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Events | 14.08.2020

Alles auf Abstand?

Über eine aufwühlende wie mitreißende künstlerische Auseinandersetzung in Oberwart.

Wer ihn nur ein bisschen kennt, weiß dass Peter Wagner nie ins Theater lädt, um zu berieseln. Der Großteil des Premierenpublikums hatte diesen Wissensvorsprung mit hoher Wahrscheinlichkeit. Auch hatte man von den überdimensionalen Puppen gehört oder gelesen und davon, dass der vielseitige Autor und Regisseur, sich mit der aktuellen Ausnahmesituation auseinandergesetzt hatte.

Was sich jedoch Donnerstagabend in Oberwart abspielte, das sprengte von Minute zu Minute die Erwartungen. Die Stimmung war zunächst getrübt, mitunter lag auch Nervosität in der Luft.Das „1. Österreichische Distanz Theater“ musste mit seiner für den Stadtpark geplanten Premiere wetterbedingt ins OHO ausweichen. Dass sich einige Sorgenfalten im Gesicht des maskierten Produktionsleiters Alfred Masal ausmachen ließen, war nicht zuletzt den Corona-Maßnahmen, auf die im Haus penibel geachtet werden musste, geschuldet.

Dann gingen Bühnenlicht und Musik an, Eveline Rabolds kraftvolle Stimme erklang und vergessen war sofort, dass es sich hier eigentlich um eine „Ausweichlocation“ für das Stück handelte. Henryk Mossler hatte vier riesige Puppen entworfen, die eine junge Gruppe von leidenschaftlichen Tänzer*innen zum Leben erweckte. Ihre Stimmen liehen ihnen die Schauspieler*innen Gerhard Lehner, Angie Mautz, Gernot Piff und Sabrina Rupp. Schon der lange Titel lud zum Nachdenken und Diskutieren ein: „Bleib mir vom Leibe! Sagenhafte Übergriffe im Zeichen mangelnder Distanz“.

Peter Wagner hatte diesmal nicht allein zur Feder gegriffen; er lud die Kolleg*innen Petra Ganglbauer, Siegmund Kleinl, Sophie Reyer, Katharina Tiwald und Konstantin Milena Vlasich zum Reflektieren ein. Worüber? Die Texte der Autor*innen gehen weit über das Leben mit der Pandemie hinaus. Oder umgekehrt: Die Pandemie wird zur Lupe, unter zarte Teppiche Gekehrtes rutscht hervor, hinter Fassaden Brodelndes scheint zu explodieren. Die Zusammenhänge hinter den täglichen Nachrichten, sei es nun Gewalt gegen Frauen, Geldgier oder Klimawandel, werden in den Mittelpunkt gerückt – in Dialogen und Monologen, mit Musik und Tanz, bewegend, aufwühlend, aber auch mit Witz. Und „zack, zack, zack“ (ein Seitenhieb, der an dem Abend auch erklingt) verschmelzen im Finale viele Reflexionen zu einem Gedanken: Alles gehört zusammen. Und die Zusammenhänge gehen uns alle etwas an.

Fazit: Zugegeben manchmal ganz schön abstrahiert, aber packend und mitreißend bis zur letzten Minute. Außerdem genial: die Musik von und mit Eros Kadaver und sein Fürst, Eveline Rabold (Gesang), Georg Müllner-Fang (Bass) und Rainer Paul (Gitarre).

Weitere Aufführungen unter www.oho.at