Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 07.05.2019

Flucht in die Zukunft

Zerkratzt, verdreckt, völlig verängstigt und doch voller Hoffnung – vor 30 Jahren flüchteten unzählige Bürger aus der DDR über die ungarische Grenze nach Österreich. Wir sprachen mit Helfern über ihre ganz persönlichen Geschichten von damals.

Bild 1905_B_EisernerVorh_Bi-4.jpg
Diese Plakate wurden entlang der Grenze aufgestellt, damit sich die Flüchtlinge orientieren konnten. © beigestellt

Eine 350 km lange Grenze, die die Bürger vor der „Gefahr“ der westlichen Welt schützen sollte – zwei Meter hoher Stacheldrahtzaun, Wachtürme, Selbstschussanlagen, Minenfelder, Hundelauf-Anlagen und kilometerbreite Sperrzonen. Der Eiserne Vorhang sollte über 40 Jahre lang verhindern, dass Menschen aus den kommunistisch regierten Staaten nach Westeuropa fliehen. Vor 30 Jahren – am 2. Mai 1989 – begann der Eiserne Vorhang in Ungarn an der Grenze zu Österreich immer durchlässiger zu werden. In den Sommermonaten nutzten immer mehr DDR-Bürger die Schlupflöcher zur Flucht in den Westen. Wir sprachen mit zwei Deutschkreutzern, die an den Hilfsaktionen beteiligt waren und die ostdeutschen Flüchtlinge unterstützten bzw. bei sich aufnahmen.

Das Komitee der Flüchtlingshelfer in Deutschkreutz im Sommer 1989. Heidi Draxler in der zweiten Reihe ganz links als 27-jährige Frau.

Die Solidarität für die Flüchtlinge aus der DDR war sehr hoch.

 

Im Osten nichts Neues

Das erste große Erlebnis hatte ich im Mai 1989. Ich war mit meinem Freund Peter Schöller eine Woche lang in der DDR wegen eines Fußballspiels. Wir haben ein Visum bekommen mit einem Stempel, wie lange wir drüben bleiben dürfen. Wir waren in Leipzig, in Weimar, in Erfurt. Wir hatten es lässig, wir waren ja Westliche. Wir durften überall rein, die Ostdeutschen hingegen nicht. Durch all die Eindrücke, die ich damals gewonnen habe, hätte ich geschworen, dass sich nichts ändern wird an diesem System. Es war alles extrem kontrolliert, die Agierenden sehr stur. Zu Hause hat man zu dem Zeitpunkt noch nicht viel mitbekommen, der Zaunabbau hat zwar Anfang Mai begonnen, aber es war noch keine Aufbruchsstimmung zu spüren. Mit unserem Verein haben wir damals bei einer Grillparty am Gelände der Juvina gleich neben der Grenze gefeiert. Wir waren so um die 30 junge Leute, haben fest getrunken und gegessen. Plötzlich standen nach Mitternacht zwei Menschen da, ein Pärchen. Sie wären gerade von Ungarn herübergeflüchtet und kommen aus der DDR, haben sie erzählt. Ein Freund von uns und dessen Frau haben sie mit nach Hause genommen, versorgt und mit dem Bus nach Wien zur Botschaft bzw.  zum Sammellager geschickt. Damals wussten wir noch nicht viel darüber. Mit Medienberichten musste man aufpassen, weil einige Österreicher Geld damit verdienen wollten, die Ostdeutschen über die Grenze zu bringen. Die haben Geld verlangt, quasi als Schlepper.

 

Anton Fennes (66), ehem. ORF-Redakteur und Historiker.

Hart & kompromisslos

Es gab bei Sopron einen großen Campingplatz – wo jetzt das legendäre Volt Festival stattfindet. Dort waren wir sehr oft und haben Leute mit rüber genommen. Beim Silo am Bahnhof in Deutschkreutz haben wir ein Licht installiert, damit die Leute sich orientieren können. Einmal war es sehr skurril. Ich bin vom Campingplatz mit vier Leuten zu Fuß über Harka Richtung Österreich marschiert. Das Gepäck haben wir einstweilen in meinem Auto verstaut, das blieb drüben und wurde nachher von mir geholt und normal über die Grenze gefahren. Wir gingen im Dunkeln durch Harka und plötzlich fingen alle Hunde wie verrückt an zu bellen. Die Ostdeutschen waren geschockt und haben Angst bekommen. Das war so ein Lärm! Aber kein Mensch hat sich gemeldet, wir sind einfach weitermarschiert und ich hab ihnen den beleuchteten Silo gezeigt, dann bin ich zurück zum Auto. Ich muss sagen, egal wie man dazu steht, aber wenn die Ungarn nicht meist alle Augen zugedrückt hätten, wäre das nicht gegangen. Auch die Grenzpolizei, nicht alle, aber 90 %, haben wirklich weggeschaut. Aber natürlich ist das an der Grenze irgendwann aufgefallen, dass ich da dauernd mit Koffern hin- und herfahre. Einmal hat mich eine strenge ungarische Grenzbeamtin aufgehalten und gefragt, was ich da mache. Ich habe ihr offen erklärt, dass die Koffer Menschen gehören, die am Campingplatz waren und jetzt in Österreich sind – ich wollte ehrlich an ihre Vernunft appellieren. Doch sie blieb hart und ich musste die Koffer wieder zum Campingplatz bringen, sie hat das kontrolliert und ich bekam einen Vermerk in meinen Reisepass. Ich dachte mir, naja, jetzt haben sie mich halt einmal erwischt, nach ein paar Tagen war mir das aber wieder egal.

 

Die Erleichterung war groß: Ostdeutsche wurden meist nach Wien in ein Sammellager und von dort in die BRD gebracht.

 

Mit dem Auto über die Grenze

Die klasseste, aber auch enttäuschendste Geschichte ist für mich diese: Am Campingplatz in Sopron sprach mich eine junge Familie an, sie wollten rüber, haben aber ein schönes Auto bekommen von ihren westdeutschen Verwandten, einen Golf, der war vier Jahre alt. Ob ich eine Möglichkeit wisse, wie sie das Auto rüberbringen können. Ich sagte, ich kann nichts versprechen, werde aber es versuchen. Sie sollten mal rübergehen, ich habe ihnen den Weg gezeigt, ihnen das Gepäck nachgebracht. Sie haben mir die Autopapiere und -schlüssel gegeben. Ich hatte Bekannte in Sopron, durch die konnten wir das Auto in einem staatlichen Park verstecken, damit es nicht gestohlen wird, der war eingezäunt. Später habe ich nach einem Tipp eines ÖAMTC-Mitarbeiters und Bekannten und begleitet von einem ORF-Kamermann versucht, das Auto offiziell über die Grenze zu bringen. Da war da plötzlich diese strenge Grenzbeamtin und wollte uns nicht durchlassen. Wir haben stundenlang an der Grenze mit ihr diskutiert und gestritten. Viele Telefonate mit der Botschaft etc. später hat sie dann mit verbissenem Gesicht gesagt: „Fahren Sie!“ Zu Hause habe ich den Golf bei meiner Mutter in den Hof gestellt. Die Ostdeutschen waren da schon längst wieder weg. Ich habe den Mann jedoch angerufen und ihm gesagt, dass ich das Auto rübergebracht habe und er solle sich melden, wenn er es holen wolle. Eines Tages rief mich meine Mutter an und sagte mir, dass das Auto abgeholt worden sei. Ohne Danke oder weitere Worte, auch nicht bei mir.


Heidi Draxler (57), Angestellte, nahm damals mehrere Flüchtlinge bei sich zu Hause auf.

 

Mit Baby im Gefängnis

Ich werde nie vergessen, wie es damals im August 1989 um 2 Uhr nachts bei mir geläutet hat. Ich war mit meinen Kindern (damals 5 und 8 Jahre) alleine zu Hause. Peter Schöller und Toni Fennes standen vor meiner Tür mit zwei Erwachsenen und einem kleinen Mädchen – alle total zerkratzt und schmutzig. Das Kind hat mir so leid getan. Die Eltern des Kindes, Frank und Annette, erzählten mir, dass ihre befreundete Familie mit einem einjährigen Baby bei der Flucht geschnappt wurde. Ich bat daher unsere Helfer, drüben in Sopron am Campingplatz nach ihnen zu suchen, wo unzählige Ostdeutsche „Urlaub machten“. Jeder wusste, warum der andere dort war, aber keiner traute es sich laut auszusprechen. Jedenfalls haben sie Petra und Gerd mit ihrer einjährigen Tochter Linda gefunden (wir haben Plakate gemacht) und zu mir gebracht. Das Baby war voll mit Zecken, dreckig, rote Flecken am ganzen Körper und total verstört. Als Windel hatte sie das T-Shirt ihres Vaters umgebunden. Die kleine Linda war völlig ausgetrocknet und erschöpft. Ich hab sie in unser Bett gelegt, ihr ein Flascherl mit Tee gegeben und sie hat 14 Stunden durchgeschlafen. Als sie aufgewacht ist, hat sie mich angestrahlt und gelächelt. Das war ein Moment, den ich nie vergessen werde. Die beiden Familien blieben eine Woche bei mir. Zuerst fanden sie sich nur schwer zurecht. Sie wussten nicht, wie man das Wasser aufdreht, kamen mit dem Einhandmischer nicht klar, auch nicht mit dem Badewannen-Drehverschluss. Das Bidet hielten sie für ein unfertiges Klo, bei dem einfach der Deckel fehlt und haben es auch als solches benutzt. Kiwi kannten sie keine und haben inklusive Schale davon abgebissen. Einmal nahm ich Petra zum Einkaufen mit. Sie stand minutenlang mit offenem Mund vor den Regalen und fragte mich, wo das alles herkommt und warum es so viele verschiedene Marken von einem einzigen Produkt gibt. Sie wollte, dass ich gleich viel davon nehme, weil morgen ja nichts mehr da ist. Ich habe ihr ganz oft erklären müssen, dass die Regale morgen wieder genauso voll sind. Wir führten viele Gespräche, es kamen Leute vorbei, die alles über die DDR wissen wollten. Mit diesen Familien haben wir bis heute guten Kontakt. Letztes Jahr im August waren wir bei Lindas Hochzeit in Deutschland.

Vom Auto aus angehalten

Im Juni 1989, als wir noch gar nicht wussten, was da los ist und was es mit der DDR und der Flucht in den Westen auf sich hat – wir haben in der Schule ja kaum etwas darüber gelernt –, fuhr ich mit meinem Mann von einer Hochzeit nach Hause. Um vier Uhr morgens, es hat geschüttet wie aus Schaffeln, ging am Straßenrand plötzlich jemand. Ich habe auf meinen Mann so lange eingeredet, bis er umdrehte und zurückfuhr. Da hat sich der Bursche hinter dem nächsten Strauch versteckt. Wir sind stehen geblieben und haben ihn gefragt, wo er hingeht. Er hatte so viel Angst, ganz eingeschüchtert hat er gesagt: „Nach Österreich.“ Ich sagte: „Du bist in Österreich.“ Plötzlich fing er an zu laufen. Aber er wusste offenbar nicht, dass er Richtung ungarische Grenze läuft. Wir sind ihm nachgefahren und haben aus dem Auto rausgerufen, dass er stehen bleiben soll. „Du läufst nach Ungarn“, habe ich ihm nachgeschrien. Dann bekam er Panik und blieb stehen. Nach langem Zureden sagte er uns, dass er aus der DDR komme und nicht wisse, wo er hin soll. Er war ganz alleine. Da habe ich erst gesehen, dass der Junge nicht älter als 17 sein kann. Ich habe ihm gesagt, er kann bei uns übernachten. Im Auto hat er gezittert. Als wir bei uns zu Hause ankamen, stiegen mein Mann und ich aus. Aber hinten im Auto war die Kindersperre aktiv, sodass der Bursch nicht aussteigen konnte. Plötzlich fing er wild an zu schreien und war völlig verstört. Ich bin schnell hin, hab die Tür aufgerissen und ihm versucht, ruhig zu erklären, was eine Kindersicherung ist. Bei uns im Haus hat er sich dann gewaschen und ich hab ihm frisches Gewand gegeben. Dann sind wir bis sieben Uhr morgens mit ihm gesessen, haben versucht ihn zu beruhigen und ihm Mut zugesprochen. Er hat nicht viel erzählt. Kurz hat er sich hingelegt, konnte aber nicht schlafen, er wollte weiter. Mein Mann hat ihn dann wenige Stunden später nach Wien in ein Sammellager gebracht. Ich habe ihm Geld, Gewand und Essen mitgegeben, auch einen Zettel mit unseren Namen, Nummer und Adresse, aber er hat sich leider nie wieder gemeldet.

 

Heidi mit Annette (l.), deren Tochter Madeleine (die damals 6 Jahre war) und Petra bei einem Wiedersehen zum 25-jährigen Jubiläum.

 

Geld, aber nichts, was man damit kaufen könnte

Petra, die eine Woche bei uns gewohnt hat, erzählte uns oft, dass das Problem nicht gewesen sei, dass die Leute im Osten kein Geld hatten und arm waren. Das größte Problem war die Nicht-Verfügbarkeit von Produkten. Sie haben die Sachen, die sie brauchten, einfach nicht bekommen oder tagelang dafür anstehen müssen. Gerd musste neun Jahre auf seinen Trabi warten, drei Monate nachdem er ihn bekommen hatte, flüchteten sie und mussten den Wagen in Ungarn lassen, wo sie ihn bei einer Familie in der Garage unterbringen konnten. Ein Jahr später hat Petra diese Familie ausfindig gemacht und ihr nagelneuer hellblauer Trabi stand noch immer in der Garage – Petra überließ ihn der Familie als Dankeschön.

Kinder als Spitzel missbraucht

Die 6-jährige Madeleine hat uns ganz stolz erzählt, dass sie schon mal eine Banane gesehen habe. Aber nur im Fernsehen. „Im Westdeutschen“, hat sie geflüstert. Im Kindergarten mussten sie in der Früh ihr Rapport-Lied singen, das sie auch uns vorgesungen hat. Danach haben die Pädagoginnen die Kinder gefragt, ob sie gestern Abend ferngeschaut haben und welches Zeichen oben in der Ecke zu sehen war, sie zeigten auf Symbole. Und Kinder sagen halt die Wahrheit. So wurde der Stasi weitergegeben, wer westdeutsches Fernsehen geschaut hat. Annette bekam dadurch viele Probleme, sie stand daraufhin  unter ständiger Beobachtung. Sie konnte den westdeutschen Sender gut empfangen und hat ihn dann natürlich auch geschaut. Petra hingegen hatte keinen Empfang.

 

Anton Fennes und Heidi Draxler im Gespräch mit Redakteurin Nicole Schlaffer im Kaminzimmer des Cafés Goldmark in Deutschkreutz.

Veranstaltungen der VHS rund um „30 Jahre Fall Eiserner Vorhang“


Film & Gespräch

• „Die Flucht in die Freiheit“
• Stefan Schinkovits
• Di, 7.5.2019, 19 Uhr
• Deutschkreutz: Kirchenwirt, Hauptstraße 53


Themenabend

• Demokratie in Ungarn: Umbau oder Rückbau?
• Béla Rásky
• Do, 23.5.2019, 18 Uhr
• Eisenstadt: VHS, Pfarrgasse 10


Themenabend

• Der Fall des Eisernen Vorhangs und die Auswirkungen auf das Burgenland
• Peter Limbeck
• Do, 6.6.2019, 19 Uhr
• Nickelsdorf: Kunsthaus Kugel, Untere Hauptstraße 54

Nähere Infos und mehr Veranstaltungen unter www.vhs-burgenland.at

 

Fotos Viktor Fertsak, beigestellt