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Lifestyle | 20.11.2020

Kommunikation als Lebenselixier

Sie sind bekennende Nachrichten-Junkies und produzieren täglich News für uns: vier ORF-Burgenland-Journalistinnen im Talk über Drucksituationen, Ungerechtigkeiten und Jesus als Interviewpartner.

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Man kann sie hierzulande fast nicht nicht kennen. Wir diskutierten mit vier Frauen, die seit mehr als 20 Jahren federführend in der Nachrichten- und Programmgestaltung des ORF Burgenland sind: Silvia Freudensprung-Schöll, Elisabeth Pauer, Patricia Spieß und Vera Ulber-Kassanits.


BURGENLÄNDERIN: Ob nun als TV- und Radioredakteurin, als Chefin vom Dienst oder als Moderatorin: Ihr brennt alle für eure Mission. Wie definiert ihr guten Journalismus?

Elisabeth Pauer: Nachfragen, nachfragen, nachfragen. Es geht darum, Fakten zu recherchieren, nicht alles hinzunehmen, was gesagt wird, und stets objektiv zu bleiben.

Patricia Spieß: Wichtig ist auch Einfühlungsvermögen bei Interviews, andererseits darf man sich – gerade bei der Politikberichterstattung – nicht instrumentalisieren lassen.

Vera Ulber-Kassanits: Guten Journalismus macht auch aus, dass man das bei Pressekonferenzen Vermittelte für die Zuhörer*innen und Zuseher*innen in Relation setzt und aufzeigt, was die Konsequenzen sind.

Silvia Freudensprung-Schöll: Zudem nützt es nichts, wenn ich mich im Fachjargon versteige; wir sind ein regionales Medium, die Informationen sollen für ein möglichst breites Publikum spannend sein.

Radio und Fernsehen waren lange die schnellsten Medien, dann kam das Internet und zuletzt auch die sozialen Medien – wie seht ihr diesen Wandel?

Patricia Spieß: Es baut einen gewissen Druck auf, weil die Infos einerseits schnell kommen, andererseits – gerade über soziale Medien – nicht immer stimmen. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es oft doch besser ist, einen Schritt zurück zu machen und zu warten. Wir (Journalist*innen, Anm.) glauben immer, alles muss so schnell gehen, das ist aber für viele Menschen gar nicht so relevant. Ein Beispiel: In einer Arztpraxis hat mir einmal eine Dame gesagt, sie liest immer erst am Montag die Zeitung vom Freitag.

Vera Ulber-Kassanits: Am Anfang unserer Laufbahn war Radio das erste Medium. Heute geht eine Stunde nach einer Pressekonferenz die Internetmeldung online. Auch das Publikum hat sich verändert; die Generation meiner Tochter informiert sich nur noch übers Internet.

Was bedeutet das für die Zukunft von Radio und Fernsehen?

Elisabeth Pauer: Regionale Informationen und Landesstudios werden auf jeden Fall bestehen bleiben. 19 Uhr ist für viele ein Fixtermin (für die regionalen Abendnachrichten „Burgenland heute“, Anm.), auch die ORF-TVthek bringt uns wahnsinnig viel. In Krisenzeiten oder im Wahlkampf ist immer noch Fernsehen DAS Medium. Wir müssen aber auch dranbleiben und neue Formate entwickeln – wie beispielsweise „TV kompakt“: Dabei werden auf Facebook in einer Minute die wichtigsten Themen des Tages zusammengefasst.

Wie haltet ihr es privat und beruflich mit sozialen Medien? Trennt ihr da?

Patricia Spieß: Ich bin nur auf Twitter, alles andere ist mir zu viel. Trotzdem habe ich noch immer alles erfahren, was ich wissen muss.

Vera Ulber-Kassanits: Ich habe einen Instagram-Account, da poste ich privat und manchmal in Verbindung mit dem Beruf. Aber ich beliefere auch den ORF-Account, das ist mir ein persönliches Anliegen.

Elisabeth Pauer: Ich vermische schon Privates und Berufliches, aber mit sehr viel Bedacht.

Vera Ulber-Kassanits: Du hast als Moderatorin – als Gesicht von „Burgenland heute“ – ein anderes Standing.

Elisabeth Pauer: Ich habe auch von meiner Hochzeit gepostet (mit Michael Gerbavsits, Anm.). Aber ich nutze So­cial Media ebenso, um ORF-Sendungen anzukündigen.

Silvia Freudensprung-Schöll: Ich halte es wie Elisabeth; ich bin auf Facebook und ein wenig auf Twitter und Instagram aktiv. Auf Facebook poste ich zum Großteil meine Geschichten oder teile die meiner Kolleg*innen. Wogegen ich mich komplett verwehre, ist es, Fotos von meinem Sohn (10 Jahre alt, Anm.) zu posten.

In Wahl- oder Krisenzeiten nimmt Kommunikation für viele einen anderen Stellenwert ein. Wie erlebt ihr das?

Patricia Spieß: Im Wahlkampf stehen Politiker*innen und Pressesprecher*innen unter Druck, den sie auch oft an uns weitergeben. Ich bin schon mehrmals am Telefon angebrüllt worden; das darf man dann nicht so ernst nehmen und nicht zu verschreckt sein, sich aber auch nicht alles gefallen lassen.

Elisabeth Pauer: In der Corona-Krise erhalten wir regionale Medien noch mehr Zuspruch. Die Leute vertrauen uns, dass sie wichtige und richtige Informationen bekommen.

Vera Ulber-Kassanits: Die Quoten sind gestiegen, die Menschen wollen objektiv und seriös informiert werden, das haben wir gut geschafft: in einem Mega-Wahljahr, mit Corona, Commerzialbank und Isolation.

Elisabeth Pauer: Corona war von Beginn an eine Herausforderung. Niemand hat damit gerechnet, was dann über uns hereingebrochen ist. Kultur und Sport sind zunächst weggebrochen, auf der Info-Redaktion ist sehr viel Druck gelastet.

Silvia Freudensprung-Schöll: Nach der ersten Schockstarre ist es dann in der Kultur losgegangen. Ich habe von Anfang an gesagt, da wird noch einiges passieren, ich kenne unsere burgenländischen Kulturschaffenden. Gerade aus der Kultur entsteht ganz viel. Viele Künstler*innen waren im Lockdown zu Hause, haben Wege gesucht, mit der Situation umzugehen. Dann sind nach und nach die Geschichten eingetrudelt. Was die alles an Projekten auf die Beine gestellt haben! Nach einigen Wochen ist eine richtige Aufbruchstimmung entstanden.


im Talk mit …

Manche Menschen sagen, dass sie – wenn auch nur mal zwischendurch – auf Nachrichten verzichten. Könnt ihr das nachvollziehen?

Silvia Freudensprung-Schöll: Ich reduziere schon mal, wenn es mir zu viel wird, aber ganz weglassen kann ich sie nicht. Zur Ablenkung lese ich ein Buch oder schaue eine romantische Komödie.

Vera Ulber-Kassanits: Ich bin ein Nachrichten-Junkie; das ist wahrscheinlich ungesund, aber das Erste, das ich in der Früh mache, ist Nachrichten hören, auf orf.at und burgenland.orf.at schauen – und das ist auch das Letzte, das ich vor dem Schlafengehen mache. Ich sauge alles an Info auf, was ich kriegen kann.

Patricia Spieß: Das gehört für uns zum Leben dazu. Aber ich verstehe, dass das einigen außerhalb der Branche zu viel ist. Ich merke auch immer mehr, wie sehr die vielen Informationen die Leute schon anstrengen. Eine Zeit lang habe ich auch nachts, wenn ich aufgewacht bin, das Handy genommen und Internet-Nachrichten abgerufen. Das habe ich gestoppt und schalte jetzt mein Handy nachts aus.

Denkt ihr, dass die Pandemie gesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen wird?

Patricia Spieß: Ich glaube, die Sozial- und Wirtschaftskrise hat erst begonnen; wie sich das entwickelt, kann man noch nicht abschätzen. Ich habe kürzlich darüber gelesen, dass die Krise sich auf die Reichen und Superreichen überhaupt nicht negativ ausgewirkt hat, dafür umso mehr auf die kleinen Leute.

Elisabeth Pauer: Wir haben einen extremen Schub beim Thema Home­office gemacht. Ich glaube, viele Firmen werden in Zukunft die Räumlichkeiten für ihre Mitarbeiter*innen reduzieren, weil viele von zu Hause arbeiten werden.

Patricia Spieß: Man muss aber aufpassen, dass dafür auch Richtlinien geschaffen werden. Homeoffice ist einerseits bequem, andererseits fehlt uns die Kommunikation in der Redaktion.

Silvia Freudensprung-Schöll: Du bist zu Hause vielleicht sogar produktiver, aber ich vermisse den persönlichen Austausch, das konstruktive Gespräch. Zwischenmenschliche Beziehungen sind gerade im Journalismus sehr wichtig.

Vera Ulber-Kassanits: Es fehlt das gemeinsame Brainstorming, bevor wir rausfahren, um eine Geschichte zu machen. Eine Skypekonferenz kann eine normale Redaktionssitzung nicht ersetzen. Auch dass wir wöchentlich getrennte Teams haben (als Corona-Vorsichtsmaßnahme, Anm.) ist eine große Einschränkung. Dafür hatten wir bisher keinen positiven Corona-Fall im Haus.

Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, seien es die ehemalige Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein oder bekannte Schauspielerinnen, werden häufig nach Äußerlichkeiten beurteilt. Auch ihr steht in der Öffentlichkeit; kennt ihr das auch?

Vera Ulber-Kassanits: Als Chefin vom Dienst weiß ich: Ein Moderator hat vier, fünf Anzüge, ein paar weiße und blaue Hemden und zehn Krawatten und kommt damit Jahre aus. Moderatorinnen müssen jeden Tag einen extremen Aufwand betreiben, um super auszuschauen; auf ihnen lastet extremer Druck.

Elisabeth Pauer: Was ich oft für Reaktionen bekomme! Bei Frauen ist die Erwartung groß, dass sie immer tipptopp aussehen.

Woher kommen solche Reaktionen?

Elisabeth Pauer: Das sind oft Anrufe beim Kundendienst und Mails; man muss aber sagen, dass auch nette Sachen kommen, beispielsweise Anfragen, woher das Outfit kommt.

Patricia Spieß: Als TV-Journalistin reicht es leider nicht, kompetent zu sein. Ein Mann kann dick und glatzköpfig sein, starke Brillen tragen, das ist egal. Als Frau ist das – diplomatisch ausgedrückt – schwierig.

Silvia Freudensprung-Schöll: In jungen Jahren hatte ich ein Erlebnis, das mich sehr geprägt haben dürfte. Ich habe meine neue Brille im Fernsehen getragen, eine schöne schwarze mit schwarz-rot-weißen Streifen seitlich an den Bügeln. Danach war ein richtiger Sturm, ich soll doch das Gestell vom Gesicht nehmen. Seither habe ich immer Kontaktlinsen getragen.

Patricia Spieß: Wir Frauen setzen uns auch selbst unter Druck, aber der Druck von außen ist oft noch viel stärker.

Können wir das nicht abwenden?

Patricia Spieß: Fernsehen ist ein optisches Medium. Keine von uns will schlecht aussehen, Mode macht auch Spaß. Auch Männer wollen gut aussehen, die haben es dennoch leichter.

Vera Ulber-Kassanits: Brigitte Bierlein hatte am Anfang Freude und Lust an der Mode, hat sich dann aber im Laufe der Monate immer mehr zurückgehalten.

Patricia Spieß: Man darf nicht vergessen, dass der Dresscode in der Politik Macht signalisiert; trägt eine Frau beispielsweise Rüschen, erreicht sie genau das nicht. Der Bundeskanzler hat auch immer dasselbe an; kein Mann wird in der Politik den Dresscode verletzen.

Wie steht ihr zum Thema Gendern und Frauenquoten?

Patricia Spieß: Ich finde es traurig, dass man 2020 darüber noch diskutieren muss. Ich bemühe mich sehr, darauf zu achten, wir haben eigene Genderseminare, in denen wir Methoden lernen, wie man gendern kann, ohne zu verlängern.

Vera Ulber-Kassanits: Ich achte sehr darauf und animiere die Kolleg*innen auch dazu, dass wir mehr Expertinnen auftreten lassen.

Fragt ihr auch mal lieber eine Frau aus der zweiten Reihe für ein Interview an anstatt eines Direktors in der ersten? Seid ihr bemüht, mehr Frauen vor den Vorhang zu holen?

Vera Ulber-Kassanits: Wir versuchen es immer wieder, aber oft wollen die Leute in der ersten Reihe die in der zweiten nicht nach vorne lassen. Das ist leider so.

Elisabeth Pauer: Andererseits kommt es auch oft vor, dass Expertinnen, die wirklich gut sind, absagen.

Patricia Spieß: Das ist ein gesellschaftliches Problem. Wir leben noch immer in einer männerdominierten Welt, Frauen sind die erste Reihe noch nicht so gewohnt und oft von Selbstzweifeln geplagt. Wenn eine Chefposition zu vergeben ist, habe ich noch nie von einem Mann gehört: „Das traue ich mir nicht zu.“ Von Frauen schon, wir sind viel selbstkritischer.

Silvia Freudensprung-Schöll: In der Kultur (darauf liegt hauptsächlich ihr journalistischer Fokus, Anm.) ist das etwas anders. Künstlerinnen brauchen die Öffentlichkeit, sie haben das gelernt. Aber auch in der Kunst mussten sich die Frauen ihre Position hart erarbeiten.

Elisabeth Pauer: Ich habe schon Diskussionen moderiert, in denen ich die einzige Frau war. Einmal hat danach ein Deutscher zu mir gesagt, in Deutschland wäre das nicht mehr möglich.

Ihr habt bereits unzählige spannende Menschen interviewt. Welche Persönlichkeit, die nicht mehr unter uns weilt, hättet ihr gerne interviewt?

Patricia Spieß: Ich würde gerne Jesus interviewen (alle lachen). Jetzt seid ihr überrascht! Ich würde ihn gerne fragen, ob er sich das so vorgestellt hat, was die katholische Kirche aus seinen Lehren gemacht hat: Scheiterhaufen, Männerhierarchien, aus Stein gehauene Protzbauten …

Vera Ulber-Kassanits: Ich würde Jacky Kennedy zum Interview bitten. Sie war Journalistin, Lektorin, verheiratet mit JFK, der sie unter anderem mit Marilyn Monroe betrogen hat. Sie hat ihren Sohn verloren, war dann mit Onassis verheiratet … Manche Menschen haben so viel Leben in ihrem Leben, dazu würde ich sie befragen. Sie war eine interessante Persönlichkeit, eine Stilikone und auch eine Bürgerrechtlerin.

Silvia Freudensprung-Schöll: Ich hätte gerne ein Interview mit Audrey Hepburn geführt. Ihre Filme wurden ein Erfolg, obwohl sie eigentlich Balletttänzerin werden wollte. Sie war mit Mel Ferrer verheiratet und war UNICEF-Sonderbotschafterin; sie hat mehr geleistet, als nur das hübsche, nette Mädchen zu sein. In meiner Jugend haben viele gesagt, ich erinnere sie an sie: fragil und stark zugleich. Das hat mir getaugt.

Elisabeth Pauer: Ich war letztes Jahr im Gefängnis von Nelson Mandela; ihn hätte ich gerne kennengelernt. Fast 30 Jahre Gefängnis haben ihn nicht gebrochen; er hat danach weiterhin versucht, das System zu ändern – und das, ohne Rache zu üben.

 

 

Geballte journalistische Power.
Silvia Freudensprung-Schöll, Vera Ulber-Kassanits, Elisabeth Pauer, Patricia Spieß, Nicole Schlaffer und Viktória Kery-Erdélyi (v. l.)