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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 01.10.2021

Kolumne by Uschi Fellner

Früher war alles einfacher, zumindest für mich!

Jenseits der fünfzig steuert man unaufhaltsam auf eine Lebensphase zu, die einen zur Annahme verleitet, dass früher manches besser war. Was natürlich Unsinn ist, obwohl die Generation 50 plus in einer Zeit geboren wurde, in der nachweislich vieles besser war als heute. Weihnachten zum Beispiel war planbar. Man wusste, am 24. Dezember kommt das liebe Christkindlein geflogen und die Sippe würde sich zahlreich um den großen Tisch versammeln, der sich biegen würde unter der Last von Weihrauch, Wein und milden Gaben und am Ende wären alle satt und vielleicht zerstritten, in jedem Fall aber vorhersehbar erschöpft und froh, dass es vorbei ist.

Letztes Jahr fiel Weihnachten pandemiebedingt aus, was nicht unbedingt ein Nachteil, aber ein Indiz dafür ist, dass praktisch nichts mehr planbar und morgen alles anders sein kann. Das schafft ein allgemein vages Gefühl der Verunsicherung. Gestern etwa fuhr mir ein Amazon-Bote rücklings voll ins Auto, weil er übersah, dass ich hinter ihm parkte, und entschuldigte sich mit den eindrucksvollen Worten: „Ist alles eh wurscht, ich geh in Arbeitslose und mich kannst du ...“

Er drückte es noch ein bisschen uneleganter aus.

Weil eh schon alles wurscht ist, fuhr ich mit meiner vorderseitig zerdepschten Karre ins Büro, das an eine neue Adresse übersiedelte.

Früher gab es Schlüssel. Heute gehen Türen via Touchscreen auf, aber nur, wenn der Scanner den Finger erkennt. Dazu darf ich anmerken: Sämtliche technische Werkzeuge in meinem Umfeld können mich nicht besonders gut leiden, ich glaube ja, sie haben sich in einer speziellen „Jetzt-ärgern-wir-die Uschi-Cloud“ versammelt und einen Heidenspaß, wenn sie mich aus dem Off beobachten, wie ich z. B. versuche, zuerst mit dem linken und dann mit dem rechten Zeigefinger am Touch-
screen entlangzufahren, der provozierend ROT blinkt.

Rot heißt, du kannst dich brausen, die Türe geht sicher nicht auf. Rot heißt auch: Du bist ein Vollidiot, wenn du es nicht einmal schaffst, deinen Finger soauf den Touchscreen zu halten, dass die Türe aufgeht.

Ich läute also. Da in unserem neuen Büro Touchscreens installiert wurden, damit niemand mehr wem anderen die Türe aufmachen muss, macht niemand mehr wem andern die Türe auf. Schon gar nicht einem Vollidioten, der draußen wartet.

Ich weiß, ich klinge jetzt wie eine Hundertzehnjährige, aber ich muss es trotzdem loswerden: Früher, als es noch Schlüssel gab, ging mir das Türe öffnen leichter von der Hand.

Um künftig mein Büro betreten zu können, suchte ich also unseren EDV- Leiter auf, der nicht müde wird, intelligente Fragen der VerlagsmitarbeiterInnen zu beantworten.

Meine zum Beispiel. Wobei ich selbstverständlich, bevor ich frage, versuche, eine konstruktive Lösung zu finden. Und nur im Fall, dass die einzige Lösung für mich wieder darin besteht, meinen Computer zu zertrampeln, frage ich vorher schnell nach: „Duhu? Mein Bildschirm ist schon wieder ganz schwarz, kannst du kommen?“

Ich sage Ihnen jetzt nicht, was ich denke, nämlich, dass wir früher auf Schreibmaschinen munter vor uns hin getippt haben, ohne die geringste Absturzgefahr und ohne technischen Supporter, der den IQ von Menschen wie mir mit dem eines aufgeweckten Goldhamsters gleichsetzt.

Wir müssen meine Finger neu einscannen, meint unser EDV-Leiter und zeigt auf ein kleines Gerät, das mit seinem Laptop verbunden ist. „Schau“, sagt er und spricht mit mir wie mit einer Dreijährigen, „du legst deinen rechten Zeigefinger HIER hin und fährst LANGSAM nach unten. Seeehr gut gemacht! Und jetzt noch den linken Zeigefinger! Bravo!“ Jetzt bin ich doch ein bisschen stolz auf meine Leistung, zumindest rechts und links nicht verwechselt zu haben. Früher, als Weihnachten noch planbar war und es Schlüssel und Schreibmaschinen gab, hätte ich jetzt auf zumindest einem Gummibärli bestanden. 

 

Herzlichst, Ihre

Bild uschi signature.bmp
USCHI FELLNER, HERAUSGEBERIN UND CHEFREDAKTEURIN