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Lifestyle | 21.04.2020

Warum wir einander brauchen

Katharina Scherke lehrt am Institut für Soziologie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Mit der BURGENLÄNDERIN sprach sie darüber, wie Menschen gemeinsam auch große Krisen bewältigen können.

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© Shutterstock

Die Corona-Pandemie verlangt dem Land und den Menschen viel ab. Entgegentreten können wir ihr nur mit gelebter Solidarität. Was das eigentlich heißt und warum dieses Füreinander-Dasein für uns Menschen so überlebensnotwendig ist, weiß Soziologin Katharina Scherke.


BURGENLÄNDERIN: Was genau bedeutet eigentlich Solidarität?

Katharina Scherke: Solidarität wird umgangssprachlich gerne mit Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit assoziiert. Auch Empathie und ein Gefühl, sich in derselben Lage zu befinden wie andere, oder sich zumindest in die Lage anderer hineinversetzen zu können, wird dahinter vermutet. Die Soziologie versteht „Solidarität“ darüber hinaus vor allem als Begriff, der eine notwendige Voraussetzung gesellschaftlichen Zusammenlebens beschreibt. Solidarität meint dabei gerade nicht nur die persönlich motivierte Zuwendung zu anderen, sondern die Tatsache des gesellschaftlichen Aufeinander-Angewiesen-Seins.

Warum handeln Menschen solidarisch?

Der Mensch ist kein Einzelwesen, sondern stets in Gruppen und deren soziale Regeln eingebunden – auch wenn wir das in der heutigen Zeit der individualisierten Spätmoderne manchmal vergessen. Unabhängig von persönlichen Sympathien oder Antipathien ist ein gewisses Maß an gesellschaftlicher Solidarität nötig, um das Funktionieren sozialer Ordnung zu gewährleisten. Die Einhaltung von Regeln des Zusammenlebens, auch und gerade unbekannten Anderen gegenüber, ermöglicht erst den reibungslosen Ablauf des Alltags in arbeitsteiligen modernen Gesellschaften.  Dies wird gerade auch in der gegenwärtigen Krise sichtbar, in der wir scheinbar vereinzelt zu Hause sitzen, um Infektionsketten zu unterbrechen. Das Funktionieren von Strom- und Wasserversorgung, Telekommunikation sowie Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung usw. beruht auf einem Ineinandergreifen der Aktivitäten vieler Akteure, die sich persönlich zumeist gar nicht kennen, die jedoch auf Basis allgemeiner Regeln ihrer Arbeit nachgehen und damit zum Funktionieren der Gesellschaft beitragen.

 

"Krisen machen uns bewusst, wie viel wir im Alltag als selbstverständlich annehmen.", Katharina Scherke, Soziologin © Sissi Furgler Fotografie

 

Wenn man gemeinsam eine globale Krise wie im Moment durchlebt und sie dann (hoffentlich) auch durch diese gelebte Solidarität meistert – welche Auswirkungen hat das auf die Gesellschaft?

Krisen, wie die gegenwärtige, bewirken, dass uns die Selbstverständlichkeiten des Alltags bewusst werden; sie machen sichtbar, was sonst unhinterfragt abläuft. Die Krise beinhaltet auch die Chance, sich die Vielzahl der in einer modernen Gesellschaft notwenigen Abläufe und Tätigkeiten bewusst zu machen und diese neu wertzuschätzen. Hierzu zählen beispielsweise auch die Grund- und Freiheitsrechte (z. B. Versammlungsfreiheit), die krisenbedingt derzeit eingeschränkt werden, deren Wert aber erst in dieser Zeit des zeitweiligen Verlustes für viele fassbar wird. Ungewöhnliche Situationen erlauben auch das Durchbrechen von Alltagsroutinen, man spricht etwa mit fremden Leuten über die Krise, mit denen man sich sonst nicht unterhalten würde, obwohl man sie vielleicht vom Sehen her kennt (auch und gerade während man den empfohlenen Sicherheitsabstand einhält). Die Krise weist insofern ein verbindendes Element auf: Alle sind davon betroffen, es ist also legitim, darüber ein Gespräch anzufangen und die sonst geltende Anonymität zu durchbrechen oder auch einen Zettel im Hauseingang aufzuhängen, dass man bereit wäre, für jemanden einkaufen zu gehen. Dieses Durchbrechen von Routinen kommt nicht nur zwischen Unbekannten zum Tragen; man sorgt sich in der Krise auch, wie es nahen oder fernen Freunden und Bekannten geht, nimmt Kontakt auf, um sich auszutauschen oder nur um zu erfahren, dass ohnehin alles in Ordnung ist – Kommunikation, die im Normalbetrieb des Alltags manchmal unterbleibt, da jeder mit sich selbst beschäftigt ist.

Aber die Krise hat ja nicht nur positive Folgen, oder?

Krisen gehen immer auch mit Angst einher – Angst einerseits im aktuellen Fall vor den unklaren Krankheitsfolgen der neuen Virusinfektion, andererseits auch Angst vor den wirtschaftlichen und persönlichen Folgen des jetzigen Ausnahmezustandes. Moderne Gesellschaften zeichnen sich durch eine Vielfalt der Lebenslagen aus; dies gilt gerade auch für Krisen. Soziale Ungleichheit führt zu unterschiedlichen Möglichkeiten, mit der Krise umzugehen – die Betroffenheit variiert mit dem Lebensalter, der Berufstätigkeit, der Wohnsituation. Daher sind auch schwer einheitliche Lösungen in einer Krise zu finden. Ansteckung vermeiden ist die Hauptdevise; man muss dabei aber bedenken, dass dies einigen leichter fällt als anderen. Die Kosten der Krise werden unterschiedlich verteilt sein (je nachdem, ob man in einer Branche tätig ist, die nun zum Stillstand gezwungen ist und in der Arbeitsplätze gefährdet sind, oder ob man zu jenen gehört, denen die Krise ungeahnte Verdienstchancen einbringt). Die Stärke gesellschaftlicher Solidarität wird sichtbar, wenn es gelingt, die Ängste, Gefährdungen und Potenziale der Krise auszutarieren.

Was macht diese notwendige soziale Isolation mit uns?

Es fällt auf, dass jetzt vielfach gutmeinend in den Medien nahegelegt wird, das Zuhausesein für all jene Tätigkeiten zu nutzen, die man schon lange vor sich herschiebt und immer schon einmal machen wollte: gründlicher Frühjahrsputz, Einsortieren von Fotos, Yogaübungen usw. Ich denke, man muss bei diesen Hinweisen sehr vorsichtig sein. Es ist ja nicht so, dass die Ausgangsbeschränkungen einfach zusätzliche Freizeit bedeuten. Im Gegenteil: All jene, die nun von zu Hause aus arbeiten müssen, werden feststellen, dass manche Tätigkeiten zu Hause länger dauern als im Büro (fehlende Infrastruktur, langsames WLAN usw.). Wer gewohnt ist, außer Haus essen zu gehen, kocht jetzt selbst, was ebenfalls zusätzlichen Zeitaufwand bedeutet. Auch die Kinderbetreuung, die sonst anders geregelt ist, lenkt von den eigentlich zu erledigenden Arbeitstätigkeiten ab. Man muss sich meiner Ansicht nach von der Fiktion verabschieden, dass man wie gewohnt arbeiten kann und noch dazu mehr Freizeit zu Hause hat. Das erzeugt nur unnötigen Zusatzstress, weil man angesichts der Ausnahmesituation diesen Ansprüchen einfach nicht gerecht werden kann.