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Lifestyle | 29.11.2018

Mein neues Leben

Da war nur noch Leere. Nur noch ein Funktionieren. Dann hatte ihre kleine Tochter plötzlich ein blaues Auge. Wie einer zweifachen Mutter der Weg aus einer Gewaltbeziehung gelang.

Sie hatte nicht einmal eine Handtasche bei sich. „Ich glaube, er vermutet schon etwas“, sagte ihre Freundin. „Fahr nicht mehr nach Hause!“ Da saß sie nun, beim geplanten letzten Beratungsgespräch; wenige Tage später wollte sie mit ihren Kindern und dem Notwendigsten in das Frauenhaus flüchten. Alles sollte gut durchdacht vonstatten gehen. Würde er das Schlimmste tun? Alice (Name von der Redaktion geändert) hatte Angst vor dem Zuhausebleiben und vor dem Weggehen, sie konnte kaum ihre Gedanken ordnen. Dann tauchte es wieder auf: das Bild der kleinen Tochter mit dem blauen Auge … Nach zehn qualvollen Jahren fasste die junge Mutter einen Entschluss, „den ich nie bereut habe“, sagt sie. „Wir holten die Kinder ab und fuhren direkt ins Frauenhaus.“

Ihr Martyrium.

Als ich Alice zum Interview treffe, strahlt sie. „Es gibt ja ein gutes Ende“, schickt sie voraus. Sie will anderen Frauen, die physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt sind, Mut machen. „Den Mann, das gemeinsame Zuhause zu verlassen, neu anzufangen, ist sehr schwer. Aber das ist es wert“, sagt sie.
Leicht fällt es ihr nicht, ihr Martyrium erneut aufzurollen. „Ich will das alles hinter mir lassen.“ Dann blickt sie wieder lächelnd auf und sagt bestimmt: „Bitte frag mich, beim Antworten tue ich mir leichter.“ Sie war 22 Jahre alt, als sie ihren Mann kennenlernte. Er war charmant, aufmerksam, ein bisschen zu anhänglich. Das Paar will der Fernbeziehung bald ein Ende setzen, nach nur wenigen Monaten heiraten sie. Das Brautkleid hängt bereits im Kasten, da will sie noch jemand warnen: „Er ist ein schwieriger Mensch.“ Wenngleich sie darüber er­schrickt, was sollte sie da tun? Sie gab ihm das Jawort.

„Die ersten Wochen unserer Ehe waren schön“, schildert sie. „Danach begann die Hölle.“ Wenn ihm etwas nicht passt, beleidigt, schlägt, bedroht er sie, er zertrümmert Möbel. Als sie die Polizei rufen will, entgegnet er wiederholt: „Die werden dir nicht glauben.“ Alice holt tief Luft im Gespräch und hält inne. Sie steht auf und holt Protokolle aus einem gewissenhaft sortierten Ordner. „Lies selbst“, sagt sie und geht kurz hinaus, als wollte sie nicht einmal mehr mit den Zeilen über ihre einstige Ehe, ihren langjährigen Peiniger in einem Raum sein.

Momente wie früher.

Ich muss schlucken beim Lesen all ihrer schrecklichen Erlebnisse. Wie hielt sie es so lange aus? – „Er wollte unbedingt schnell Kinder. Ich habe gehofft, dass es als Familie besser wird“, antwortet sie. Das wurde es nicht. Selbst mit dem Baby im Bauch tat er ihr Gewalt an. Seine Tarnung hörte aber nie zu funktionieren auf; nach außen hin war er der nette Ehemann. Auch sie ließ sich blenden, wenn sie zwischendurch Tage erlebten, „die wie früher waren“. Für Freundinnen hat Alice neben mehreren Jobs keine Zeit; lange war niemand da, dem sie sich hätte anvertrauen können. „Wo sollte ich hin? Ich wusste nicht, dass es das Frauenhaus gibt.“ Die ständige Angst begann sie zu lähmen. „Ich habe gearbeitet, mich um Kinder und Haushalt gekümmert. Aber ich habe nichts mehr gefühlt. Das war kein Leben mehr, das war nur noch Überleben.“ Irgendwann treffen seine Wutausbrüche auch die Kinder; das blaue Auge der Tochter alarmiert Pädagogen und Jugendamt. „Das brachte alles ins Rollen“, sagt Alice. Als sie mit ihren Kindern in Sicherheit, im Frauenhaus ist, erklärt sie ihnen, was sie vorhat: die Trennung und einen Neuanfang. „Das erste, was meine Tochter gesagt hat, war: Das ist eh gut so.“ Das Team aus Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen fängt Alice und ihre Kinder auf. „Da gab es sehr viel aufzuarbeiten, lange quälten uns schlimme Albträume.“ Geholfen hatte ihr auch die Gemeinschaft, mit Frauen unter einem Dach zu leben, die Ähnliches erlebt hatten. „Wir waren trotz allem eine lustige Truppe“, schmunzelt sie. Ihr Mann wollte sie zunächst zurück, vieles versprach er ihr am Telefon. Sie glaubte ihm nicht mehr. Einmal versetzt er sie noch in Panik – mit haltlosen Drohungen, ihr die Kinder wegnehmen zu wollen. Mittlerweile sind die beiden geschieden, selten bemüht er sich um ein Treffen mit den Kindern. Heute lebt Alice in einer Mietwohnung. „Das war ein Chaos, eine richtige Baustelle, als ich sie besichtigt habe“, lacht sie nunmehr. „Aber selbst ist die Frau: Ich habe gespachtelt und ausgemalt; ich musste sparen und habe es fast ohne Handwerker geschafft.“ Und das Schönste zum Schluss: „Es gibt jemand Neues in meinem Leben. Meine erste echte große Liebe.“


Kostenlose Hilfe

Frauenhaus Burgenland
Tel.: 02682/61 280 (0–24 Uhr)
www.frauenhaus-burgenland.at

Gewaltschutzzentrum
www.gewaltschutz.at

Frauen- und Familienberatung
Neusiedl am See
www.der-lichtblick.at

Frauenberatungsstelle „Die Tür“
Eisenstadt und Mattersburg
www.frauenservicestelle.org

Frauenberatungsstelle Oberpullendorf
www.frauen-op.at

„Frauen für Frauen Burgenland“
in Oberwart, Güssing, Jennersdorf
www.frauenberatungsüdbgld.at


Was Opfer brauchen

Kerstin Bedenik ist seit 14 Jahren Sozialarbeiterin im Frauenhaus Burgenland und weiß …

… den Mut und die Kraft zu finden, aus einer Gewaltsituation auszusteigen, ist der schwierigste Schritt. Danach findet sich immer ein Weg.

… dass viele erst nach Jahren ins Frauenhaus kommen, wenn sie um ihr Leben fürchten oder wenn sie merken, wie sehr ihre Kinder leiden. Auch wenn diese nicht selbst von Gewalt betroffen sind, sind sie als Zeugen psychisch stark belastet. Mütter wollen ihre Kinder schützen.

… wenn Frauen und Kinder im Frauenhaus ankommen, haben sie Angst. Im Vordergrund steht zunächst, ihnen Sicherheit und Ruhe zu geben, durch das Haus und die professionelle Betreuung Schutz zu vermitteln. Die Adresse ist anonym, das Haus – ein Großfamilienhaus – ist kameraüberwacht.

… manche Klientinnen kehren zu ihren Partnern zurück. Gewalt passiert in einem jahrelangen Prozess, in dem Frauen erniedrigt, beschimpft, geschlagen werden; sie haben schließlich kein Selbstwertgefühl mehr. Oft kommen sie, wenn die Situation eskaliert, die Polizei eingreift – und sie ihr Zuhause von einem Tag auf den anderen verlassen. Zum Gewalttäter gibt es eine persönliche Bindung, da war oder ist sogar noch Liebe, Gefühle können ambivalent sein. Viele wollen es noch einmal versuchen. Wir bieten ihnen an, jederzeit wiederzukommen. Wir erleben Frauen, die die Trennung beim dritten Mal schaffen. Wichtig ist: Sie gehen jedes Mal etwas gestärkt von uns weg.

Der Appell der Sozialarbeiterin Kerstin Bedenik: Wenn Sie mitbekommen, dass einer Frau Gewalt angetan wird, rufen Sie die Polizei. Das kann man auch anonym tun. Scheuen Sie sich nicht, möglicherweise Betroffene anzusprechen. Viele unserer Klientinnen wünschen sich, es hätte sie jemand gefragt. Sie können im Frauenhaus, im Gewaltschutzzentrum oder in den Beratungsstellen auch Informationen einholen, die Sie weitergeben können.


16 Tage Gegen Gewalt

BURGENLÄNDERIN: Der 25. November ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Welche Bedeutung hat dieser Tag für Sie?
Frauenlandesrätin Astrid Eisenkopf: Für mich ist es wichtig, dass wir aktiv gegen Gewalt an Frauen auftreten und dass jede betroffene Frau weiß, dass es einen Ausweg aus ihrer Situation gibt. Im Rahmen der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt“ wollen wir deshalb mit verschiedenen Aktivitäten auf die Bedrohung von Frauen durch männliche Gewalt aufmerksam machen. Aufklärung und Bewusstseinsbildung sind Maßnahmen, die im Kampf gegen Gewalt sehr wichtig sind. Nur wenn Frauen wissen, an welche Stellen sie sich wenden können, können sie auch entsprechende Hilfe erhalten.

Sieben Frauenberatungsstellen, das Frauenhaus und das Gewaltschutzzentrum: Worin ist die Notwendigkeit für all diese Institutionen begründet?
Alle Einrichtungen bieten schnelle, unkomplizierte Unterstützung und vertrauliche Beratung in Fällen häuslicher Gewalt. Die Frauenberatungsstellen sind in jedem Bezirk vor Ort und decken ein breites Spektrum an Beratungsleistungen in allen Lebenslagen ab.
Das Frauenhaus bietet Frauen und deren Kindern, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, eine vorübergehende Unterkunft und Schutz. Hilfe steht 24 Stunden täglich an sieben Tagen in der Woche zur Verfügung. Das Gewaltschutzzentrum beschäftigt sich besonders mit diesem Thema und kooperiert auch eng mit anderen Institutionen, wie etwa mit der Polizei, die schließlich Betretungsverbote aussprechen kann.

Wofür steht „FemiNina“?
Das Frauen- und Sozialreferat des Landes hat mit dem Dachverband burgenländischer Frauen-, Mädchen- und Familienberatungsstellen die Burgenländischen Zentren für Frauen- und Mädchengesundheit „FemiNina“ ins Leben gerufen. Frauen haben die Möglichkeit, in Beratungsgesprächen Befunde zu besprechen, sich eine zweite Meinung einzuholen oder sich über frauenspezifische Krankheitsbilder zu informieren. Geplant sind außerdem Kurse, Workshops und Informationsveranstaltungen zu gesundheitsfördernden Aspekten.