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Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 04.11.2020

Immer schneller, weiter – stopp!

Wir erfinden ein Arsenal zeitsparender Maschinen – und hatten noch nie so wenig Zeit wie heute.

Immer schneller, weiter, höher. Kommt dir das bekannt vor? Wenn ja, dann bist du ein unverzichtbares Mitglied der Turbogesellschaft. „Wir rasen, also sind wir“, brachten Soziologen das Erfolgsrezept für das dritte Jahrtausend auf den Punkt. Wir rüsten uns mit einem gigantischen Arsenal zeitsparender Maschinen aus, stellen Tempo­limits in Frage, kommunizieren mit Handys und dem Internet. Um Zeit zu sparen – doch noch nie hatten so viele Menschen so wenig Zeit wie heute. Wir leben die Gleichzeitigkeit und streichen Pausen.

Immer schneller, weiter – stopp! Dabei kommen uns gerade jetzt die äußeren Umstände einer Pandemie zugute, die uns zu einer Entschleunigung (#slowdown) zwingen und das Zurückkehren zu einer angemessenen Geschwindigkeit in einem veränderten Umgang mit uns selbst, mit den Mitmenschen und der Natur (#climatechange) leichter macht. Nehmen wir uns also mehr Zeit für unsere eigenen Bedürfnisse (#metime), genießen wir entspannende Spaziergänge in der vom goldenen Herbst prachtvoll gefärbten Natur (#cottagecore), machen wir es uns zu Hause so richtig gemütlich (#cocooning). Genießen wir das Zusammensein mit unseren Liebsten (#qualitytime) und tun wir uns Gutes, indem wir mit frischen, schmackhaften und regionalen Lebensmitteln (#supportthelocals) das gemeinsame Essen zelebrieren.

Liebe Leserinnen und Leser, diese Hashtags habe ich nicht aus Jux und Tollerei angeführt. Sie werden millionenfach in den sozialen Medien gesetzt und zeigen, wie groß die Sehnsucht nach einem Wandel der Prioritäten ist. Wie schrieb bereits
Goethe? „Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt.“ Diese Welt zu entdecken, kann eine spannende Aufgabe sein. Dazu müssen wir aber beginnen, Pausen zu setzen, wie auch die Musik Pausen setzt. Heuer feiern wir in Niederösterreich vielerorts 250 Jahre Ludwig van Beethoven. Was wäre seine 9. Sinfonie, würde er bis zum aufregenden Maestoso im letzten Satz keine Tempi wechseln und Pausen setzen? Übrigens: Aus der Feder Beethovens stammt auch eine würdevolle Kantatenmelodie mit gleichmäßiger Viertelbewegung, die das Herz beruhigt: unsere Landeshymne „Oh Heimat, dich zu lieben ...“.
Ihnen von den schönsten Seiten unserer Heimat Niederösterreich und ihrer beeindruckenden Menschen zu berichten, das haben wir uns Monat für Monat zur Aufgabe gemacht. Und eine ganze Welt gefunden.

Herzlichst,
Eure Angelica Pral-Haidbauer
Chefredakteurin