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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 23.11.2021

Kolumne by Uschi Fellner

Geimpft, genesen, getestet. Geboren, um Antworten zu finden.

Ich sag es Ihnen, wie es ist. Bin ur­laubsreif. Ich will Sonne, Meer und Sand. Und zwischendurch ein paar farbenfrohe Drinks, die ich mir – hingegossen am Rande eines Pools, in das möglichst gerade kein Kind springt, das vor mir die Arschbombe übt – in großen Schlucken zuführe.

Nennen Sie mich Klimakiller, weil ich momentan in jedes Flugzeug stei­gen möchte, das mich mitnimmt. Falls jemand Lust hat, mir unbürokratisch den Privatjet vorbeizuschicken – kennt man ja von der Klima­ Konferenz –, danke, nehm ich! Auch wenn mein ökologischer Fußabdruck dann nicht mehr ganz bescheiden bleibt.

Dafür bin ich geimpft, mittlerweile schon drei Mal. Und natürlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, außer dass sich eigentlich alles, was man derzeit anpackt, vorhat oder nicht macht, irgendwie falsch anfühlt.

Urlaub machen zum Beispiel. Löst bei jenen, die ihn machen, ein schlechtes Gewissen aus. Wegen der Verantwortung und so. Darf man sein Land, das zur roten Pandemie­Zone erklärt wurde, jetzt verlassen? Oder soll man es sogar verlassen, weil es überall auf der Welt ja sicherer ist?

Macht man Urlaub, reiht man sich in die Herde der gewissenlosen „Hinter mir die Sintflut“-Fraktion.

Macht man keinen Urlaub, rutscht die Work­-Life-­Balance bedenklich in die Schieflage und man trägt zum Niedergang des ohnehin gebeutelten Systems bei.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, rund um mich stürzen Menschen in die Sinnkrise. Manche mit Burn­out. Viele mit Long-­Covid­-Symptomen. Und gar nicht so wenige sind einfach nur aus dem Urlaub zurückgekommen und finden plötzlich, dass sie Besseres verdient haben, als ihre von Viren bedrohte Lebenszeit mit Geldverdienen zu verplempern.

Akut zähle ich zwar nicht zu jener Gruppe, denn um zu der Erkenntnis zu gelangen, müsste ich ja erst einmal auf Urlaub fahren. Allerdings habe ich die Aussteiger­-Phase schon hinter mir, samt dem Plan, eine mehrjährige Pause einzulegen, meine Kinder auf einem in der Ägäis schaukelnden Kahn zu unterrichten, und fortan schlicht, aber glücklich vom Fischfang zu leben.

Die Umsetzung dieses Vorhabens (vor 15 Jahren sagte man „aussteigen“, jetzt nennt man es „Life-­Changing­-Challenge“) scheiterte damals an einem einzigen Satz, den eines meiner Kinder zu mir sagte: „Mama, bist du durch­geknallt?“

Das war’s dann und ich ordnete mich weiterhin großmütig den Sach­zwängen unter.

Wobei ich ja finde, dass eines der grausamsten Rituale darin besteht, sich die Urlaubsgeschichten anderer Leute anzuhören und mit müdem „Toll!“, „Super!“, „Wahnsinn!“ kommentieren zu müssen.

Vom „Yoga­-Retreat“ auf den Maledi­ven kommt Kollegin A. zurück („Toll“!), Kollege B. besuchte den Workshop „Die Kraft der Vergebung“ in Sankt Corona am Wechsel („Häh? Toll!“) und beteu­ert dabei, frühkindliche Kränkungen überwunden zu haben. Ich gratuliere dazu herzlich und überlege, ab wann man eigentlich zu alt ist, um alles, was im Leben schiefläuft, auf die Eltern abzuwälzen.

Angenommen, meine in ihren Sieb­zigern befindlichen Kinder bauen sich später vor mir (tattrig, aber gütig im Schaukelstuhl der Senioren­-Residenz) auf und werfen mir brutale Wahrheiten an den Kopf: „Du hast mich, als ich vier war, zwei Mal zu spät vom Kinder­garten abgeholt! Das konnte ich nie verwinden!“ „Und mich hast du weni­ger gelobt als DEN DA (verächtlicher Blick auf den jüngeren, dann 65 ­jährigen, Bru­der), wenn ich ein Kacksi in den Topf gemacht hab!“

Soll ich den Kleinen dann ra­ten, zum Verge­bungs-­Workshop nach Sankt Co­rona zu fahren? Oder mir besser das Hörgerät gar nicht einsetzen?

Fragen über Fragen. Geimpft, gene­sen, getestet. Geboren, um Antworten zu finden. Und jetzt frage ich Sie frei heraus: Finden Sie nach dieser Lektüre nicht auch, dass ich dringend Urlaub machen sollte? 

Herzlichst, Ihre

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USCHI FELLNER, HERAUSGEBERIN UND CHEFREDAKTEURIN