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Lifestyle | 21.03.2018

Sex matters

Ob man als Frau oder Mann erkrankt, macht einen Unterschied – von Beschwerden bis zur Wirkung von Medikamenten. Die Gendermedizin ist ein Schritt auf dem Weg zur personalisierten Medizin.

Frauen und Männer sind anders krank. Der omnipräsente Männerschnupfen ist nur ein Beispiel dafür. Tatsächlich reagiert nach jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnissen das männliche Immunsystem hormonell bedingt langsamer. Es gibt den beschwerdeintensiven Männerschnupfen also wirklich. „Dabei geht es aber auch immer um das Thema Aufmerksamkeit. Krankheit hat teils auch mit Kränkung zu tun“, sagt Endokrinologin Barbara Obermayer-Pietsch.

Die Gendermedizin macht den Unterschied zwischen Mann und Frau in der Prävention, Diagnostik und Therapie zum großen Thema. „Zum ersten Mal in der Medizingeschichte wird damit berücksichtigt, dass bei Frauen und Männern andere biologische, aber auch soziale Faktoren zum Tragen kommen. Gendermedizin ist Frauen- und Männermedizin“, sagt Obermayer-Pietsch. Die Funktionsweise von Hormonen und Stoffwechsel, aber auch Schmerzempfinden und Leidensfähigkeit spielen eine entscheidende Rolle – beispielsweise auch, ob man sich selbst überhaupt erlaubt, krank zu sein. „Das trifft auf Frauen in allen Altersklassen zu – von der Mutter mit kleinen Kindern bis zur alten Frau mit schweren Abnützungen im Bewegungsapparat, die sich keine Schwäche zugesteht, um nicht ins Pflegeheim zu müssen.“

Ein klassisches Beispiel ist auch der Herzinfarkt: „An einem akuten Herzinfarkt sterben potenziell noch immer mehr Frauen als Männer, weil sie die Symptome nicht so ernst nehmen und die Heilungsaussichten schlechter sind, wenn er zu spät erkannt wird“, gibt die Wissenschafterin zu bedenken. Das ist auch gar nicht so einfach, denn die Beschwerden sind mit Magendrücken, Atemnot, Bauch- und Rückenschmerzen weitaus unspezifischer. Obermayer-Pietsch: „Auch Ärzte müssen hier entsprechend geschult sein, lange war nur der männliche Herzinfarkt mit den klassischen Symptomen wie dem Brustschmerz im Lehrbuch vertreten. Seit einigen Jahren ist die Sensibilität aber deutlich gestiegen.“

 

Krankheitsrisiken. „Wir sehen uns in unseren Forschungskohorten viele medizinische Variablen an und nehmen beispielsweise alle zwei Jahre eine Reihe von Tests bei dieser großen Gruppe an Probandinnen und Probanden vor, um Krankheitsrisiken zu finden. Zum Beispiel in der BioPersMed-Kohorte – Biomarker für personalisierte Medizin an der Med Uni Graz. Dabei achten wir sehr auf Gendereinflüsse“, sagt Obermayer-Pietsch. Das reicht von kardiologischen Untersuchungen über die Analyse von Blutwerten und Zuckerspiegel bis hin zur Handkraftmessung. „Die Muskulatur sagt nämlich viel darüber aus, ob jemand das Risiko hat, an einem Herzinfarkt, Diabetes oder Osteoporose zu erkranken.“ An der Med Uni Graz werden viele solcher klinischen Studien durchgeführt, „Probanden erhalten eine besondere Betreuung und auch ganz genaue medizinische Checks – mitmachen ist gerne gesehen.“

Geschlecht und Genetik, Alter, Größe, Gewicht, Lifestyle, der gesundheitliche Werdegang sowie die Krankengeschichte der Eltern – das sind alles wesentliche Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Und: „Das hören die Töchter wahrscheinlich nicht so gerne“, schmunzelt Obermayer-Pietsch, „Mütter und Töchter ähneln sich zu 70 bis 75 Prozent. Beispielsweise in ihren Körperdimensionen, aber auch in ihren metabolischen Eigenschaften, wie dem Zucker- und Energiestoffwechsel, und wann sie in den Wechsel kommen.“

Bei Diabetes, Krebserkrankungen und Osteoporose gibt es viele individuelle Unterschiede. Die Forschungsarbeit ist komplex. Beispielsweise werden manche Medikamente in der Leber mit speziellen Transporteiweißen weiterbefördert. „Wie schnell das passiert, ist allerdings zu einem großen Teil erblich bedingt unterschiedlich. Genau damit kann aber die Wirkung eines Medikaments zusammenhängen“, sagt Obermayer-Pietsch. „Je besser man einen Patienten kennt, umso gezielter kann man ihn auch behandeln.“ Selbst wenn die Forschung Wege und Mittel findet, ist vieles noch eine Kostenfrage, „das geht für ein Medikament schnell einmal in die Höhe von 50.000 Euro pro Monat und mehr“. 

Unerwünschter Effekt. Der Prototyp Patient war in der Medizin lange Zeit der Mann und ist es zum Teil heute noch. Medikamente wurden zumeist an Männern und männlichen Versuchstieren getestet. Das hatte zur Folge, dass Wirkungen und Nebenwirkungen nur für Männer bekannt waren, und erklärt, dass unerwünschte Effekte bis zu 70 Prozent Frauen betrafen. Auch heute werden Frauen oft noch nicht gleichwertig in der pharmazeutischen Forschung berücksichtigt. Fakt ist, dass Männer und Frauen unterschiedlich auf Medikamente reagieren können. Für den weiblichen Körper macht eine Einnahme vor oder nach der Menopause, aber auch in der ersten oder zweiten Zyklushälfte einen Unterschied. Diese komplexen Zusammenhänge sind auch der Grund, warum man Männer als Versuchspersonen -bevorzugt hat. „Bei Frauen muss zudem eine hormonfreie Empfängnisverhütung gewährleistet sein und eine extrem exakte Dokumentation erfolgen, das handhaben wir auch in unseren klinischen Studien so.“ Beipackzettel für Männer und Frauen – wird es das in Zukunft geben? „Das wäre schön, dazu gibt es aber kaum Daten und da viele Medikamente auslizensiert sind, kommen da auch keine neuen Forschungsergebnisse nach, weil das niemand bezahlt beziehungsweise in Zukunft bezahlen kann.“

Um unterschiedliche Krankheitsbilder bei Männern und Frauen exakt analysieren und festmachen zu können, stehen sogenannte Biomarker im Zentrum der Forschung. Sie gilt es zu identifizieren und zu bewerten. Biomarker sind Moleküle und Messwerte in Körperflüssigkeiten und Geweben, dienen sollen sie als Parameter zur Früherkennung, ob Mann oder Frau erkranken wird. Im europaweit etablierten Kompetenzzentrum CBmed (Center for Biomarker Research in Medicine) an der Medizinischen Universität Graz forscht Obermayer-Pietsch intensiv dazu. Sie ist auch Vizepräsidentin der vor wenigen Monaten gegründeten Österreichischen Plattform für personalisierte Medizin. Auf die Patientin oder den Patienten so exakt wie möglich abgestimmte Diagnosen und Therapien zu realisieren, ist der nächste Schritt. „Man kann dann auch besser überprüfen, ob ein Medikament individuell gut wirksam ist oder nicht.“ Das Ziel: personalisierte Biomarker für eine individuelle Medizin.