Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 06.12.2019

Extremist der Weltmeere

Boris Herrmann segelte Greta Thunberg auf seiner Rennyacht CO2-frei nach New York. Dafür wurde er nun als „Man of the Year“ ausgezeichnet – von Frauen. Das Interview.

Bild 190828_Malizia_RP2974.png
© Ricardo Pinto / Team Malizia

Er ist einer der besten Segler der Welt, auf den Ozeanen zu Hause, dort kämpft er sich in kleinen Rennbooten über meterhohe Wellen zu Weltrekorden. Pause macht das Abenteuer bei ihm kaum. Doch ins kollektive Bewusstsein segelte Boris Herrmann, 38, erst, als er im August die schwedische Klimaaktivistin ­Greta Thunberg, 16, auf seiner Rennyacht  Malizia II CO2-frei über den Atlantik nach New York zum UN-Klimagipfel brachte. Dafür wurde er nun im Rahmen der „Women of the Year“-Gala ausgezeichnet – als „Man of the Year“. „Eine große Ehre“, freut sich der Deutsche.

Sein eindrucksvoller 7.000-Kilo­meter-Törn mit Greta Thunberg von Plymouth in die USA dauerte knapp zwei Wochen – alles andere als eine ge­müt­liche Reise. Die rund fünf Millionen Euro teure Malizia II ist eine Höhle aus Karbon mit einem 27 Meter hohen  Segelmast, für Weltrekorde gebaut. Bis zu 60 Stundenkilometer schnell ist das Rennboot. Der Ritt über die Atlantikwellen sei vergleichbar, so Herrmann, mit einer Fahrt über eine Buckelpiste mit drei Meter tiefen Schlaglöchern. An Bord waren neben Greta und ihrem Vater auch Herrmanns Co-Skipper Pierre Casiraghi, Sohn von Caroline von Hannover, und ein Kameramann.

Mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem „Trans-Ocean Preis“ für besondere Leistungen im Hochseesegeln, ist Boris Herrmann ein Ausnahmetalent. Bereits mit 20 überquerte er den Atlantik allein in einem sechs Meter langen Boot. Doch Boris Herrmann ist kein Selbstdarsteller. Im Gegenteil: Er ist zurückhaltend und freundlich. Und er plant schon den nächsten Coup. 2020 wird er die härteste Regatta der Welt segeln. Das Interview über die Reise mit Greta und neue Herausforderungen.

look: Als Segler wurden sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen der „Man oft the Year“-Award?

Boris Herrmann: Es ist eine große Ehre, diese Auszeichnung zu ­erhalten. Greta bringt die Klimathematik an die Öffentlichkeit und ich habe ihr bei dieser Mission nur geholfen, indem ich sie emissionsfrei über den Atlantik gefahren habe. Damit haben wir das Bewusst­sein für das wichtige Thema Klimawandel weiter geschärft.

Wie kam es dazu, dass Sie Greta nach New York gebracht haben?

Wir haben in den sozialen Medien gesehen, dass Greta emissionsfrei zum Klimagipfel will und wir wussten, dass wir als Offshore-Regattateam eine der besten Optionen für sie sein könnten. Ich habe mit unserem Teamgründer Pierre Casiraghi gesprochen und er hat zugestimmt. Wir trafen uns mit Greta, sie nahm unser Angebot an und einen Monat später setzten wir die Segel.

Wussten Sie von Greta und ihren Aktionen für den Klimaschutz schon ehe Sie sie kennenlernten?

Ja, wir haben Greta und ihr Projekt schon vor unserer Aktion verfolgt. Wir hatten bereits unsere Initiative namens „Malizia Ocean Challenge“ gegründet, ein Programm in drei Sprachen, das Kinder über den Ozean und den Klima­wandel aufklärt. Wir arbeiten schon länger mit dem Max-Planck-Institut und dem UNESCO-IOC und machen u. a. auch in einem Labor an Bord CO2- Messungen. Ich habe mich schon immer mit der Klimakrise und den Problemen, vor denen unsere Welt steht, befasst.

Wie hat Greta Thunberg die Extremsituationen Bord gemeistert?

Greta war fantastisch an Bord der Malizia. Sie wirkte völlig entspannt, wurde nicht seekrank, beschwerte sich nie über die spartanischen Lebensbedingungen. Das Wetter oder die Wellen machten ihr keine Angst und sie schien es zu mögen, von der Außenwelt getrennt zu sein. Wenn man auf See ist, kommt man schnell zum Nachdenken und Reflektieren ohne Ablenkungen.

Wie können sich Laien einen hohen Wellen­gang auf dem Atlantik an Bord eines Rennseglers vorstellen?

Ich denke, Greta hat es sehr gut beschrieben: „Wie Camping in einer Achterbahn.“ Diese Aussage trifft wirklich zu. Die Lebensbedingungen sind sehr einfach, da das Boot auf Geschwindigkeit ausgelegt ist – es gibt keine Toilette, Dusche oder fließendes Wasser. Außerdem wird man sehr oft nass, wenn große Wellen über das Boot spülen und unter Deck ist es durchgehend feucht. Das Schiff hat beim Segeln häufig Seitenlage und die Wellen, die gegen den Rumpf schlagen, machen viel Lärm. Das ist kein Luxussegeln, aber es ist schnell und sicher, da Malizia für eine ­schnelle Überquerung der Ozeane gebaut ­wurde.

Sie hatten mit Pierre Casiraghi einen prominenten Co-Skipper. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Pierre und ich lernten uns vor vielen Jahren beim Segeln mit Giovanni Soldini, einem bekannten italienischen Segler, kennen. Seitdem sind wir ­viele Male zusammen gesegelt und sind gute Freunde geworden. Pierre ist ein großartiger Segler und im Jahr 2015 gründeten wir „Team Malizia“ mit ­einem kleineren GC32-Katamaran und später der Malizia II, die wir jetzt segeln.

Wie haben Sie Greta an Bord der Malizia II erlebt?

Sie ist eine starke Person. Sie nimmt ihren Kampf gegen die Klimakrise ernst und wir hatten einige spannende Diskussionen zu diesem Thema. Aber sie ist auch unterhaltsam und spaßig.

Haben Sie noch Kontakt zu ihr?

Ja, wir stehen in Kontakt mit Greta und ihrer Familie und wir werden sie weiterhin so gut wie möglich unterstützen. Wir glauben fest an Greta und die Ansichten, die sie vertritt. Auch Greta Thunberg wurde bei der „Women of the Year“-Gala prämiert.

 

Bild 190828_Malizia_JE6141.png
© Ricardo Pinto / Team Malizia

Was hat sie Ihrer Meinung nach alles erreicht?

Greta hat die Menschen aufgeweckt und dafür wird sie heute weltweit anerkannt – ihre Botschaft wird gehört und aufgenommen. Wir brauchen Regierungen, die aktiv werden und auf die Wissenschaft hören. Sie müssen handeln und Reformen umsetzen.

Inwiefern macht sich der Klimawandel auf den Ozeanen bemerkbar?

Wir sehen eine höhere Häufigkeit von tropischen Stürmen und Hurrikans und auch einen Unterschied in ihrem Verhalten. Einige dieser Stürme bleiben viel länger an einem Ort, was bedeutet, dass sie dort gewaltigere Probleme verursachen. Allein auf der Fahrt mit Greta mussten wir drei tropische Stürme oder Hurrikans umfahren.

Was hat Sie angetrieben, einer der weltbesten Segler zu werden?

Ich bin mit dem Segeln aufgewachsen. Seit ich ein paar Monate alt war, haben mich meine Eltern zum Segeln mitgenommen und von da an wuchs die Leidenschaft. Bereits mit sechs oder sieben Jahren wusste ich, dass ich an der Vendée Globe teilnehmen und ­alleine um die Welt segeln möchte.

2020 ist es so weit, Sie wollen bei der Regatta Vendée Globe als erster deutscher Teilnehmer in 80 Tagen nonstop und allein um die Welt segeln. Was sind die größten Schwierigkeiten?

Die Vendée Globe ist seit mehr als 30 Jahren mein Ziel. Alle Rennen, die ich bisher gemacht habe, sind das Training, das mich dorthin führt. Die Vendée Globe ist eines der härtesten Rennen der Welt und drei Monate ­allein auf hoher See zu sein, ist an sich schon eine große Herausforderung. Es ist keine externe Unterstützung erlaubt, anhalten führt zur Disqualifikation. Du schläfst nur 15 Minuten am Stück, da du deine Umgebung ständig kontrollieren musst. Die Route führt durch den Südlichen Ozean und um das Kap der Guten Hoffnung, das Kap Leeuwin und das Kap Horn. Mit großen Wellen und stürmischen Bedingungen ist zu rechnen. Von den Teilnehmern, die das Rennen beenden, haben viele beschädigte Boote, aber ihre Entschlossenheit, den Kurs zu schaffen, hält sie am Laufen. Beim Vendée Globe ist der größte Preis bereits, das Ziel zu erreichen.

Was hat Ihnen das Leben auf dem Meer beigebracht?

Ich denke, das Leben auf See lehrt einen, sehr einfallsreich und belastbar zu sein – besonders wenn man alleine segelt. Du musst dich auf dich selbst verlassen und jede Situation, die unvorhergesehen eintritt, beheben können. Du musst ruhig bleiben, auch wenn ­unerwartete Dinge passieren.

Sie gelten als „Extremist der Weltmeere“. Sie setzen sich vermehrt Strapazen und Gefahren aus. Was treibt Sie an?

Es ist ein fantastisches Gefühl – nur du und das Boot auf dem Ozean. Du gehst mental und körperlich an deine Grenzen, um ein Rennen zu beenden und gewinnen. Gleichzeitig ist man von atemberaubender Natur umgeben: Das Meer ist der am wenigsten erforschte Ort auf unserem Planeten und bisher sind in der Tat weniger als 100 Menschen allein um die Welt gesegelt.

Sind Sie ein Abenteurer – oder ein Mensch, der seinen Traum lebt?

Ich würde sagen, ich bin beides. Dieses Rennen ist seit so vielen Jahren mein Traum. Aber ich liebe auch das Abenteuer, an Offshore-Regatten teilzunehmen und über die großen Oze­ane zu segeln. Ich bin jetzt dreimal um die Welt gesegelt, aber noch nie alleine, und diese Herausforderung treibt mich an, die Vendée Globe erfolgreich zu beenden.

Hatten Sie je einen alternativen Berufswunsch?

Ich habe zwar einen MBA im Busi­ness, aber ich war schon immer ein professioneller Segler. Segeln ist meine Leidenschaft.

 

 

 

Bild greta.jpg
© beigestellt
Bild 190828_Malizia_JE6363.png
© Ricardo Pinto / Team Malizia