschen in ihrer schwersten Stunde beizustehen. Ein einschneidendes Ereignis war auch der Tod meines Vaters vor 13 Jahren. Doch all das hat meiner Lebenslust keinen Abbruch getan. Es kommt alles so, wie es kommen soll.


Mit dem Älterwerden verändert sich einiges. Du stehst zu deinen 58 Jahren – welcher Lebensabschnitt ist deiner Meinung nach der beste?

Ich glaube, die beste Phase ist die, wo dir noch nichts wehtut und du voll im Leben stehst, also so zwischen 40 und 50. Viele glauben mir nicht, dass ich 58 bin, weil ich so viel Energie habe. Für diese Energie bin ich dem Universum auch unglaublich dankbar. Und einer der großen Vorteile des Alters ist: Ich muss erst mal gar nix. Mein ganzer Werdegang ist mir einfach passiert, ich habe das nicht akribisch verfolgt. Eine Mischung aus Talent und Fleiß hat immer schon mein Leben geprägt, alles andere ergibt sich dann von selbst.