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People | 27.04.2017

>>Schaumamoi<<

Verena Göltl ließ ihre Songtexte in der Schublade verschwinden, kehrte der Musik den Rücken. Wie die Golserin immer wieder zu Schmäh, Gesang und Poesie zurückfindet und warum gerade jetzt ihr Debütalbum entsteht.

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Verena Göltl © Steve Haider

Dicke Mauern sind genial: Sie bieten übergroße Fensterbänke, auf denen es sich fantasieren, lesen, arbeiten lässt – und all das stets mit der Welt draußen im Augenwinkel. Eine solche Oase birgt auch die Wiener Altbauwohnung von Verena Göltl. Ebendort entstanden schon Texte, die etwa Kultbarde Willi Resetarits unters Volk bringt. Eben-dort ist auch Burgenland: Mit dem charmanten Dialekt der Künstlerin, der sie auf Hundert Meter gegen den Wind als waschechte Golserin ausmachen lässt, geht die pannonische Sonne in ihren vier Wänden auf.

Ihre poetischen Zeilen und ihre Stimme, zumeist eingebettet in Jazz, Neues Wienerlied oder Chanson, tanzten schon auf vielen Bühnen, durch viele Mikrofone; 41 Jahre jung beschließt die Sängerin nun, ein Debütalbum auf den Markt zu bringen – und zwar quasi mit der geschätzten „Beteiligung“ des Publikums (siehe Info). Der Arbeitstitel der Scheibe: „Schaumamoi“. Warum erst jetzt ein eigenes Programm, wo sie doch schon im Kindergartenalter mit ihrem Gesang beeindruckte? Die Antwort(en) stecken in einer sehr bewegten Lebensgeschichte, die sie der BURGENLÄNDERIN erzählte …

Gegrüßet seist du.

Verena Göltl entstammt einer Arbeiterfamilie. Außer dass „Mutti“ leidenschaftlich gerne sang und stets Radio Burgenland lief, hatte die Familie nicht viel mit Musik am Hut. „Ein extrovertiertes Kind war ich auch nicht gerade“, verrät sie. Das änderte sich schlagartig, als sie das erste Mal in der Kirche „unplugged“ ein leidenschaftliches „Gegrüßet seist du Maria“ unter die Betenden schmetterte. „Bis heute werde ich in Gols darauf angesprochen.“ Mit der Gitarre als ständige Begleiterin durchschritt sie ihre Jugend; schon mit 14 hatte sie ein gut 150 Stücke zählendes Repertoire von Austropop-hadern, Beatles, Stones und Queen in petto. Wenngleich Verena Göltl bereits in ersten Formationen sang, so wählte sie nach der Matura doch „brav“ ein Studium, das zum Brötchenverdienen gedacht war. Die Arbeit als Sozialpädagogin mit Kindern und Jugendlichen wuchs ihr schließlich mächtig ans Herz. Den Logenplatz behielt die Musik. 1996 gewinnt sie den österreichweiten Ö3-Karaokewettbewerb. „Doch dass man auch Jazzgesang studieren konnte, erfuhr ich erst spät“, lacht sie. „Ich bin noch in der analogen Welt aufgewachsen, ohne Internet.“ Schließlich setzt sie alles auf eine Karte und zieht mit Sack und Pack nach Linz, um zunächst als außerordentliche Hörerin an der -Bruckner Uni zu studieren. „Ich hing finanziell völlig in der Luft, ich war dankbar, dass mich meine Eltern unterstützten.“ Doch wenn auch namhafte Künstler – ihre Mentorin wurde etwa die Grande Dame des Vocal-jazz Inès Reiger – hinter ihr standen und sie stets in der engsten Wahl war, wollte die fixe Aufnahme weder in Linz noch in Graz klappen. Entmutigt und ohne Geld kehrt sie heim, baut in Gols dafür voller Elan die Nachmittagsbetreuung in der Volksschule auf und leitet -diese.
Als es sie erneut nach Wien zieht, nimmt sie einen Job als Verlagsassistentin an – „mit einer großartig verständnisvollen Chefin“, die ihr Freiräume für die Musik ließ. In dieser Zeit fanden etwa die „Swinging Ladies“ zusammen: Mit einer Italienerin, einer Norwegerin und einer Steirerin sang Verena Göltl Jazzstandards.

 

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Debutalbum: "mei kaffee"

Alles oder nichts.

Mit 26 Jahren folgt der Schock: Stimmbandknoten durch Überlastung. „Meine Stimme wollte mir damit etwas sagen: Lasse ich es bleiben oder stürze ich mich endlich komplett rein? Um aufzuhören, hatte ich schon zu viel erreicht, mit zu vielen Profis gearbeitet“, erklärt sie. Dieser Anlauf klappt auf Anhieb: Sie studiert schließlich Jazzgesang bzw. Instrumental- und Gesangspädagogik am Franz Schubert Konservatorium in Wien. Dazu gesellen sich öffentliche Erfolge: 2005 ist sie die Siegerin beim ersten Marianne Mendt-Jazzfestival. Nach ihrem Abschluss gewinnt sie beim Umbria Jazz-Festival in Perugia, Italien, ein 9.000 Dollar--Stipendium für das Berklee College of Music in Boston. „So groß die Freude auch war: Ich war 30 und wollte endlich wirklich Musik machen und nicht wieder studieren“, sagt sie und lässt retrospektiv einen Hauch Reue durchblitzen, dass sie das Stipendium sausen ließ.

Damals war keine Zeit zum Grübeln:

Sieben Jahre lang ging es steil bergauf; sie schrieb deutsche Dialekttexte für Jazzstandards, beeindruckte selbst Willi Resetarits mit ihren poetisch-tiefgründigen humorigen Texten. „Ging ich in sein Konzert, stellte er mich als seine Dichterin vor. Und ich war gerührt, meinen Text neben jenen von einem H. C. Artmann zu hören“, schwärmt sie. Eine intensiv fruchtbare Zusammenarbeit hatte sich dabei mit dem Komponisten und „Multiinstrumentalisten“ Herb Berger ergeben; das Album „Verlieren & Finden“ trug ihrer beider Handschrift. Und aus dem beruflich harmonierenden Duo wurde schließlich ein Paar …

2012 ist plötzlich alles anders.

Ihre Beziehung sowie auch die Arbeit in einer anderen Formation finden ein jähes Ende. „Ein richtig schlimmes Jahr“, seufzt sie und will sich gar nicht in Details verlieren. Jede Idee, für die sie die Muse küsst, verschwindet von da an in der Schublade. 2013 arbeitet Verena Göltl wieder als Sozialpädagogin mit minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen und lässt das Mikro verstauben.

Verenas Essenz.

2015 wurde der Schmerz, ohne Musik leben zu müssen, unerträglich. Sie kündigt ihren Job, holt ihre Texte heraus, beginnt erstmals auch die Musik dazu zu schreiben. Mit Christian Wegscheider (Piano), Alex Meik (Kontrabass) und Philipp Kopmajer (Schlagzeug) findet sie drei Topmusiker für einen Neustart: Die „Luxuscombo“ ist geboren.

„Kabinettstücke“ heißt das erste, ganz eigene Konzertprogramm, mit dem sie seit Kurzem unterwegs ist. Und es fühlt sich so gut an, wie noch nie zuvor. Das beflügelt sie, das nächste Konzert in der Wiener Sargfabrik für die Ewigkeit festzuhalten – als eine Art Live-Aufzeichnung mit zusätzlichen Takes aus dem Studio mit dem Arbeitstitel „Schaumamoi“. Ein aktuelles Lebensmotto? „Ich habe jetzt das Gefühl, ich komme immer mehr zur Essenz dessen, was ich bin“, sagt sie und zerstreut den nachdenklichen Blick mit ihrem unvergleichbaren Lachen.

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„Heute komme ich zur Essenz dessen, was ich bin.“ Verena Göltl

Veranstaltung

  • 9. Mai, 19.30 Uhr, Sargfabrik, 1140 Wien, „Kabinettstücke“, Konzert und Live-Aufzeichnung

www.verenagoeltl.at

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SELFIE IN MINI-PANNONIEN. Mit Redakteurin V. Kery-Erdélyi in der charmanten Wiener Altbauwohnung.

Fotos Steve Haider