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People | 06.03.2017

Thank you … für vier Trophäen

Der große Abräumer beim Österreichischen Filmpreis 2017: „Thank You For Bombing“ von der in Eisenstadt geborenen Regisseurin Barbara Eder. Wie eine furchtlose Kreative Drehtage in Kriegsgebieten erlebte und warum ihr Privatleben ein Drahtseilakt ist.

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© Gregor Hofbauer

Barbara Eder

… wuchs in Leithaprodersdorf und Seibersdorf auf. Sie besuchte das Theresianum in Eisenstadt, war nebenher schon kreativ: Sie machte erste Filme, gründete eine Schülerzeitung und eine Band, malte. Schließlich absolvierte sie an der Filmakademie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien ein Regiestudium. Einige Produktionen: „Thank You For Bombing“, „Cop Stories“, „Blick in den Abgrund“, „Inside America“, „Wir sind Kaiser“, „Wunderbar! – Harald Serafin auf Hoher See“ u. a. Derzeit arbeitet sie unter anderem an einem „Tatort“ und entwickelt gerade einen Kinofilm: eine „bitter-sweet Komödie“, wie sie sagt.


Anfang 30 war das mit dem Kinderkriegen eine Zeit lang präsent. „Aber ich wusste, dann komme ich nicht dorthin, wo ich hinwill“, sagt Barbara Eder. „Ich hätte einen Mann gebraucht, der für meine Karriere reduziert arbeitet oder zuhause bleibt. Einen solchen habe ich bisher nicht getroffen“, lacht sie. Umgekehrte Beispiele, Frauen, die zugunsten der Karriere der Ehemänner zurückstecken, gebe es genug, will sie betont wissen.

Dorthin zu kommen, wo die Filmemacherin heute steht, dafür hat sie auch karge Zeiten in Kauf genommen. Manchmal reichte trotz mehrerer Jobs das Geld für die Miete nicht, weil sie jeden Cent in ihre Projekte gesteckt hat. Mittlerweile sorgt die zielstrebige Kreative für viel Furore mit ihren Produktionen: Mehrere Preise gab es für den US-kritischen Streifen „Inside America“ 2011 und 2012. In „Thank You For Bombing“ beleuchtete sie das Leben von Kriegsberichterstattern – Trophäen für „Bester Spielfilm“, „Beste Regie“, „Bestes Drehbuch“ und „Bester Schnitt“ heimste das Drama beim diesjährigen Österreichischen Filmpreis ein.

BURGENLÄNDERIN: Wie sind Sie aufgewachsen?
Barbara Eder: Ich hatte eine superschöne Kindheit! Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater hat im Forschungs-zentrum Seibersdorf gearbeitet. Wir waren nicht reich, aber meine Kreativität haben meine Eltern immer unterstützt. Mit 28 hatte ich ein richtig mieses Jahr, in dem drei Filmprojekte abgesagt wurden. Ich fühlte mich als Versagerin, als ich meiner Mama heulend gesagt habe: „Ich gebe auf.“ Und sie darauf: „Weißt du, Barbara, wenn du auch Misserfolge hast, ich bin immer die stolzeste Mama auf der ganzen Welt. Wir kratzen das Geld schon irgendwie zusammen.“ Mit diesem Rückhalt habe ich es geschafft. So sind meine Eltern, auch meine Schwester, deswegen schätze ich sie wahnsinnig.

Und jetzt: Acht Nominierungen, vier Preise …
Ich war schon mit den acht Nominierungen mehr als zufrieden! Wir haben das im Team richtig groß gefeiert. Und dann kam bei der Verleihung ein Preis nach dem anderen … das war überwältigend! Es war ein sehr schwieriges Projekt, Dienst nach Vorschrift ging da nicht, alle gaben mehr. Wir haben es also wieder krachen lassen, Erinnerungen vom Dreh ausgetauscht und über all die Menschen in Afghanistan geredet, mit denen wir nun so verbunden sind, und die weiterhin dort leben, während wir hier feiern.

Preisregen
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Acht Nominierungen gab es von der mit prominenten Filmschaffenden besetzten Jury. „Das hat schon einen ganz besonderen Wert“, freut sich Barbara Eder. © eSeL
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Acht Nominierungen gab es von der mit prominenten Filmschaffenden besetzten Jury. „Das hat schon einen ganz besonderen Wert“, freut sich Barbara Eder. © eSeL
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Acht Nominierungen gab es von der mit prominenten Filmschaffenden besetzten Jury. „Das hat schon einen ganz besonderen Wert“, freut sich Barbara Eder. © eSeL

Die Dreharbeiten waren eine intensive Zeit …
Ja! Wir kamen in ein Land, das komplett zerstört ist, und fanden so tolle Menschen, denen wir vertrauen konnten, mit denen wir Freundschaften schlossen. So beispielsweise mit einem der Stringer (eine Art journalistischer Netzwerker, Anm.), der Verbindungen zum Geheimdienst, zu Botschaften hat, der früher selbst Journalist war. Diese Menschen checken nun internationalen Reportern Interviews, fungieren als Übersetzer, warnen, wenn es einen Anschlag geben könnte. Und wenn du dann fährst, denkst du: Dieser neue Freund, der bleibt jetzt zurück in diesem Elend …

Wie haben Sie als Frau die Dreharbeiten erlebt?
Wenn Menschen für mich arbeiten, sind das klare Verhältnisse, auch dort. Der Alltag ist eine andere Sache. Eine Schleierpflicht gibt es nicht, aber ich wollte nicht auffallen, da reichen schon die blauen Augen, also habe ich mich traditionell gekleidet. Ich habe mich ein Jahr auf Afghanistan vorbereitet, viel von den Journalisten gelernt. Die Taliban sind nicht das einzige Thema. Das Land ist so arm, es geht ums reine Über­leben. Trotzdem macht man Fehler. Bei einem Dreh wollten die Menschen mit uns reden, doch wir waren unter Zeitdruck. Plötzlich waren wir die „arroganten Westler“. Und in einem Land, das von Krieg geprägt ist, ist die Hemmschwelle zu Gewalt niedriger. Eine Situation kann in Sekunden umschlagen …
Ein anderes Mal tauchte die CIA mit zwei Helikoptern auf und unterbrach den Dreh, obwohl wir alle Genehmigungen hatten. Da habe ich erfahren, wie es wohl für Afghanen sein muss, wenn du nichts Boshaftes tust und dennoch so behandelt wirst …

Hatten Sie je Angst um Ihr Leben?
Ich habe eine sehr intensive, zehntägige Ausbildung bei der deutschen Bundeswehr gemacht. Ich habe gelernt, wie ich mich verhalte, wenn ich als Geisel genommen werde. Ich wusste, wie weit ich weggehen muss von einem Rucksack voller Sprengstoff. Ich bin ein so neugieriger Mensch, ich will keine Angst vor dem Leben haben.
Aber in Afghanistan war klar: Wenn das Risiko zu hoch wird, wenn wir von einer geplanten Entführung erfahren oder einem Anschlag, dann wird sofort abgebrochen. Das ist letztlich auch passiert. Wir mussten alles nach Jordanien transferieren, das war ein Kraftakt!

Wie verträgt sich all das mit dem Privatleben – leben Sie in einer Beziehung?
Ich habe immer wieder Beziehungen, auch lange, aber momentan nicht. Ich glaube nur an Beziehungen innerhalb von uns Filmschaffenden. Wer sonst soll mich verstehen, wenn ich bis sechs Uhr morgens an einem Drehbuch schreibe oder monatelang weg bin?

Wie war die Reaktion von Kriegsreportern auf Ihren Film?
Es gefiel ihnen, dass darin gezeigt wird, wie hart der Job ist, in welcher Maschinerie man zu arbeiten hat. Ich habe Journalisten von großen Stationen wie CNN oder Al Jazeera kennengelernt; da bist du genauso austauschbar, wenn du nicht funktionierst. Ein Hamsterrad versus das ursprünglichste Gefühl, das jeder Journalist hat: Ich möchte die Wahrheit rüberbringen. Aber was ist die Wahrheit im Krieg? Du kannst dabei auch nicht ausblenden, dass jede Station noch zusätzlich einer politischen Gesinnung unterstellt ist.

Fokussiert
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Regisseurin und Drehbuchautorin Barbara Eder beim Making-of „Thank You For Bombing“. © Andre Dre
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Regisseurin und Drehbuchautorin Barbara Eder beim Making-of „Thank You For Bombing“. © Andre Dre
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Regisseurin und Drehbuchautorin Barbara Eder beim Making-of „Thank You For Bombing“. © Andre Dre

Erwin Steinhauer als altgedienter Kriegsberichterstatter, Manon Kahle als zielstrebige US-Reporterin und Raphael von Bargen, der skrupellos scheinende Adrenalinjunkie – wie kamen Sie auf diese drei?
Ursprünglich wollte ich echte Journalisten nehmen. Aber es hätte ihnen geschadet und ich habe die Idee verworfen. Die Schauspielersuche ging über Monate und bis nach New York. Letztlich stöberten wir Manon Kahle in Deutschland auf, Raphael von Bargen – er musste kein echter Amerikaner sein – fanden wir in Wien und dann wollte ich noch Erwin Steinhauer. Wir schnappten ihn beim Frühstück bei den „Polt“-Dreharbeiten. Ich musste sehen, ob er das überhaupt will, dass alles improvisiert ist. Es gab ja keine Dialoge. Da kannst du dich nicht einfach ins Set stellen, das bedeutet monate­lange Arbeit an der Rolle.

Wie hat er reagiert?
Er fand es super – und war großartig! Er hat Journalisten aus dem Jugoslawien-Krieg getroffen, hat sie beobachtet, selbst auf die kleinsten Details geachtet, ob sie zucken, wenn eine Zuckerdose auf den Tisch knallt. Toll unterstützt hat uns auch der ORF-Chefredakteur Fritz Dittlbacher, der sich letztlich auf das Experiment eingelassen und im Film den Chefredakteur gespielt hat.

Sie arbeiten in einem Bereich, der stets männerdominiert ist …
Ich wollte nie akzeptieren, dass es einen Unterschied gibt, habe niemals damit gehadert, eine Frau zu sein. Doch natürlich habe ich es als junge Regisseurin erlebt, dass man mich nicht ernst nahm. Am Set war es nie eine Frage: Da gibt es eine klare Hierarchie, für meine Arbeit wurde ich immer respektiert. Aber bei der ersten Einschätzung, ob man der Frau Eder nun zwei Millionen Euro in die Hand gibt, spielt es eine Rolle.

Ihre Erfahrungen von einem Schüleraustauschjahr in Texas inspirierten Sie später zum Film „Inside America“. Was ist für Sie die Botschaft dieses Films?
Der Film spielt in einem Ort in Texas, an der mexikanischen Grenze, wo der Großteil der Bevölkerung die Hispanics sind. Und trotzdem kommt der weiße Lehrer in die Highschool-Klasse und redet vom amerikanischen Traum, davon, dass man alles werden kann. Aber so ist das nicht! Die Menschen dort haben nicht die gleichen Rechte und Chancen; dieser extreme Patriotismus hat mich erschüttert. Der Film zeigt, wie mit Minderheiten umgegangen wird, mit Faschismus. Die Trennung war dort ganz klar: Amerikaner oder Hispanic. Da gingen Mädchen nicht in die Sonne, weil sie mexikanischen Ursprungs waren und es dort als hässlich galt, zu dunkel zu sein. Der Film ist sehr amerikakritisch; seit Trump gewählt wurde, ist die Anklickrate auf iTunes massiv gestiegen …

Das Team
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Manon Kahle, Erwin Steinhauer und Raphael von Bargen in den Haupt­rollen. Die Preise im Detail: „Bester Spielfilm“ – Produzenten Tommy Pridnig und Peter Wirthensohn, „Beste Regie“: Barbara Eder, „Bestes Drehbuch“: Barbara Eder und Tommy Pridnig, „Bester Schnitt“: Monika Willi und Claudia Linzer. © Lotus-Film
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Manon Kahle, Erwin Steinhauer und Raphael von Bargen in den Haupt­rollen. Die Preise im Detail: „Bester Spielfilm“ – Produzenten Tommy Pridnig und Peter Wirthensohn, „Beste Regie“: Barbara Eder, „Bestes Drehbuch“: Barbara Eder und Tommy Pridnig, „Bester Schnitt“: Monika Willi und Claudia Linzer. © Lotus-Film
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Manon Kahle, Erwin Steinhauer und Raphael von Bargen in den Haupt­rollen. Die Preise im Detail: „Bester Spielfilm“ – Produzenten Tommy Pridnig und Peter Wirthensohn, „Beste Regie“: Barbara Eder, „Bestes Drehbuch“: Barbara Eder und Tommy Pridnig, „Bester Schnitt“: Monika Willi und Claudia Linzer. © Lotus-Film

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