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Lifestyle | 30.04.2019

Come as you are …!

Legendär – das einzige Wort, das so halbwegs an das herankommt, was Wiesen für Festivalbegeisterte ist. Wir machten mit der Familie Bogner eine persönliche Zeitreise in die Vergangenheit und einen Ausblick in die Zukunft.

Erika, Erdbeerwein und Wald des Lächelns – für wen diese Schlagworte keinen Zusammenhang ergeben, der war noch nie bei einem Festival in Wiesen. Der Duft von Gras (nein, das neben dem Zelt auf der Wiese!), wummernder Bass, der Geruch von Staub, Stimmenwirrwarr und verschwitzte Leiber, die den Boden belagern. Eine Stimmung, die wie eine Feder über die Seele streichelt und sie gleichzeitig schmirgelt wie ein Schleifpapier. Ich sitze dem Mann gegenüber, der indirekt dafür gesorgt hat, dass auch ich in meiner Jugend viele unvergessliche Festivaltage in Wiesen verbringen durfte. Und anstatt gegenüber Franz Bogner vor Ehrfurcht zu erstarren, will ich einfach alles über die letzten 50 Jahre wissen. „Das Woodstock-Feeling ist erst ein paar Jahre später zu uns ins Burgenland gekommen, so um 1973/74/75 herum.“ Begonnen hat Bog­ner 1968 mit einem „5-Uhr-Tee“ am Sonntagnachmittag – das Equipment: zwei Plattenspieler, ein Mischpult und zwei Boxen, die immer von irgendeiner Band ausgeborgt wurden, denen man damals durch sämtliche Dorflokale nachtingelte. „Irgendwas ging immer nicht, aber eine Mords-Hetz hatten wir.“ 1972 begann der rennsportbegeisterte Bogner mit der Disko „Racing Disc“ im Wirtshaus seiner Eltern in Wiesen, echte Musikanlage inklusive. Die Deko bestand hauptsächlich aus Accessoires aus dem Rennsport, doch im Mittelpunkt stand die Musik und die sollte besser sein als in allen anderen kommerziellen Diskotheken. Viele später sehr berühmte Free-Jazzer spielten dort ihre ersten Gigs in kleinem Rahmen, weswegen die Lokalität auch schon bald ihren Namen änderte – eine Wand mit persönlichen Glückwünschen ziert heute noch das Jazz-Pub. Und weil es so gut lief, fand 1976 die Geburtsstunde aller Musikfestivals in Österreich statt: das erste Jazz-Festival mit 300 Leuten vom 23. bis 25. Juli 1976. „Die Festivals am Anfang waren alle defizitär, aber sie haben so viel Werbung gebracht, dass das Jazz-Pub dadurch sehr gut gegangen ist.“ Ab 1981 fanden die damals schon legendären Festivals am jetzigen Standort in Wiesen statt. Jeder verdiente Cent wurde in das Gelände investiert und so ist es stetig gewachsen.

 

© www.wetzelsdorfer.at

 


Starallüren & Wiesen-Flair

Die gesamte Familie arbeitete mit. Die Mutter von Franz – bei vielen internationalen Musikern berühmt für ihre Schnitzelsemmeln – kochte damals regelmäßig für die Bands. Es war ein gemütliches Beisammensitzen: gemeinsam essen, trinken, reden, musizieren. Franz und seine Ex-Frau Mini (sie sind seit 21 Jahren geschieden) sind bis heute ein Team am Gelände, doch das Zepter hält nun bereits der Nachwuchs hoch: Tochter Juliane und Sohn Franz-Peter mit seiner Lebensgefährtin Sabine samt ihren Familien sind in den Vordergrund getreten. Sie haben das Festival-Flair von Beginn an als Kleinkinder miterlebt und sind quasi am Gelände groß geworden. Alle können sich noch erinnern, als Van Morrison, dem ein Ruf als „Grantscherm“ vorauseilte, das erste Mal in Wiesen auftreten sollte – alle zitterten hinter der Bühne. „Wir befürchteten schon, er kann aufgrund seines Zustands nicht spielen. Dann spielt er tatsächlich das Konzert, geht runter von der Bühne und sagt zu mir: ‚Nächstes Jahr komme ich wieder, aber mit Fernsehteam‘“, erinnert sich Franz Bogner. Und so war es bei ganz vielen. „Nachhausekommen“, „familiäre Atmosphäre“, „einzigartige Stimmung“ – die Top-Stars gaben sich in Wiesen den Mikroständer in die Hand. Da kommen viele Erinnerungen hoch, auch bei Mini Bogner: „Der Ärgste war Marilyn Manson. Einen Tag vorher hat er bei einem anderen Konzert randaliert. Juliane und ich wollten ihn Backstage besuchen. Da saß ein monströser, stiernackiger Bodyguard und hat uns nicht durchgelassen. Keiner durfte sich im Backstage-Bereich aufhalten, nicht mal die Crew.“ Da war Jack Johnson, der im Backstagebereich plastikfreie Zone verordnete, wenigstens jemand mit hehren Prinzipien. Prägende positive Erlebnisse hatten die Veranstalter durch die Auftritte von Ella Fitzgerald (Mini), George Benson (Franz) und Manu Chao (Juliane). Gröbere Streits mit Künstlern oder Managern – wenn z. B. eine bestimmte Zigarettenmarke im Burgenland nicht aufzutreiben war – konnte die Crew mit Herzlichkeit und Coolness immer abwenden und wurde reich an Erfahrungen: z. B. die „Doors“, die sagten „Wascht die Bühne, wir kommen wieder!“, oder Free-Jazzer Don Cherry, dem nachgesagt wurde, dass er „ein anderer Mensch werde“, sobald er über den Hügel nach Wiesen kam. Was sich jedoch stark gewandelt habe, sei die Jugend. Es werde heute respektloser miteinander umgegangen als damals. „Früher wäre nie jemand auf die Idee gekommen, von einem fremden Zelt etwas rauszunehmen, heute ist das Eigentum des anderen nichts mehr wert. Aber das ist zum Glück nicht bei allen so.“ Ein paar schwarze Schafe wird es wohl immer geben, doch die können das Wiesen-Flair nicht zerstören.

 

Festival-Legende Franz Bogner übergab das Zepter an seine Kinder Juliane und Franz-Peter. Hier im Backstage­bereich. © Vanessa Hartmann

 

Wiesn-Impressionen

Bruch & Gegenwind.

Und doch hielt sich das Wiesen-Flair über die Jahre ungebrochen, auch wenn sich die Bedingungen änderten: Der Bruch mit dem jahrelangen Veranstalter Ewald Tatar 2015. „Das wurde so entschieden und das ist jetzt so. Es gibt keinen Kontakt mehr“, legt Mini neutral dar. Nachdem daraufhin zwei Jahre lang die Firma Arcadia Live GmbH die Verantwortung hatte, nimmt die Familie Bogner das Steuer nun seit letztem Jahr wieder selbst in die Hand, sucht Kontakt zu potenziellen Veranstaltern und konzipiert selbst wieder Events. Und die Ideen gehen ihnen nicht aus. Erdbeer-Fest, Salsa-Festival, Klassik-­Konzerte, Heavy-Metal-Tage, Elektronische Musik – viele Bands melden sich bei den Bogners und bitten darum, in Wiesen spielen zu dürfen.

 

Festival-Legende Franz Bogner im Jazz Pub. © Vanessa Hartmann

 


Weiter geht's

Was Franz Bogner jedoch sehr im Magen liegt, ist das kontroverse Verhältnis zur Gemeinde Wiesen. Mit der Bezirkshauptmannschaft gäbe es keinerlei Probleme, auch die Kooperation mit den Gemeindemitgliedern funktioniere vorwiegend gut, doch die im Gemeinderat immer wieder aufs Neue beschlossene Lustbarkeitsabgabe sei nicht so sinnvoll, wie es nach außen hin scheinen mag. „In Graz und Wien gibt es schon längst keine Lustbarkeitsabgabe mehr. Über die Jahre hinweg hat uns diese Abgabe 1,5 Millionen Euro gekostet. Wäre sie nicht gewesen, hätte ich jetzt sogar ein positives Bankkonto.“ Tochter Juliane stimmt zu: „Viele Leute sehen die Besucher und denken an den großen Umsatz. Dass ganz viel Geld für Personalkosten, Technik, Instandhaltung und viel mehr aufgewendet werden muss, wird oft nicht bewusst wahrgenommen.“ Doch aufgegeben wird nicht, denn es stehen einige Investitionen an. „Die große Plane gehört erneuert, aber die kostet 600.000 Euro, das muss sich erst einmal ausgehen.“ Ob neue Plane oder nicht: Das Jazz-Pub und die Festivals in Wiesen waren und bleiben ein großes Stück Welt im kleinen Burgenland.

 

Wiesen Events

• Metal Fields 3. bis 4. Mai

• Alles Erdbeere! Nachhaltiges Familien- und Genussfest 18. bis 19. Mai

• Comedy Hirten 13. Juli

• Hey Field Drum and Bass & Bass Music Festival 18. bis 21. Juli

• One Love Reggae Festival 2. bis 3. August

• HAIR MUSICAL „50 Jahre Woodstock“-Jubiläum 17. bis 18. August