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People | 07.10.2020

Alles auf Reset

Jeder Krankheits­verlauf ist anders. Um gesund zu werden und zu bleiben, wählte Iris ihren ganz eigenen Weg. Um diesen zu gehen, braucht sie Herzensmenschen, Mut und Zuversicht, erzählt sie.

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Positiv. Mitten im Lockdown erhält die Pöttelsdorferin Iris Schachinger die Diagnose Brustkrebs. Die zweifache Mutter erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle, doch da ist ganz viel Zuversicht. „Mein Bauchgefühl sagte: Sieh es als Chance!“ © Vanessa Hartmann

Iris Schachinger wird diesen Oktober 40. Wäre da nicht die rosa Schleife im Bild rechts, das Solidaritätszeichen für Brustkrebs, könnten wir die Seiten auch mit ihrer Lebensgeschichte füllen. Die ist nämlich schillernd bunt. An dieser Stelle werden wir die Biografie der zweifachen Mama aus Pöttelsdorf aber komprimieren, um insbesondere jenem Lebensabschnitt Raum zu geben, der alles veränderte … Iris wuchs fast exakt dort auf, wo wir uns zum Interview treffen. Hinter dem idyllischen Garten der Eltern haben ihr Mann Christian und sie ihr Haus gebaut, in das durch große Fenster der Herbst leuchtet.


Neugierig und voller Energie

Sie war 19 Jahre jung, als sie beschloss, anstatt zu studieren, Lebenserfahrung in den USA zu sammeln. „Ich wollte arbeiten, aber das war fast unmöglich ohne Greencard“, erzählt sie. Sie schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, verbringt mehrere Monate in Florida und New York. Nach ihrer Heimkehr jobbt sie in einer kleinen Filmfirma, „ich hab’ Kabel aufgerollt“, lacht sie. Wenig später findet sie sich in einem größeren Produktionsunternehmen wieder; sie lernt schnell, im eiskalten Wasser zu schwimmen, schon bald schupft die junge Frau die Aufnahme- und Redaktionsleitung einer beliebten TV-Show. „Aber immer wenn ich das Gefühl hatte, es läuft, wollte ich was Neues.“
Sie schnuppert in die Eventbranche, macht später Marketing für eine große Sportmarke, ehe sie mit ihrem damaligen Partner in Wien das erste Mal eine eigene Vision verwirklicht: „Wir haben uns mit einem Gute-Laune-Getränk selbstständig gemacht.“ Sie steckt jeden Cent in das Produkt, nach gut sechs Jahren versiegt die finanzielle Power. Woher sie den unternehmerischen Mut hatte? „Du meinst den Leichtsinn?“, stellt sie lachend die Gegenfrage.
Ein Studium sei für sie nie infrage gekommen, das Sitzfleisch habe ihr dazu gefehlt, erzählt sie weiter. Wenn sie etwas Neues interessierte, wollte Iris das immer sofort in der Praxis umsetzen.


Intensive Zeit

Plötzlich wird ihr Wien zu anonym, auch die Beziehung passt nicht mehr, sie kehrt ins Burgenland zurück und baut sich ihre eigene Werbe- und Marketingagentur auf. Ebendort lernt sie ihren Christian, der nicht zum ersten Mal ihren Weg kreuzt, „neu kennen“. „2015 war unsere Hochzeit, 2016 kam das erste Kind, 2018 haben wir Haus gebaut, 2019 wurde unser zweiter Sohn geboren – 2020 kam der Brustkrebs“, rast sie durch die vergangenen Jahre ihres Lebens.
„Dass ich immer ans Limit gegangen bin, war meine Charaktereigenschaft.Aber das ist natürlich nicht optimal für den Organismus.“ Freilich raubten die Minis nachts den Schlaf, doch anstatt sich tagsüber Ruhezeiten zu nehmen, trieb sie der Wunsch nach Perfektion an, reflektiert sie. „Statt dem Frühstück habe ich lieber schnell eine Zigarette geraucht und statt Wasser ein paar Kaffee getrunken.“ Kürzlich wurde ihr bewusst, wie gehetzt sie ständig war. „Jeder meiner Sätze enthielt ein ,schnell‘: Ich hole nur die Kinder schnell vom Kindergarten, ich besorge nur schnell ein …“

 

"Ich war viele Jahre immer nur gehetzt. In jedem meiner Sätze kam das Wort „schnell“ vor."

Iris Schachinger

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Iris2punkt0.com Seit dem Sommer lädt Iris ihre Geschichte Kapitel für Kapitel auf ihren Blog. Ihre Fangemeinde wächst nicht ohne Grund. © Vanessa Hartmann

Routinetermin

Seit sie selbstständig war, machte sie aber regelmäßig Gesundenuntersuchungen. Corona war gerade im Anrollen, Blutabnahme und Co. hatte sie schon erledigt, es fehlte nur noch die Mammografie. „Ich war begeistert: Ich war in zehn Minuten fertig und hab’ schon meinen Tag weiter geplant.“ Doch da wird sie noch mal zum Ultraschall reingebeten. Man habe Mikrokalkablagerungen entdeckt, das müsse nichts bedeuten, aber sie könnten auch ein Hinweis auf einen Tumor sein. Wenige Tage später folgt der Lockdown, die Biopsie muss sie in einem Spital machen lassen, in dem die Gänge bereits menschenleer sind. „Das war beängstigend“, sagt Iris. Als weitere Tage darauf der Anruf des Arztes kommt, spielen ihre Kinder neben ihr, ihr Mann wartet gespannt in der Tür. „Tut mir leid, es ist ein Mammakarzinom“, sagt der Arzt. „So etwas ist in dem Moment nicht begreiflich. Christian ist verfallen, ich habe in seinem Gesicht gesehen, wie es mir geht.“

 

Auf den Schock folgte viel Reflektieren

„Plötzlich war es wie eine Offenbarung: Ich habe die letzten Jahre nicht auf mich achtgegeben, mein Immunsystem war im Keller. Viel Zuversicht hat mir persönlich ein Gedanke gegeben: Ich weiß, warum ich das habe, dann kann ich es auch lösen.“ Der Tumor wurde entfernt, die erste Biopsie gab Anlass zur Hoffnung, dass damit alles erledigt wäre. „Die zweite Biopsie aber ergab: Er ist hoch aggressiv und extrem schnell wachsend.“ – „Heute weine ich“ – diesen Titel trägt der Eintrag von Iris’ Blog, der eben diese Situation beschreibt. Die Therapieempfehlung trifft sie mit voller Wucht: Zwei mal vier Chemo-Zyklen, Bestrahlung, Hormone. „Mein erster Gedanke war: Ich werde nicht ein Jahr kotzen und auf der Couch liegen, ich werde nicht unbrauchbar für meine zwei kleinen Kinder sein.“ Seit Jahren schwört sie auf den Rat ihres Frauenarztes, er sagt ihr klar: „Jeder Schulmediziner wird Ihnen genau das raten.“ Iris bittet dennoch um etwas Bedenkzeit; „ich wollte mir alle Möglichkeiten ansehen“. Ihre Eltern übernehmen die Kids, ihr Mann Christian und sie starten eine Tour quer durch Österreich. „Ich wollte mir so viele Meinungen wie möglich anhören, wir haben sicher zwölf bis 14 Leute getroffen“, schildert sie. Darunter waren etwa Schulmediziner*innen, die auch mit alternativen Methoden arbeiten, Energetiker*innen, Menschen, die selbst den Krebs besiegt hatten. Nicht alle Begegnungen waren positiv, manche machten noch mehr Angst, aber praktisch aus allen Gesprächen habe sie sich etwas mitnehmen können.

 

Mutige Entscheidung

„Der Tumor war herausgeschnitten, Chemo und alles andere sollten verhindern, dass der Krebs wiederkommt. Ich hab’ mich aber für einen ganzheitlichen Ansatz entschieden“, beschreibt Iris. Körper, Geist und Seele sollten so aufgestellt werden, dass der Krebs keine zweite Chance bekommt.
Sie holt sich eine Reihe professioneller Meinungen zum Thema Ernährung und stellt diese komplett um. Schon auf nüchternen Magen trinkt sie täglich einen Liter Wasser, danach über den Tag verteilt weitere zwei Liter. Der einstige „Kochmuffel“, wie sie sich beschreibt, karrt plötzlich kiloweise Gemüse ins Haus. Sie beginnt, regelmäßig Bewegung zu machen, aber ebenso Ruhezeiten einzuplanen. Schließlich entscheidet sich Iris noch für eine Mastektomie, also für das operative Entfernen von Brustgewebe, und für einen Brustaufbau. Sich von der Schulmedizin komplett abwenden wollte Iris nie. Im Gegenteil: „Ich habe mir sehr gewünscht, dass mich mein langjähriger Frauenarzt bei all dem begleitet“, sagt sie. Mit einer akribisch ausgearbeiteten Rede will sie ihm ihre Pläne vorstellen. Aufgeregt sei sie gewesen, dass er womöglich Nein sagt. Doch er stimmt zu. „Das war ein überwältigender Moment für mich.“
Sie knüpft sich ebenso ihre mentale Gesundheit vor. „Ich musste lernen zu entschleunigen.“ Sie meditiert, macht Yoga und beginnt eine Psychotherapie. Auch ihr Umgang mit ihrem Umfeld wird bewusster. „Herzensmenschen sind wie Tankstellen und sie kommen, wenn man Signale aussendet. Mit ihnen Zeit zu verbringen, ist auch Therapie.“


Zudem beginnt Iris zu schreiben

Sie reflektiert über ihre Erfahrungen und Gefühle, sie beschreibt tiefgründig pointiert sogar, wie sie mit dem Rauchen aufhört. Im Sommer entsteht daraus der Blog „Iris 2.0. Nicht alles läuft nach Plan“. Kapitel für Kapitel lädt sie dort ihre Geschichte rauf, auch wir wurden so aufmerksam auf sie. Manchmal kann ein Taschentuch nicht schaden, doch vor allem ist Iris positiv, humorvoll und überzeugt: „Ich werde leben!“

Blog: iris2punkt0.com

© Verlag

Buchtipp

Das Buch „Mutmacherinnen“ wird von Schriftstellerin Julya Rabinowich, Starfotografin Sabine Hauswirth und Uschi Pöttler-Fellner zugunsten der Österreichischen Krebshilfe im echo medienhaus herausgegeben. Im Mittelpunkt stehen zwölf Frauen, die stellvertretend für Tausende Frauen ihre Geschichte und ihre Erfahrung mit der Erkrankung erzählen. Erhältlich ab 1. Oktober im gut sortierten Buchhandel. Der Reinerlös geht an die Österreichische Krebshilfe zur direkten Hilfe und Unterstützung von Brustkrebspatientinnen.


Im Zeichen der Rosa Schleife

© Krebshilfe Burgenland

 

  • Aufgrund der Corona-Pandemie können diesen Oktober nur einige Pink-Ribbon-Events stattfinden. Informieren Sie sich laufend, es kann zu weiteren Änderungen kommen. Um auf die Brustkrebsvorsorge aufmerksam zu machen, werden das Rathaus Oberwart, das Schloss Esterházy und die Burg Güssing pink beleuchtet.
  • Pink Ribbon Tour-Stopp: 17. Oktober, 10 bis 17 Uhr, eo Einkaufszentrum Oberwart – mit Informationsstand und Charity-Tombola.
  • Wanderung für Pink Ribbon: 10. Oktober, 13 Uhr, Moschendorf.
  • Pink-Ribbon-Botschafterin Elisabeth Schranz (im Bild mit Andrea Konrath, Krebshilfe-Burgenland-Geschäftsführerin, li.) stellt auch heuer wieder für den Brustkrebsmonat Oktober kostenfrei einen neuen Mercedes für die mobile Beratung zur Verfügung sowie käuflich erwerbbare Pink-­Ribbon-Accessoires, deren Reinerlös Brustkrebs­patientinnen im Burgenland zugute kommt.


Nähere Informationen: www.krebshilfe-bgld.at