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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 22.04.2021

Ist ein Leben ohne Geheimzahlen lebenswert?

Nennen Sie mir bitte Ihre geheimen Security-Codes! Die sind bei mir todsicher aufgehoben.

Es ist ohnehin schon alles kompliziert genug, finde ich. Die Lage der Nation. Der Gemütszustand der Leute in meiner Umgebung. Die Zoom-Konferenzen, bei denen KollegInnen Monologe in nicht eingeschaltete Mikrofone halten. Die gemailten Impf-Informationen der öffentlichen Hand, in denen rüstigen Vierzigern euphorisch mitgeteilt wird, dass bis Ende Mai erfreulicherweise die Jahrgänge 1930 bis 1932 durchgeimpft werden. Unter achtzig zu sein, war definitiv schon einmal attraktiver.

Und zusätzlich habe ich folgende komplizierte Beobachtung gemacht: Es lässt sich praktisch alles im Leben nur nach Eingabe einer vier- bis achtstelligen Geheimzahl erledigen.

„Lebensmittel online bestellen? In Pandemie-Zeiten kein Problem! Nach Eingabe Ihres achtstelligen Security-Codes liefern wir prompt vor die Haustüre!“ Wie schön, wie einfach könnte mein Leben sein, wenn ich in der Lage wäre, mir Security-Codes zu merken.

Leute, wenn ich EINE großartige Begabung habe, EIN herausragendes Talent, mit dem ich jederzeit in jedem Begabungs-TV-Format Eindruck schinden könnte, dann ist es, dass ich mir Geheimzahlen so fantastisch gut merke, dass ich sie nie wieder preisgeben kann. Ich bin ein Geheimzahlen-Grab. In mir schlummern tausende Zahlenkombinationen, viele mit absurden Zeichen dazwischen. Und da ich leider auch vergesse, wo und wann ich welche Zahlen für welche Karten und Geräte notiert habe, wächst mein innerer Zahlenhaufen täglich an, irgendwann werden mir die Zahlen aus den Ohren und Nasenlöchern hervorquellen und das wird kein schöner Anblick sein.

Dabei sollte ich gestern doch nur eine klitzekleine Online-Überweisung tätigen, sechsunddreißig Euro. Für das pflanzliche Substrakt eines in China ansässigen hochseriösen Herstellers von Abnehm-Tropfen. Drei Tropfen täglich lassen das Bauch-, Oberschenkel- und Oberarme-Fett nachhaltig verloren gehen, und zwar genau an diesen Stellen. Faszinierend, oder?

In dieser Pandemie entwickelt man die seltsamsten Begierden. Ich musste diese Tropfen haben. Vor allem musste ich mir beweisen, dass ich sie sofort bestellen kann. Der zum Überweisen nötige Security-Code meiner Bankkarte war, wie üblich, tief in meinem Geheimzahlen-Safe im Geheimzahlen-Grab doppelt unter Verschluss. Schön, dass die Geheimzahlen bei mir so sicher sind.

Wenn Sie einen todsicheren Platz für Ihre vertraulichen Geheimzahlen suchen: Vergessen Sie die Merk-Funktionen Ihrer Laptops und iPhones, vergessen Sie es, sich Ihre Codes schriftlich zu notieren oder gar, sich die Zahlen zu merken. Investieren Sie stattdessen klug, nämlich in mich. Nennen Sie mir Ihre Geheimzahl, schriftlich, mündlich oder per Rauchzeichen. Ich garantiere in JEDEM Fall unüberbietbare Geheimhaltung. Ihre Zahlen sind bei mir wie ausradiert. Und wäre es nicht schön, sich in diesen bewegten Zeiten hundertprozentig auf mein sicheres Geheimzahlen-Grab verlassen zu können?

Bevor ich mein frisches Geschäftsmodell detaillierter ausführe, zurück zu den Tropfen. Mangels Unkenntnis sämtlicher für den Online-Zahlungsverkehr nötiger Geheimzahlen, bemühe ich seit gestern diverse Hotlines mit meinem Anliegen, mir BITTE neue Geheimzahlen zu nennen. Menschen wie ich, die ohne eine einzige Geheimzahl dastehen, werden von diesen Hotline-Mitarbeitern behandelt wie Mitbürger ohne festen Wohnsitz.

„Sie möchten WAS, bitte?“ „Ich brauche für meine Karte eine neue Geheimzahl.“ „Die können Sie online aufrufen, geben Sie dazu einfach Ihren sechsstelligen Security-Code ein."

Aber bitte, den weiß ich ja auch nicht. Können Sie mir den auch schicken?"

"Wie sagten Sie, war Ihr Name?" Der Hotline-Mitarbeiter sieht jetzt in einer Liste mit rot markierten Namen nach, bei denen „Sinnlos, weil zu deppert!“ steht. „Ich verbinde Sie zum Kollegen!“

Tütütütütütüt.
Vermutlich wiehert er jetzt vor Lachen und erzählt seinen Freunde, was es für abartige Freaks gibt, die ernsthaft glauben, dass Sie ohne Nennung ihrer alten Geheimzahl eine neue Geheimzahl beantragen können, hahaaa!

Kinder, ich habe ein Anliegen: Meißelt, wenn es einmal so weit ist, auf meinen Grabstein statt meinem Namen eine leicht zu merkende Geheimzahl ein, z. B. 64y8x9z6f(r)q5. Gerne in Blattgold. Die bleibt dann endlich für die Ewigkeit.

Herzlichts, Ihre...
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USCHI FELLNER, HERAUSGEBERIN UND CHEFREDAKTEURIN