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People | 02.06.2017

„Ich lasse mich nicht verbiegen“

In ihrer letzten Saison als Intendantin der Seefestspiele Mörbisch will es Dagmar Schellenberger noch einmal wissen: Mit uns spricht sie ganz persönlich über ihr bewegtes Leben und ihre Zukunftspläne, süßes Geheimnis inklusive.

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„Ich hab mich immer Dran gehalten, mich nicht zu verkaufen.“ Dagmar Schellenberger @ Emmerich Mädl

In den letzten Jahrzehnten hat Dagmar Schellenberger Talente an ihrer Seite hoch- und auch wieder runterrauschen sehen, sie selbst hat ihre Karriere Stück für Stück aufgebaut. „Ich hab mich immer dran gehalten, mich nicht zu verkaufen. Man muss sich immer noch in den Spiegel schauen können. Vor allem, wenn man jung und gut ausgebildet ist. Aber die Stimme ist da noch am Anfang. Man arbeitet oft jahrelang daran, um sich eine Partie in den Hals zu singen. Das ist wie Hochleistungssport. Ich bin froh über die Fähigkeit, auch in Stresssituationen die Coolness zu bewahren.“ Das zeigte die Künstlerin auch in den letzten Monaten.

 

The show must go on.

Über 3.000 Unterschriften sammelte ein eigens dafür gegründetes Komitee für den Verbleib von Dagmar Schellenberger bei den Seefestspielen Mörbisch. „Das hat mich so gerührt, dass ich fast sprachlos war. Diese Menschen haben sich versucht einzusetzen für eine von ihnen, sie wollten mich behalten. Das kann man sich nicht kaufen, das muss man sich verdienen.“ Und verdient hat sie es zu Recht. Dagmar Schellenberger fasste in den vergangenen fünf Jahren nicht nur in Mörbisch Fuß, sondern ist quasi „Mörbischerin mit Migrationshintergrund“ geworden.

Die gebürtige Deutsche gab vor fünf Jahren ihre Professur an der Universität der Künste in Berlin auf, um die Intendanz der Seefestspiele zu übernehmen. Davor spielte und sang sie auf den großen Bühnen dieser Welt als Opernsängerin, Darstellerin in Operetten und Musicals. Ihr Publikum hatte sie dabei immer genau im Blick: „Alle Sinne sind derartig geschärft, dass man erstaunlich viel mehr mitbekommt als normal. Ob es prickelt, ob es knistert, ob das Publikum begeistert ist.“ Als wichtige Zutaten nennt die Sängerin gesundes Gottvertrauen und Vertrauen in sich selbst: „Ich habe die Pamina in der Zauberflöte 234 Mal gesungen und trotzdem war jeder Abend, als wenn es zum ersten Mal wäre. Ich hab ja keinen Knopf, der das abspielt, das muss immer wieder neu gesungen werden.“ Die unglaubliche Kraft der Bühne überträgt sich auch oft auf den Künstler – so hat Dagmar Schellenberger einmal trotz schweren Knöchelbruchs noch 2,5 Stunden weitergemacht. „Das ist die Überhöhung der Bühne. The show must go on. Im Spital haben sie mich dann gefragt, wie ich überhaupt aufstehen konnte, weil das Sprunggelenk zweifach gebrochen war. Die Bühne hat eine wunderbare Magie, egal wie groß sie ist. Natürlich war die Scala mit Riccardo Muti ein Wahnsinn. Man lernt seinen Körper auf andere Weise kennen, das kann man nur bedingt lernen.“

In Mörbisch schaffte sie es, die imaginäre Brücke zwischen den Seefestspielen und dem Ort wiederherzustellen – und auch darauf, dass sie die Jugend wieder verstärkt der Kultur zugeführt hat, ist sie stolz. Mit dem Vogelhändler bringt Schellenberger bei den Seefestspielen heuer „eine der besten Operetten, die es gibt“ auf die Bühne. In den letzten 60 Jahren Seefestspiele Mörbisch wurde das Stück bereits zwei Mal gespielt, heuer zum dritten Mal. „Carl Zeller hat ein Meisterwerk geschrieben. Ein bodenständiges, erdverbundenes, lustiges und naturnahes Stück, das zu einer Open-Air-Bühne passt.“

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Von ihrer erhöhten Terrasse reicht der Blick bis über den Neusiedler See. © Emmerich Mädl
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„Ich bin froh über die Fähigkeit, auch in Stresssituationen Coolness zu bewahren.“ © Emmerich Mädl
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In ihrem Kreativzimmer spielt Dagmar Schellenberger spontan eine Melodie für uns. © Emmerich Mädl
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BURGENLÄNDERIN-Redakteurin Nicole Schlaffer besuchte die Künstlerin zu Hause. © Emmerich Mädl

Tränen & Liebeserklärungen.

In ihrem Musikzimmer mit Blick auf den Neusiedler See sitzt Dagmar Schellenberger lässig vor ihrem Flügel und spielt uns ganz entspannt eine Melodie vor, während wir die unzähligen Fotos von ihren Auftritten an den Wänden betrachten. „Privat mag ich es eher ruhig. Ich bin kein Mensch, der Schnickschnack um sich braucht. Aber zum Leidwesen meines Mannes bin ich ein bissl perfektionistisch veranlagt.“ Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen und wollen von ihrem Partner Herbert Strnad wissen, was ihm an seiner Dagmar gefällt: „Das, was mich bei ihr so berührt, ist, dass das, was da ist, echt ist. Es war schon eine Angst da, als ich sie kennenlernte, wie viel Show in so einer Persönlichkeit steckt. Aber es ist berührend, wie echt sie ist. Das ist für mich der Hammer. Ich hab schon viele bekannte Menschen kennengelernt und bei vielen ist so viel Show …“ Bei diesen berührenden Worten treibt es nicht nur der Künstlerin Tränchen in die Augen und sie fügt hinzu: „Wir sind nun seit vier Jahren zusammen. Ich muss dem Herbert an meiner Seite wirklich ein großes Kompliment aussprechen, andere hätten schon längst die Beine in die Hand genommen und wären davongelaufen. Da muss man schon was aushalten können. Es ist sowohl beruflich als auch privat ein anspruchsvolles Leben als Künstlerin. Man muss vieles miteinander tragen. Das war schon manchmal schwer. Aber wir haben einen guten Deal gefunden, den Optimismus und das Lachen nicht zu verlieren.“ Und das merkt man auch gleich, als sie von ihren Plänen berichten: Am 20. August wird das Paar nämlich in Mörbisch heiraten.

Wie es danach weitergeht, lässt Schellenberger noch offen. „Ich hab schon viele Orte in meinem Leben gehabt, die ich als meine Heimat bezeichnet habe. Wer weiß, was noch auf uns zukommt. Einige Türen sind schon offen. Die letzten Monate und Jahre waren nicht immer einfach. Man hat es mir nicht leicht gemacht. Ich weiß nicht, woran es lag, vielleicht weil ich eine Frau bin, Deutsche bin, die ihr Handwerk versteht und weiß, was sie tut. Das ist auch nicht immer allen recht. Doch ich mache nichts mit Hintergedanken oder Kalkül. Manche deuten das vielleicht falsch, wenn man sich nicht dauernd produziert und sich ständig Sachen ans Revers heftet. Ich lasse mich da aber nicht verbiegen, ich werde so bleiben, wie ich bin.“

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Herbert Strnad ist seit vier Jahren als Partner an Dagmar Schellenbergers Seite – im August wird geheiratet. © Emmerich Mädl