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People | 15.10.2020

(K)Ein Drama

Zum Kinostart von Arash T. Riahis bewegendem Film „Ein bisschen bleiben wir noch“ trafen wir Simone Fuith zum Talk über ihre Rolle, zerbrechliche Kinderseelen und Menschlichkeit.

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© Marisa Vranješ/marisavranjes.com

Wenn man den Mund lange offen lässt, können die Sorgen vielleicht aus einem rausfliegen“, flüstert Oskar, während er den Kopf mit offenem Mund in den Nacken legt. Seine große Schwester Lilli hält seine Hand und macht es ihm gleich. Die beiden Kinder leben seit sechs Jahren in Österreich, sie sollen abgeschoben werden. Die psychisch labile Mutter unternimmt einen Suizidversuch. Die Abschiebung wird aufgeschoben, aber Oskar und Lilli werden getrennt – und bei zwei unterschiedlichen Pflegefamilien untergebracht. Ein Drama? Ohne Zweifel. Und doch gelingt Arash T. Riahi mit „Ein bisschen bleiben wir noch“ ein Film, der das Herz nicht zerreißt, sondern in magischer Weise berührt. Er lässt das Publikum durch die Augen der Kinder – Leopold Pallua und Rosa Zant spielen herausragend – auf die Welt blicken. Das erlaubt ein Schmunzeln selbst in traurigen Momenten, das ermöglicht – wie eingangs beschrieben – bemerkenswerte Lösungsansätze für den Kummer und immer wieder ein Innehalten in Szenen voller Poesie, wenn etwa eine Biene gegen Regentropfen ankämpft. „Er ist ein großer Herzensmensch“, sagt Simone Fuith über Regisseur Arash T. Riahi. In „Ein bisschen bleiben wir noch“ verkörpert die St. Margarethenerin Lillis Pflegemutter. Wir sahen den bereits jetzt mehrfach preisgekrönten Film vorab und trafen die Schauspielerin zum Interview.



Beim Filmfestival „Max Ophüls Preis“ habt ihr bereits Anfang des Jahres in einer Königsdisziplin brilliert: Ihr habt den Publikumspreis gewonnen. Wie hast du das erlebt?

Das war unglaublich! In Deutschland (beim Festival in Saarbrücken, Anm.) ist der Film so gut angekommen, dass uns die Leute auf der Straße angesprochen und sich für den Film bedankt haben. Er berührt sehr: Einmal hat man Tränen in den Augen, dann wieder kann man so gut lachen. Das ist Arash T. Riahis Mentalität. Schon der Titel ist so schön; einige haben gesagt, dass sie extra ins Kino gegangen sind, weil ihnen der Titel so gut gefallen hat.

Der Film sollte schon im Frühjahr in Österreich präsentiert werden, doch dann kam Corona …

Die Premiere war für März bei der Diagonale in Graz geplant. Zum ersten Mal wäre ich dort in einem Kinofilm mit einer schönen großen Rolle gewesen und außerdem noch mit einem Kurzfilm; dass das nicht stattfinden konnte, war sehr bitter. (Das Festival musste abgesagt werden, Anm.) Aber ich habe sehr bald versucht, die Corona-Situation auch von der positiven Seite zu sehen, ohne das Negative zu verdrängen. Ich hab’ mir gedacht: Wer weiß, wofür es gut ist, wenn alles mal runter- und wieder neu raufgefahren werden muss; im Idealfall konnte man es nutzen, um sich einiges wieder bewusst zu machen.

Du konntest dich also relativ schnell fangen?

Ich bin Freischaffende. Ich kenne diesen Zustand, wenn man eine Phase hat, in der man nicht drehen kann oder nach Castings lange auf Antworten wartet. Da habe ich trotzdem meine Tagesabläufe, meine Routine.

Du hast in einem früheren Interview erzählt, dass du seit vielen Jahren eine Art Tagebuch schreibst …

Die Morgenseiten! Das tue ich nach wie vor. Das ist super, wenn du dir alles von der Seele schreiben kannst, welche Gedanken dir durch den Kopf gehen. Ich kann das jedem nur empfehlen. Ich mache es nur nicht mehr ganz so regelmäßig, weil ich sehr ins Yoga gekippt bin (lacht). Sogar während des Lockdowns habe ich Kurse gemacht – online!

 

Impressionen
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Kinostart am 2. Oktober. „Ein bisschen bleiben wir noch“

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 „Ein bisschen bleiben wir noch“

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Inspiration. Fotoshooting à la Romy Schneider.

Wie kamst du zum Film „Ein bisschen bleiben wir noch“?

Ich war schon vor gut fünf Jahren bei der ersten Castingrunde in der engen Auswahl. Dann hat es aber mit der Finanzierung des Films nicht geklappt, ich war so traurig. Arash hat aber immer gesagt, dass er dranbleibt. Zwei, drei Jahre später erzählt er mir bei einer anderen Filmpremiere, dass es wieder weitergeht. Nach dem Casting mit Rainer Wöss – da hat man geschaut, ob wir als Paar gut rüberkommen – war das Casting mit den Kindern. Da habe ich Rosa Zant (Filmrolle Lilli, Anm.) kennengelernt. Es war einfach toll, in ihre großen braunen Augen zu schauen, wie sie ihre Geschichten im Film erzählt hat, das hat mich sofort berührt. Ich habe Gänsehaut gehabt. Und dann sind’s tatsächlich Rosa und ich geworden, Halleluja! (lacht) Da waren viele Monate, in denen ich nicht gewusst habe, ob ich die Rolle bekomme; ich bin Martina Poel – sie ist selbst Schauspielerin und hat die Castings gemacht – sehr dankbar, dass sie mich sehr bestärkt hat. Sie hat immer gesagt: „Simone, du bist die Ruth!“

Wer ist Ruth, also wie ist die Rolle von Lillis Pflegemutter im Film?

Ruth geht ziemlich naiv in das Muttersein. Sie hat erst spät den Partner gefunden, mit dem sie sich etwas aufbauen möchte. Zu ihrem Glück fehlt nur noch eines: Sie wäre gerne Mutter geworden, es hat sich aber nie ergeben. So wird sie Pflegemutter. Nur denkt sie anfangs, dass dafür ihre Herzlichkeit und Freude ausreichen. Sie ist sich zunächst nicht bewusst, wie traumatisiert Lilli ist. Sie denkt sich: Jetzt habe ich alles, jetzt haben wir’s schön, jetzt machen wir’s uns kuschelig. Aber da spielt das Leben nicht mit, weil es das Kind, aber auch ihr Partner anders empfindet.

Was hast du dir von dieser Rolle mitgenommen?

Beispielsweise was tatsächliche Hilfe ist und was man aus Egoismus macht. Oder dass es mit Kindern im Leben nie so ist, wie man es sich vorher vorgestellt hat (lacht). Dass sich das nicht ausgeht, wenn man denkt: Ich bin super zu ihr, dann wird’s ihr auch gut gehen. Man muss auf jedes Kind eingehen. Ich habe mich in der Vorbereitung auf die Rolle viel damit beschäftigt, wie man Pflegemutter wird. Ich habe große Ehrfurcht vor den Menschen, die eine solche Aufgabe übernehmen.

Wo sind die Parallelen und wo die Gegensätze zu deinem Leben?

Ich kenne dieses Gefühl: Jetzt bin ich in einer Partnerschaft, in der ich mich sicher fühle, jetzt will ich alles schnell unter einen Hut bringen, was andere vielleicht schon in den 30ern getan haben: Auto, Haus, Kind … (lacht) Aber ich bin keine Mutter und habe trotzdem nicht das Gefühl, dass ich etwas versäumt habe. Ich finde es wichtig, dass man auch dieses Bild zeigen kann, dass dieses Lebensmodell genauso seine Berechtigung hat. Ich hab’ seit meiner Kindheit gedacht, dass ich Mutter werde, weil ich Kinder sehr mag. Aber in der Zeit, wo das möglich gewesen wäre, waren es nicht die richtigen Beziehungen. Oder vielleicht war ich nicht so weit.

Du lebst in einer glücklichen Beziehung und es passt, wie es ist?

Genau. Mir fehlt nichts und das Thema Kind ist für mich abgeschlossen. Mein Neffe, der Sohn meiner Schwester, war, seit er ein Baby war, oft bei mir; da habe ich ganz viel miterleben dürfen. Das hat auch immer geholfen, ein bisserl einen realistischeren Blick aufs Mamasein zu haben (lacht).

Worin liegt für dich die Botschaft des Films „Ein bisschen bleiben wir noch“?

Dass man mehr Menschlichkeit walten lassen sollte. Menschen, die hier versuchen, ihr Leben aufzubauen, zarte Würzelchen zu schlagen, sollten nicht so rausgerissen werden. Der Film zeigt vor allem, wie es Kinderseelen geht, wenn sie merken, dass sie nicht willkommen sind, was es in Kindern auslösen kann, wenn sie nicht ihre Wurzeln schlagen dürfen. Und trotzdem ist der Film entzückend und liebevoll, ohne anklagend zu sein.

 

 Fotos Marisa Vranješ/marisavranjes.com, Filmladen Filmverleih


Simone Fuith (l.) mit Herzens­fotografin. Marisa Vranješ

Kurzbiographie zu

Simone Fuith …

… wuchs in St. Margarethen auf, ihre Eltern betrieben 30 Jahre lang ein Gasthaus; ihre Schwester Silvia wurde Keramikerin, ihr Bruder Michael ebenfalls Schauspieler. Simone Fuith schloss zunächst eine Ausbildung zur Kosmetikerin ab und studierte dann an der Pygmalion Schauspielschule, erste Engagements führten sie an die Kleine Komödie in der Wiener Walfischgasse und an das Stadttheater St. Pölten. In den vergangenen Jahren legte Simone Fuith ihren Fokus verstärkt auf Filme und Serien; vor der Kamera stand sie etwa für „Tatort: Wehrlos“, „Vorstadtweiber“, den Fernsehfilm „Herrgott für Anfänger“ sowie für die Kinofilme „Die Migrantigen“ und „Nobadi“. Sie lebt mit ihrem Partner in Wien.