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Lifestyle | 02.10.2020

Wie viel Eltern braucht ein Kind?

Wie fördert man Selbstständigkeit? Wo beginnt Überbehütung, was ist Vernachlässigung? Was können Pädagog*innen leisten? Der Expertinnentalk zum Schulstart.

Vor 100 Jahren war Erziehung leichter“, ist die Kinder- und Jugendpsychologin Daniela Plohovits-Kittelmann überzeugt. Sie war eine der Expertinnen in einer fesselnden Diskussion, die wir an der Pädagogischen Hochschule Burgenland (PH) führen durften. Am runden Tisch saßen weiters Vizerektorin Inge Strobl-Zuchtriegl, sie unterrichtete 23 Jahre lang Kinder, ehe sie zur Lehrerfort- und -weiterbildung wechselte, sowie Marie-Laure Mörz, Lehrerin am Gymnasium, PH-Mitarbeiterin und ausgebildete Elementarpädagogin. Im Fokus stand ein Thema, das uns mit und ohne Pandemie beschäftigt: Wie können Kinder beim Heranwachsen gut begleitet werden?

 

 

Dem Schulmonster keine Chance geben. Wenn sich daheim jeder Konflikt nur um die Schule dreht, ist es kein Wunder, dass es dort Probleme gibt, sind sich die Expertinnen Daniela Plohovits-Kittelmann (v. l.), Marie-Laure Mörz und Inge Strobl-Zuchtriegl einig (im Talk mit Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi). © Vanessa Hartmann


BURGENLÄNDERIN: Der Eintritt in die Volksschule bewegt Kinder und Eltern. Wie verändert sich das Kind in dieser Zeit?

Daniela Plohovits-Kittelmann: Die größte Veränderung passiert bereits im letzten Kindergartenjahr. Da tut sich kog­nitiv, körperlich und auch emotional sehr viel. Wir sprechen von der 5-Jahres-Krise, die meiner Meinung nach oft genauso schwer ist wie die Trotzphase oder die Pubertät. Kinder sind da wie durch den Wind. Wenn sie jetzt auch noch hören: „Wart nur, wenn die Schule beginnt!“ – da werden sie noch mehr verunsichert. Viele haben keine Vorstellung davon, was Schule ist, und der Beginn von etwas Neuem ist immer mit Angst verbunden, das ist uns angeboren. Es kann Wochen und Monate dauern, bis Vertrauen da ist. Kinder brauchen Begleitung, Unterstützung, Sicherheit. Sehr gut finde ich die sogenannte Transition, dass man Kindergartenkindern die Möglichkeit gibt, die Schule kennenzulernen.

 

Wie können Eltern und Pädagog*innen die Kinder unterstützen?

Marie-Laure Mörz: Man muss Kindern ein positives, aber realistisches Bild von der Schule geben. Jede Veränderung ist auch mit Freude und Neugier verbunden, das kann man auch zelebrieren. Die Schultüte ist hier ein wunderschöner Brauch.

Inge Strobl-Zuchtriegl: Rituale und Strukturen helfen Kindern, sich zu orientieren. Wenn das Kind weiß, woran es ist, entstehen Vertrauen und Geborgenheit. Dieser Beziehungsarbeit widmen wir auf der PH einen Schwerpunkt, besonders Lehrer*innen in der ersten Klasse sind starke Bezugspersonen. Sie sollten den Kindern umso mehr mit Achtsamkeit begegnen: ihnen offen entgegengehen, sie beobachten und sie nicht in Schubladen stecken. Gleichzeitig muss ich Lehrer*in bleiben; ich bin kein/e Freund*in.

Plohovits-Kittelmann: Schulreife lässt sich nicht in letzter Minute antrainieren, es ist ein Prozess, der im Babyalter anfängt. Ein Schlüssel ist die altersadäquate Selbstständigkeitserziehung. Sämtliche Studien zeigen, dass die Leistungsmotivation, also wie eifrig ein Kind von sich aus lernt, stark mit der Selbstständigkeit zusammenhängt. Tisch aufdecken, Gewand wegräumen, Bleistifte selbst spitzen – all diese Dinge fördern auch die Leistungsmotivation in der Schule.

Wie weiß man, was wann altersadäquat ist? Ab wann darf ein Kindergartenkind mit dem Messer schneiden?

Plohovits-Kittelmann: Vor 100 Jahren war es leichter, heute gibt es Erziehungsratgeber, Talk-Shows, jede Freundin sagt was anderes, das verunsichert. Das Wichtigste ist: auf das Bauchgefühl hören. Eltern haben in sich drinnen, was sie ihren Kindern zutrauen können. Wenn ich zittere, während das Kind schneidet, wird es sich schneiden, weil es spürt, dass die Mama ihm das nicht zutraut. Das macht keinen Sinn. Hier könnten wir noch lange die Überbehütung diskutieren …

Strobl-Zuchtriegl: Ich bin erstaunt, wenn zu unserem Infotag an der PH die 18-Jährigen mit ihren Eltern kommen. Was sage ich dem „Kind“ damit, wenn ich es dorthin begleite, wo es in drei Monaten studieren soll?

Plohovits-Kittelmann: Wir wissen heute: Die überbehütete Erziehungsform führt zur erhöhten Unfallneigung bei Kindern. Man traut ihnen zu wenig zu, da können sie ihre Selbstwirksamkeit, Selbstständigkeit und ihr Selbstvertrauen nicht entwickeln. Natürlich können schon die Kleinen mit dem Messer schneiden; vielleicht gibt man ihnen nicht einen Samurai-Schwert, sondern ein Küchenmesser (lacht).

Mörz: Der Kindergarten in Österreich basiert auf den Grundlagen von Maria Montessori; eine Kernaussage: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Das kann man genauso in die Erziehung integrieren. Es gibt verschiedene Übergänge, wo das Kind mehr Begleitung braucht. Aber wenn es gut läuft, dann kann man immer mehr loslassen. Hier können auch Pädagog*innen unterstützen, den Eltern dieses Vertrauen zu geben.

Wie wichtig ist es für Pädagog*innen, zu wissen, wie das private Umfeld des Kindes ist?

Strobl-Zuchtriegl: Es ist immer wichtig, auf das zu schauen, was sich rund um das Kind tut. Vielleicht streiten die Eltern, vielleicht hat es ein krankes Geschwisterchen; wie soll es sich da auf die Schule konzentrieren können?

Plohovits-Kittelmann: Schule ist mehr als ein Ort für Wissensvermittlung. Es ist Lebensraum, das Kind nimmt seinen Ballast mit. Wir wissen, dass Kinder, die zu Hause Probleme haben, außerhalb Ansprechpartner*innen suchen. Das sind oft Lehrer*innen oder Vereinstrainer*innen, denen sie Signale senden – aber nur dann, wenn eine Bindung da ist.

Mörz: Je mehr ich über die Situation weiß, desto besser kann ich das Kind verstehen, desto adäquater und einfühlsamer kann ich agieren.

 

Statements

Stichwort Selbstständigkeit: Sollten Eltern bei der Hausübung dabeisitzen und Fehler ausbessern?

Plohovits-Kittelmann: Sie brauchen anfangs Unterstützung, aber das sollte immer weniger werden. Viele Eltern und Kinder sehen das Hausaufgabenmachen als Beziehungszeit, manche Kinder trödeln dann absichtlich, um mehr Zeit zu bekommen (schmunzelt). Die meisten tun sich aber gut damit, wenn sie ein Beziehungsangebot bekommen: „Wenn du den Text gemacht hast, spielen wir Uno.“

Mörz: Gerade beim Übergang in die Volksschule kann man mit dem Kind gemeinsam überlegen, wo es seine Hausübungen machen, wo es seine Hefte ordnen wird. Aber mit der Zeit muss es die Verantwortung übernehmen. In der Gesellschaft sind Fehler leider negativ behaftet, aber es sind Chancen, sich weiterzuentwickeln. Ein schönes Beispiel habe ich beim Hospitieren erlebt: Eine Erstklasslerin hat sich bei der Lehrerin entschuldigt, weil sie ihre Hausübung wegen eines Arzttermins nicht machen konnte. Sie hat versprochen, sie nachzubringen. Die Lehrerin hat gesagt: „Du hast dich entschuldigt, eine Begründung gegeben und eine Lösung vorgeschlagen – das ist perfekt!“ Dem Kind wurde ein wichtiges Instrument in die Hand gegeben; es weiß: Es kann mal was schiefgehen, aber ich bin nicht verloren.

Das Thema Schule führt daheim oft zu konfliktreichen Situationen. Wie kann man dem entgegenwirken?

Plohovits-Kittelmann: Es ist furchtbar, wenn das Schulmonster einzieht, wenn sich daheim alles nur noch um die Schule dreht und das Erste, was das Kind hört, wenn es nach Hause kommt, ist: „Was hast du auf den Test?“ Ich empfehle: Empfangen Sie das Kind als Kind, reden Sie einmal eine halbe Stunde gar nicht über die Schule. Die Vorpubertät setzt im Volksschulalter ein; das bedeutet: Die Kinder brauchen Reibung. Wenn man sich nur über die Schule reibt, darf man sich nicht wundern, dass es dort Probleme gibt. Es ist besser, über das unaufgeräumte Zimmer zu matschkern. Ich sage: Je mehr Reibungspunkte man hat, umso besser.

Mörz: Studien zeigen, dass Schulprobleme den Familienalltag sehr belasten. Das ist sehr traurig. Ich erlebe auch, dass Kinder die Schularbeiten zurückbekommen und sofort die Mama anrufen. Und dann gibt es auch Tränen, weil die Mama über einen Dreier enttäuscht ist. Viele sind berufstätig, haben keine Zeit, aber man kann als Eltern einfallsreich sein. Um die Kinder zu unterstützen, muss es nicht die Hausübung sein, gemeinsames Radfahren bringt beispielsweise für die Motorik viel, was wiederum für das Schreiben wichtig ist.

Strobl-Zuchtriegl: Wir reden darüber, wie man Kinder unterstützen kann, aber es gibt leider nicht nur lauter behütete Kinder. Es gibt auch Kinder, die nicht einmal ein Frühstück bekommen; insbesondere hier sind Pädagog*innen gefordert, zu schauen, wie es für das Kind zu Hause ausschaut.

Plohovits-Kittelmann: Kinderarmut geht in die Höhe, viele Kinder werden in ein belastetes Familiensystem geboren, wo eine psychische Krankheit da ist; in vielen Familien gibt es ein massives Alkoholproblem. Wir haben im Burgenland 56.000 Kinder und Jugendliche, ein Viertel hat ein psychisches Problem; das sind pro Klasse drei bis fünf Kinder, die ein Thema haben. Aber ganz viele Kinder werden mit ihren Sorgen und Problemen alleingelassen. Leider fehlt es oft auch an psychologischer Unterstützung, weil es kaum kassenfinanzierte Plätze gibt.
Strobl-Zuchtriegl: Die Gesellschaft delegiert sehr viel an die Schule. Unsere Studierenden müssen auch lernen, inwieweit sie als Lehrer*in gefragt sind, wann sie sich Unterstützung holen müssen. Pädagog*innen können nicht Kinder therapieren und sind für deren Erziehung nicht allein verantwortlich.

Apropos Erziehung: Dürfen geschiedene Eltern unterschiedlich erziehen, dürfen sie unterschiedliche Regeln haben?

Plohovits-Kittelmann: Ja, so wie es auch andere Regeln beispielsweise bei der Oma gibt. Seit 2013 gibt es ein Gesetz, das nach einer Scheidung eine psychologische Beratung für Familien mit minderjährigen Kindern vorschreibt. Das mache ich auch und erkläre dabei: Zwischen Mama und Papa war einmal Liebe, dann ist der Blitz reingefahren und hat die Liebe zerstört, das passiert. Jetzt müssen wir eine Schutzmauer machen, damit der Blitz nicht auch das Kind zerstört.
Da gibt es Enttäuschungen und Kränkungen zwischen den Eltern, aber leider wird das sehr oft über die Kinder transportiert: „Sag der Mama, sie soll mehr Englisch mit dir lernen.“ – „Hat der Papa nur ferngeschaut mit dir?“ Daran zerbrechen Kinder, das ist keine Schutzmauer. Beide können ihre Regeln machen, aber sie dürfen nicht über den anderen urteilen.

Strobl-Zuchtriegl: Wie können Pädagog*innen mit solchen Situationen umgehen?

Plohovits-Kittelmann: Indem man das Kind fokussiert und es anspricht: „Ich habe das Gefühl, du hast deine Fröhlichkeit verloren.“ Auch mir als Psychologin erzählen Kinder oft, was sie belastet. Schon alleine die Möglichkeit, dass ein Kind einen geschützten Ort und eine vertraute Person hat, der es erzählen kann, wie es ihm geht, hilft enorm. Wo es nicht hört: „Bis du heiratest, ist alles wieder gut.“ Man kann sagen: „Ich merke, das macht dich traurig. Bist du wütend auf deine Eltern, dass sie sich getrennt haben? Haben sie sich dafür entschuldigt bei dir?“

Vom psychischen zum Termin-Stress, den oft schon Volksschüler*innen haben. Was ist ein gesundes Ausmaß an Aktivitäten?

Strobl-Zuchtriegl: Wer macht den Stress, den die Kinder haben? Wir Erwachsenen sind es oft, wenn wir zu viel Leistung einfordern. Aber: Was wollen die Eltern? Was will das Kind?

Mörz: Es heißt, lernen soll Spaß machen, aber es ist auch anstrengend. Es ist besser, hier nachmittags ein bisschen bescheidener zu sein …

Plohovits-Kittelmann: Viele Kinder haben alles verplant und wenn sie dann mal eine unverplante Zeit haben, können sie damit nichts anfangen und brauchen einen Animateur. Der schönste Satz ist: „Mir ist fad.“ Daraus kann sich viel Gutes entwickeln. In der Dauerberieselung geben wir den Kindern oft keine Möglichkeit, runterzukommen und sich zu entspannen. Dabei wissen wir heute, dass die Konzentrationsfähigkeit dann sehr gut ist, wenn auch die Entspannungsfähigkeit sehr gut funktioniert. Darum sage ich: Ein, maximal zwei Dinge am Nachmittag – und ganz viel Langeweile!