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Lifestyle | 20.06.2018

Nehmt den Druck raus, liebe Männer!

Männer leben gefährlich. Zu viel Risiko, Nikotin und Alkohol. Wenn es um einen gesünderen Lebensstil geht, sind Frauen einen Schritt weiter. Also: Raus aus der Gefahrenzone!

Für Martin ist es vor 15 Jahren wirklich schlecht gelaufen. Von heute auf morgen ging nichts mehr. Diagnose: Burn-out. Die Psychotherapeutin, die er nach der Diagnose aufsuchte, schaute ihn kurz an und sagte: „Lassen Sie mich raten: Sie sind Mitte 30, zum ersten Mal Vater geworden, beruflich erfolgreich, aber überarbeitet, weil Sie sich gerade ein Eigenheim gekauft haben.“ Bingo! Es folgten Psychotherapie, Kündigung und Abendschule. Nach einer Phase der inneren Einkehr hat Martin beschlossen, seinen gut bezahlten Job als Elektrotechniker aufzugeben und sich künftig beruflich mit dem Thema Gesundheit zu beschäftigen. Heute ist er als Masseur und Heilpraktiker tätig und amüsiert sich, wie er seiner Biografie eine Wendung gegeben und sich selbst möglicherweise mehr Lebensjahre geschenkt hat.

Dass die Lebenserwartung der Männer geringer ist als die von Frauen, ist hinlänglich bekannt. Frauen werden im Durchschnitt 83,3 Jahre, Männer 77,9 Jahre alt, die häufigsten Todesursachen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Was steckt dahinter? Romeo Bissuti hat sich als einer der Ersten in Österreich mit dem Thema Männergesundheit auseinandergesetzt. Er nennt einerseits den riskanteren Lebensstil, der verhältnismäßig mehr Männern zwischen 15 und 30 Jahren das Leben kostet – Alkohol, Nikotin, Unfälle, Selbstmord –, andererseits wirke sich der Lebensstil vieler Männer nicht positiv auf die Gesundheit aus. „Der Lebensstil vieler Männer wird mit dem Auszug aus dem Elternhaus drastisch ungesünder, was sich oft erst mit der Familiengründung bessert“, betont Bissuti. Statistisch gesehen leben verheiratete Männer länger als unverheiratete.
Eines ist klar: Männer schleppen noch immer die Last der vergangenen Jahrhunderte mit sich herum. Die Industrialisierung hat dem Mann die Rolle des Haupternährers aufgedrückt, die zu einer einseitigen Berufsbelastung führt. Zudem provozieren traditionelle Bilder von Männlichkeit ein höheres Gesundheitsrisiko. Der Mann, so eine EU-weite Studie zum Thema Männergesundheit, sei im 19. Jahrhundert auf Härte, Schmerzunempfindlichkeit und Wehrfähigkeit konditioniert worden, in vielen Kulturen gelten diese Eigenschaften bis heute für Männer. „Grosso modo lässt sich sagen, dass die meisten Männer das, was sie tun, nicht als männliches Verhalten erleben und es auch nicht hinterfragen“, sagt Bissuti. Es seien vielmehr Bewegungen wie der Feminismus, die ein Umdenken brächten. Weil viele Frauen ihre Rollen und Vorstellungen von Weiblichkeit hinterfragten, würden auch Männer zu überlegen beginnen, ob ihr Lebensstil samt Rollenzuschreibungen für sie noch passe, betont Bissuti.
Dass Männer und Frauen gleiche Bedingungen zum Altwerden haben, beweist die sogenannte „Klosterstudie“. Dabei wurde untersucht, inwieweit sich die Lebenserwartung von Nonnen und Mönchen mit denselben Lebensbedingungen – kein Alkohol, kein Nikotin, positive Umweltfaktoren, kaum Risikofaktoren wie Straßenverkehr – unterscheidet. Das wenig überraschende Ergebnis: Die Mönche wurden annähernd gleich alt wie die Nonnen. Einen weiteren Fakt bringt der Erste Deutsche Männerbericht zutage: Weil Männerkrankheiten mit geringerer Leistungsbereitschaft oder womöglich Schwäche assoziiert werden, spricht Mann einfach nicht darüber. Werden Männer gebeten, ihre Gesundheit selbst zu bewerten, neigen sie laut Studie zur Selbstüberschätzung. Frauenkrankheiten hingegen werden nicht nur diskutiert, sondern von der Früherkennung bis zur Versorgung auch öffentlich gefördert.

Zum Selbstverständnis vieler Männer gehört der Wunsch, es im Leben alleine schaffen zu wollen. „Männer drängen beruflich eher nach oben, alleine und in Konkurrenz zu anderen Männern“, sagt der Psychoanalytiker Michael Schreckeis. Das Selbstbild, Männer müssten Karriere machen und Geld verdienen, sind Attribute, die im Bewusstsein verändert gehörten. „Der große Vorteil der Männer, die physische Kraft, ist im heutigen Wirtschaftsleben bedeutungslos geworden. Heute zählen Teamfähigkeit, Flexibilität oder soziale Kontakte, also Eigenschaften, über die Frauen eher verfügen“, erklärt der Psychotherapeut.
Auch in puncto Sex klappt es vielfach nicht wie gewünscht, Erektionsprobleme nehmen zu. „Männer können theoretisch ihre Erektionsfähigkeit bis ins hohe Alter behalten, auch wenn es nicht mehr so schnell geht oder lange anhält“, betont Schreckeis. Er hält nicht viel davon, der Potenz mit Viagra zu begegnen: Erektion sei in der Regel nichts, wobei die Durchblutung gefördert gehörte, sondern eine viel komplexere Angelegenheit. „Ein streitendes Ehepaar ist mit Viagra ein streitendes Ehepaar mit Erektionsproblemen“, sagt er – heißt übersetzt: Die Erektionsthematik ist nur die Spitze des Eisberges. Das Hauptproblem lautet für ihn: mangelndes männliches Selbstwertgefühl.

 

"Am Sterbebett wird sich niemand denken: Hätte ich doch mehr gearbeitet." Romeo Bissuti, Männerberater



Ein vielfach unterschätzter Faktor, wenn es um Männergesundheit geht, ist Bildung, betont die Geschlechterforscherin Elli Scambor. So liegt die Lebenserwartung zwischen Männern mit höherer und Männern mit niedrigerer Bildung in postsozialistischen Ländern bei bis zu 15 Jahren. Dazu kommt, dass die Risiken am Arbeitsplatz bei geringer qualifizierten Männern überdurchschnittlich hoch sind. Nicht unterschätzt werden darf auch der psychologische Aspekt, denn eingangs beschriebener Martin ist kein Einzelfall: Laut Deutschem Männerbericht sind im Nachbarland Krankenstände zwar im Sinken begriffen, nicht jedoch jene, die psychische Störungen zur Folge haben: Zwischen 1994 und 2003 stieg die Zahl bei Männern um 82 Prozent, bei Frauen „nur“ um 57 Prozent. In Österreich wird es nicht viel anders sein.
Für Elli Scambor braucht es mehr Kampagnen zum Thema Männerbewusstsein. Und es sei an der Zeit, die Care-Arbeit – also die Betreuung von Kindern und alten Menschen – neu zu diskutieren. Dieser Aufgabenbereich sei bislang sehr stark weiblich besetzt, auch im Sinne von: Frauen kümmern sich um die Gesundheit ihrer Männer. Dabei betreffe das Thema Selbstverantwortung alle Menschen gleichermaßen. „Männer müssen vor allem lernen, in Belastungssituationen Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die nicht destruktiv sind, wie Rauchen oder Alkohol trinken.“


Für Romeo Bissuti kommt es nicht unbedingt darauf an, wie lange man gelebt hat, sondern wie man lebt. „Ich würde Männern raten, ihren Horizont zu erweitern und die Breite an Schönheit, an Erfahrungen im Leben zu entdecken: Familie, Kinder, Freundschaft und nicht immer nur Job, Job, Job.“ Dazu brauche es natürlich auch entsprechende Rahmenbedingungen. „Es gibt immer mehr Männer, die in Karenz gehen wollen, als jene, die es letztlich tun“, eben weil die Möglichkeiten dafür nicht immer gegeben sind. Es brauche Projekte, die Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit gegen gesundheitliche Risikofaktoren, fördern, sowie Programme, die sich mit den Fertigkeiten junger Männer auseinandersetzen, um ihnen auch andere Wege als die in Rollenklischees zu ermöglichen. „Vielleicht muss ein junger Mann nicht unbedingt Automechaniker werden, vielleicht kann er gut tanzen?“, fragt Bissuti. Es brauche auch gesetzliche Maßgaben zur Gesundheitsförderung, bei Adipositas etwa nicht nur Aufklärung betreiben und zu Sport animieren, sondern den Zuckergehalt in Lebensmitteln entsprechend festzulegen. Zuletzt gelte es, so Bissuti, seinen eigenen gesunden Weg zu finden: „Am Sterbebett wird sich niemand denken: ‚Hätte ich doch mehr gearbeitet.‘“