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People | 23.10.2017

Conchitas Pläne

Bloggerin Hedi Grager hat Conchita vor ihrem Graz-Konzert getroffen. Ein Gespräch über das Karriereende der Bartfrau, ihren Erfolg und das, was noch kommen mag.

Text: Hedi Grager
Fotos: Friedrich Jansenberger, Andre Karsai, Hedi Grager, Markus Morianz

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Conchita Wurst bei einem Auftritt.

In der Heimat zu spielen ist immer speziell, und auch wenn ich nicht aus Graz bin, habe ich doch viele Jahre hier gelebt und habe noch viele Freunde hier“, sagte Thomas „Tom“ Neuwirth alias Conchita vor ihrem Konzert auf den Grazer Kasemattenbühnen. Für ein Treffen mit seinen Freunden fehlte leider die Zeit. Die nahm er sich dafür für ein Gespräch für die STEIRERIN, auch, um über das „Sterben“ von Conchita zu reden. Er lacht und meint: „Es stimmt grundsätzlich, dass ich das definitiv nicht bis zur Pension machen werde –wobei ich nie in Pension gehen werde. Ich habe so viele Dinge in meinem Leben vor und für viele davon brauche ich keine Perücke. Ich spüre, ich brauche Veränderungen, neue Herausforderungen.“ Ist die Kunstfigur Conchita, die das ‚Wurst‘ schon vor einiger Zeit verlor, ausgereizt? „Ich habe viel erreicht mit dieser Figur, aber ich habe definitiv Lust auf Neues.“ Conchita bringt im Frühjahr ihr zweites Album auf den Markt und geht nochmals auf Tour.

Ob das neue denn nicht zwingend ‚Tom‘ sein müsse? Er meint schmunzelnd: „Nicht unbedingt. Vielleicht mache ich auch gar nichts in der Öffentlichkeit, vielleicht schreibe ich ein Drehbuch und drehe einen Film. Ich bin sehr offen für viele Spielvarianten“, und ergänzt: „Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, auf der Bühne zu stehen. Aber ich merke auch, dass ich es doch schon ein paar Jahre mache und mich darauf freue, etwas Kreatives zu tun, das vielleicht nicht auf einer Bühne präsentiert werden wird.“

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Conchita plauderte vor ihrem Graz-Konzert charmant mit Bloggerin Hedi Grager.

Angesprochen auf den kometenhaften Erfolg und wie man diesen verarbeitet, erzählt Conchita: „Das weiß ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass ich es schon verarbeitet habe. Man ist im Machen, es rennt alles dahin und ein Termin jagt den anderen. Da gibt es schon Momente, in denen man nachzudenken beginnt. Ich würde lügen, würde ich sagen, dass es nicht gelegentlich überfordernd ist: Immer noch mehr Aufmerksamkeit, eine ständig wachsende Erwartungshaltung. Dieses Korsett, in das ich mich selbst geschnürt habe, breche ich jetzt gerade ein bisschen auf und versuche, es für mich neu zu interpretieren.“

Tom Neuwirth alias Conchita ist bekannt für die geschliffenen Interviews – wenn auch die Fragen sicherlich nicht immer angenehm waren. Lächelnd meint er, dass man dazu eine gewisse Routine entwickelt: „Und ich glaube, reden konnte ich immer schon besser als singen“, lacht er leicht kokettierend. „Na ja, weil ich auch ein Narzisst bin, und wenn manche Fragen nicht angenehm waren, so haben sie sich doch mit mir beschäftigt. Die He­rausforderung liegt darin, Menschen, die einem eher negativ gegenüber eingestellt sind, am Ende des Tages zu überzeugen, dass man auch nur ein Mensch mit Gefühlen und vielleicht sogar ganz nett ist. Es ist, wenn ich das so sagen darf, wie ein kleines Spiel.“ Schmunzelnd erzählt er weiter: „Ich merke bei der Begegnung mit Journalisten meist sofort, wie sie mir gegenüber eingestellt sind – und das ist für mich dann eine Herausforderung. Ich meine, dass ich schon ein Talent habe, Journalisten dazu zu bringen, das zu fragen, was ich will, dass sie fragen.“

Und was möchte er von der ­STEIRERIN gefragt werden? „Ich habe gar kein Anliegen, ich freue mich einfach nur, dass ich hier mit dir sitze“, kommt es charmant zurück. Ruhe nach langen anstrengenden Tagen findet er in seiner Wohnung. „Ich nenne sie mein kleines Turmzimmer, meine Oase, meinen Rückzugsort. Und ich tanze. Ich habe kabellose Kopfhörer, drehe wahnsinnig laut Musik auf und tanze tatsächlich vor einem großen Spiegel. Ich habe keine Ahnung, warum, das kam irgendwie so und es funktioniert.“ Er verrät mir noch, dass er es nicht mag, wenn ihm Leute beim Tanzen zusehen, da er das Gefühl habe, nicht gut genug zu sein. „Aber vielleicht übe ich ja auch für später, ohne es zu wissen.“ Im Gespräch schwingt immer wieder durch, wie zielorientiert Tom ist und wie hoch seine Ansprüche an sich selbst sind. „Ich bin kaum zufriedenzustellen“, gibt er zu. „Das ist nicht zwingend schön, aber es bringt mich voran. So bin ich und ich kann gar nicht anders. Ich habe daher aufgehört, mir meine eigenen Konzerte nachher anzusehen. Ein gutes Beispiel ist mein Auftritt im Sydney Opera House. Er war überwältigend, ein absolutes Geschenk. Und als ich ihn mir danach angesehen habe, war die Freude weg.“ Warum? „Weil ich für mich selbst nicht gut genug war. Leider bin ich wirklich sehr gut darin, mich selbst zu zerfleischen“, lacht er. Zeit also, um zu lernen, sich über die Erfolge zu freuen – worauf er höflich lacht. „Ja, das ist definitiv etwas, das ich mir gerne aneignen würde. Ich muss lernen, die Gratulationen, die Komplimente wirklich zu genießen. Es ist ein langer steiniger Weg, aber ich arbeite daran.“

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Die Bartfrau im Gespräch.

Tom schreibt auch Texte, „aber da landet sehr viel im Mistkübel“, erzählt er ganz offen. „Ich kann gut Geschichten erzählen, aber ich bin nicht gut darin, zu reimen oder Worte in – wie soll ich sagen – wahnsinnig bedeutungsschwangere Phrasen zu verpacken. Das kann ich nicht wirklich, aber ich habe Menschen gefunden, die das sehr gut können. Aber ich bin zu 100 % in den Songwriting-Prozess involviert.“ Er freue sich aber schon, wenn von ihm ein ‚Reim‘ übrig bleibe, lacht er wieder herzlich.

Aktuell ist jetzt erst mal volle Konzentration auf das neue Album angesagt. „Das erste Album war ja Pop, und das hat gut funktioniert. Aber jetzt möchte ich etwas machen, das authentischer ist, und ich überlege mir gerade, was ich mag und was ich singen will.“

Es bleibt aber auf alle Fälle sehr spannend, wie es mit Tom weitergehen wird: vielleicht als Tom, vielleicht aber auch wieder als eine neue Kunstfigur, vielleicht wird er als Designer arbeiten oder hinter der Kamera tätig sein. „Vielleicht fange ich an zu tanzen, was ich am meisten hasse“, lacht er gut gelaunt. „Aber was auch immer ich machen werde, ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass ich auf den höchstmöglichen Erfolg hinarbeite – und dann werde ich wieder daran denken, etwas anderes zu machen.“

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