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Lifestyle | 14.02.2018

Eine Welt ohne Fleisch?

Warum fällt uns der Verzicht auf Fleisch so schwer? Wir sprachen mit einem Mentalcoach über die Schwierigkeiten beim Fleischverzicht und mit einer Food-Bloggerin über ihren Fleischkonsum.

Obwohl sich fast jeder zehnte in Österreich vegetarisch (neun Prozent) bzw. vegan (ein Prozent) ernährt, sind wir europäischer Spitzenreiter beim Fleischkonsum: Pro-Kopf-Verbrauch knapp 100 kg pro Jahr. Schweinefleisch macht dabei den Löwenanteil aus. Auffällig auch die Geschlechterverteilung: Laut Statistik sind mehr als drei Viertel der Vegetarier und Veganer Frauen, knapp ein Viertel Männer. Wir sprachen mit Mentalcoach Roman Braun, warum uns der Verzicht auf Fleisch so schwer fällt und ob eine vegetarische/vegane Lebensweise wirklich gesünder ist.

Immer mehr Menschen reduzieren ihren Fleischkonsum, manchen fällt es leicht, manchen fällt es schwer – woran liegt das?

Das hat einerseits mit Gewohnheiten zu tun, andererseits auch mit unbewussten Ängsten. Wenn ich mir immer wieder vornehme, auf Fleisch zu verzichten, es aber nicht schaffe, dann bin ich nicht schwach, sondern dann gibt es da eine Angst in mir, die mir oft gar nicht bewusst ist. Zum Beispiel, dass ich Angst habe, ein Weichei zu werden, wenn ich auf Fleisch verzichte, oder dass ich Angst habe, Emotionen und/oder Situationen nicht ordentlich managen zu können, wenn ich mich nicht mehr mit Fleisch belohnen kann. Wenn du einen vernünftigen Plan hast und du dich dabei ertappst, es trotzdem nicht zu schaffen, dann gibt es nur einen Grund: eine unbewusste Angst, die meist auch extrem irrational ist. Zum Beispiel aus Angst, sich gegen die eigene Mutter zu wenden, wenn man nicht mehr Fleisch isst, weil diese jeden Sonntag zum Schweinsbraten einlädt etc. Sich dieser Angst zu stellen, bedeutet auch Persönlichkeitsentwicklung.


Inwiefern formt unsere Ernährungsweise unsere Persönlichkeit?

Wenn ich von Fleisch auf Vegetarisch oder Vegan umsteige, dann bin ich nachher ein anderer Mensch. Das macht vielen Angst. Die Ernährungsweise ist Teil des Charakters, der Identität. Man stellt nicht nur die Ernährung um, sondern wächst bzw. verändert sich auch charakterlich. Man ist und isst dann einfach anders.


Wie lange brauchen Körper und Geist, neue Essgewohnheiten zu verinnerlichen?

Ich bin Vegetarier, seit ich 20 bin. Etwa zwei Jahre hatte ich psychische Entzugserscheinungen. Aus meinem Freundeskreis und Arbeitsumfeld weiß ich, dass es Frauen grundsätzlich leichter fällt als Männern. Nach zwei Jahren ist man aber meist auf der sicheren Seite. Aber wenn ich in der Jugend nicht schon eine reflektierte Einstellung zum Essen gehabt hätte, hätte ich es nicht geschafft. Als kleines Kind habe ich nicht gerne Fleisch gegessen. Mein Vater hat immer drauf bestanden, dass ich es aufesse, bei Mama durfte ich es manchmal ausspucken. Aber in der Schulzeit war das Fleischessen dann normal für mich. Als junger Erwachsener begann ich umzudenken.

 

 

„Viele stellen ihre Gewohnheiten aus Angst nicht um. Der Umstieg auf Vegetarisch verändert die Menschen.“ Roman Braun, Mentalcoach



Was bedeutet es für die Welt, die Gesellschaft, für den Einzelnen, wenn es immer weniger Fleischesser gibt?

Weltanschaulich, ökologisch und gesundheitlich gesehen, gibt es kein Pro-Argument, Fleisch zu essen. 100 Gramm hochwertiges Eiweiß verbraucht aus Tierhaltung sieben Mal so viele Primärressourcen wie die gleiche Qualität pflanzliches Eiweiß. In der Nachkriegszeit gab es ein Mal pro Woche Fleisch, dann kam der Wohlstand, Fleisch galt als Statussymbol, nicht jeder konnte es sich leisten. Ende des alten und Anfang des neuen Jahrtausends wurde Fleisch inflationär gegessen, viele essen drei Mal pro Tag Fleisch- bzw. Wurstwaren. Das kann sich die Weltökologie nicht mehr lange leisten. Zum Glück legen die jüngeren Generationen wieder mehr Wert auf eine bewusstere Lebensweise.


Welche sind die besten vegetarischen Fleischersatzquellen bzw. Eiweißquellen?

Nusseiweiß zählt überhaupt zu den Top 3 der gesündesten Nahrungsmittel der Welt (Mandeln, Walnüsse, Kokosnüsse, Cashew), dann Tofu-Eiweiß, Erbsenprotein, Gluten-Eiweiß. Lupinen sind eine fantastische Eiweißquelle und extrem hochwertig. Am besten man kombiniert hier einige verschiedene Eiweißquellen.


Vegetarier, die vegetarische Gerichte essen, die durch diverse Gewürze und meist auch künstliche Zutaten riechen und aussehen wie Fleisch, werden oft als Heuchler bezeichnet. Ist der Druck auf Vegetarier hier auch groß?

Für die Entwöhnungsphase finde ich solche Produkte nicht schlecht. Wenn man sich jedoch reflektiert ernährt – und der Großteil der Vegetarier tut das –, dann wird es durch diese Zusatzstoffe ohnehin schwieriger, solche Produkte zu essen.


Was sind nun die gesundheitlichen Folgen des Fleischverzichts? Stimmt es, dass Vegetarier gesünder leben?

Es gibt keine große Studie, die diese Frage endgültig beantwortet. Ich sage, wenn man bei der österreichischen, ländlichen Kost einfach das Fleisch weglässt, ernährt man sich sicher nicht gesünder. Wenn jemand auf vegetarische Ernährung umsteigen möchte, geht’s auch um reflektierte Ernährung, darauf zu achten, welche Zutaten ich meinem Körper zumute, welche Art der Herstellung etc. Im Prinzip geht es nicht so sehr um das Fleischlose, sondern darum, sich bewusster und reflektierter zu ernähren. Wenn ich das mache, werde ich auch automatisch meinen Lebensstil gesünder gestalten. Und dadurch fühle ich mich geistig und körperlich einfach besser. Der menschliche Körper braucht das Fleisch nicht, auch Kinder nicht. Viele glauben das, weil sie Angst davor haben, sich näher damit auseinanderzusetzen und ihre Gewohnheiten umzustellen. Wer sich aber damit beschäftigt, erkennt, dass man Kinder und sich selbst auch fantastisch und ohne Mangelerscheinungen fleischlos ernähren kann.


Bloggerin und Creative Director Melanie Limbeck

Vertraute Gerichte und ursprüngliche Zutaten, die Jahreszeiten in vollen Zügen genießen, ein respektvoller Umgang miteinander, Familie leben, hochwertige regionale Produkte – das vereint Melanie Limbeck in ihrem Blog
„das Mundwerk“.
„Für mich ist es nachvollziehbar, wieso viele Menschen auf Fleisch verzichten, die Natur bietet genug pflanzliche Alternativen, um sich ausgewogen zu ernähren. Jedoch bin ich kein Fan von künstlichen veganen Fleisch-Ersatzprodukten wie veganen Würsteln. Wenn ich Fleisch esse, dann achte ich darauf, wo es herkommt und wie die Lebensbedingungen des Tieres waren, deswegen kaufe ich am liebsten beim Bauern direkt.“