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Lifestyle | 10.11.2018

Sex me up!

Kann man guten Sex lernen? Ja, mit Sensual Bodywork. Wir haben uns darin versucht und wissen jetzt: Orgas-kann, nicht Orgas-muss!

Die Kunst der Liebe gibt sich scheu. Diskret und im Grün der Steiermark verborgen. In Ilz, um genau zu sein. Hier, im MyKikis Nest, einem Landhäuschen auf der Anhöhe, blickt man über die restliche Oststeiermark – und über sexuelle Grenzen hinweg. Es gilt: Berührung neu zu erleben, Liebeskünste auszuprobieren oder einfach nur zu entspannen. Von Kursen für Paare über sinnliche Massagen bis hin zu Kurzurlauben mit Selbsterfahrung ist hier alles möglich und sinnliche Momente sind neues Credo. Da wären wir also. Mein Mann Gerald (der mich ungläubig anblickte, als ich ihm von meiner Recherche über Sensual Bodywork erzählte und meinte: „Und du darfst es mit mir ausprobieren.“ Schock!) und ich (die sich plötzlich doch nicht mehr sicher ist, ob Sensual Bodywork so harmlos ist, wie es scheint). Etwas angespannt stehen wir vor der Tür. Bereit für vieles, aber nicht offen für alles. Wer hindurch schreitet, dem offenbaren sich sexuell-spirituelle Abgründe, so scheint es. Bis uns Bodywork-Coach Mikael Grollegg öffnet. Ein ganz normaler Mann, ganz normal gekleidet. Erleichterung auf den ersten Blick. Er führt uns durchs Haus, hinein in ein Zimmer mit Wohlfühlatmosphäre, das ein Ensemble aus Himmelbett, brennenden Kerzen, Kachelofen, reichlich Fellen und noch mehr zum Naschen darstellt. Und ganz nebenbei entdecken wir Federstile und Sextoys. Genuss steht hier wahrlich über allem. Gerald und ich kommen erstaunlich schnell an – im Hier und Jetzt. Zum einen, weil der höhlenartige Rückzugsort Sinnlichkeit bereits beim Betreten verspricht, zum anderen, weil Mikael auf feinfühlige Weise heranführt. An sich, an das, was er tut, und an das, was auf uns gleich zukommen wird. Während er ausführlich über seine Methoden erzählt – das gehöre für jemandem, der sexuelle Körperarbeit mit psychologischer Betreuung vereint, einfach dazu – wird mein Mann zunehmend ruhiger. Kein gutes Zeichen, denn „still“ passt eigentlich nicht zu ihm. Ich schlucke: Nein, bis zur Analmassage muss es wirklich nicht kommen. Gut, dass jeder selbst seine Grenzen definieren darf, sogar soll. „Ich begleite lediglich, zeige stimulierende Techniken vor, berühre und geleite in meditative, sexuelle Energie“, erklärt Mikael, der schon damals, als er noch im Bereich Krisenintervention tätig war, erkannt hat, dass psychologische Betreuung niemals den Körper aussparen darf. Sexuelle Energie sei nämlich die stärkste Kraft in uns.

 

Gleich vorweg: Ja, die mehrstündige Sitzung kann sogar bis zum Höhepunkt führen. Muss es aber nicht. „Erlaubt ist, was gefällt. Dabei ist der Weg das Ziel, denn der Orgasmus ist nicht zwingend die höchste Befriedigung.“ Mein Mann schaut mich, ich ihn an. Und jetzt? Machen, meint Mikael. So einfach wäre es. Wir bekommen beide einen Lungi (ein indisches Wickeltuch) und ziehen uns um. Dann wird es plötzlich fremd intim: Wir sitzen einander gegenüber, während unser Bodywork-Coach Anweisungen zur gleichmäßigen Atmung gibt und uns so ansehen lässt, als täten wir das zum ersten Mal. Ich lache innerlich. Gerald auch, so viel kann ich in seinem Gesicht lesen. Oder ist es ein „Du bist mir was schuldig“-Grinsen? Schon komisch, seinen Herzensmenschen wieder bewusst wahrzunehmen. Berührung, scheinbar das Einfachste auf der Welt und dennoch, bewusst eingesetzt, so viel schwieriger. „Wir wechseln zwischen unterschiedlichen Elemente wie Tantra-Übungen und Lomi Lomi Nui. Je nach Bedarf“, erklärt uns Mikael, während er meinem Mann vorzeigt, auf welche Arten er mich berühren kann – zunächst mit seinen Händen, dann mit der Feder, ja sogar frische Blumen kommen zum Einsatz. Ich darf heute die Empfangende sein. „Wer diese Übung, die etwas mit Genitalmeditation zu tun hat, zu Hause nachmachen möchte, geht weiter bis zur vaginalen Massage. Jedoch wird vereinbart, wer an einem Abend der Gebende und wer der Empfangende ist“, so Mikael und rät vom Wechsel während des Sinnspiels ab. So geht es immer weiter: Berührungen, kichern, sich etwas Gutes tun. „Paare kommen mit unterschiedlichsten Themen zu mir. Die einen haben Blockaden aufzuarbeiten, andere wiederum wollen sich sexuell weiterentwickeln und wieder andere haben Orgasmusprobleme“, erzählt unser Coach. Ultimatives Ziel: der ganze Körper als erogene Zone, den ureigenen Impulsen des Körpers wieder folgen können und bedingungslose Liebe.

Mit jedem neuen Atemzug werden wir lockerer, fangen an, Mikael als sanften Mediator, der aus dem Off spricht, wahrzunehmen. Volle Konzentration auf den Partner. Das tut im Hamsterrad des Alltags gut. Ekstase erleben und Ganzkörperorgasmen fühlen, geht das? „Natürlich. Das erfordert bloß etwas Tantra-Übung.“ Am Ende der Sitzung bin ich ruhig, während Gerald anfängt zu fragen. Er entdeckt plötzlich Accessoires, die ich nicht einmal gesehen habe, und ist alles andere als still. Die Hemmschwelle scheint überwunden. Mehr noch: „Lust kann man tatsächlich auf ein neues Level bringen“, meint er. Seine Berührungen sind auch danach noch anders und irgendwie fremd. Das prickelt! Und ich? Ich weiß jetzt: Der Weg ist das Ziel. Eindeutig!