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Lifestyle | 22.06.2017

Missverständnisse zwischen Frau und Mann

Sie sagt: Ja. Er versteht: Ja. Sie meint: Nein. Weil „ja“ eben „nein“ bedeutet. Manchmal. Situationselastisch. Ist doch logisch!

Er will sie nicht? Er, will sie nicht? Er will, sie nicht? Er will sie, nicht? Die Sache zwischen Frauen und Männern lässt auf beiden Seiten viel Raum für Interpretation. Männer kommen halt vom Mars, Frauen von der Venus. Wir lieben sie, aber öfter einmal überlegen wir: Verstehen sie uns einfach nicht? Wollen sie uns nicht verstehen? Können sie uns nicht verstehen? Die Grazer Sexualtherapeutin Eva Stix lässt in ihre Praxis einblicken. Dort zeigt sich, was Sie sicher schon erlebt oder zumindest erzählt bekommen haben. Fortsetzung folgt!


Wiederkehrende Altlasten

Peter ist genervt. Wieder einmal hat seine Frau Clara aus dem Nichts heraus einen heftigen Streit vom Zaun gebrochen. Die Stimmung zwischen beiden war gut, doch dann begann sie auf einmal, auf einem längst vergangenen Konflikt herumzureiten. Peter kann nicht verstehen, warum Clara einen schönen Abend mit diesen alten Geschichten zerstören muss.

Dr. Stix: In einer langen Beziehungsgeschichte gibt es zwangsläufig Konflikte und Enttäuschungen. Manchmal bleiben offene Rechnungen. Clara bleibt in der Beziehung, ist aber innerlich ambivalent. Diese innere Spannung ist im Alltag meist im Hintergrund, aber doch immer vorhanden. Ein Wort, ein Bild, ein Gedanke löst die Erinnerung aus und die unterdrückten Gefühle brechen mit unveränderter Härte hervor.

Für Peter kommt der Angriff aus der Vergangenheit völlig überraschend. Das Thema ist ihm fern, die Emotion nicht nachvollziehbar.

Lösungsansatz wäre, dass Clara sich der eigenen Ambivalenz bewusst wird und versucht, die Verantwortung für die damit einhergehenden Gefühle zu übernehmen. Das würde bedeuten, Wut, Trauer, Angst oder Scham nicht zu unterdrücken und dann anfallsartig dem Partner um die Ohren zu hauen, sondern sie primär für sich zu betrachten und sie zu tragen. Der innere Konflikt soll natürlich mit Peter besprochen werden, aber nicht in Form von Wutanfällen, sondern in Ruhe und im Hier und Jetzt.


Mach du das, Schatz!

Hans ist angestrengt. Er hat eine stressige Woche in der Arbeit und zu Hause ist die Heizung kaputt. Obwohl seine Freundin Gabi derzeit in Karenz ist und daheim wäre, weigert sie sich, die Kommunikation mit der Heizungsfirma zu übernehmen. In Hans‘ Augen „stellt sie sich hilflos“ und bittet ihn mit jammernder Stimme, sich doch bitte darum zu kümmern, sie könne das nicht. Da ist doch wirklich nichts dabei, findet Hans und ärgert sich über die Zusatzbelastung.

Dr. Stix: Gabi fühlt sich mit der Thematik überfordert und überlässt das Problem „zuständigkeitshalber“ Hans, da es ihr zu komplex erscheint, um sich näher damit zu befassen.

Will Hans die Situation anders lösen, so hilft es nicht, Vorwürfe zu machen oder sich zu beklagen, sondern Gabi erklärend und vorbereitend so weit zu unterstützen und zu ermutigen, dass sie sich die Lösung des Problems selber zutraut.


Versprochen ist versprochen?

Anna tobt. Ihr Freund Klaus ist selbstständig, es bleibt wenig Zeit für die Beziehung. Heute hat er versprochen, um 20 Uhr zu Hause zu sein. Anna hat gekocht und freut sich. Um 20.30 Uhr kommt ein SMS, dass es noch „ein bisschen“ dauere. Um 23.45 Uhr schließlich steht Klaus fröhlich vor der Tür und versteht nicht, warum Anna sich so aufregt. Es könne schließlich sein, dass man sich ein wenig verspäte. Anna, die diese Situation wöchentlich zwei Mal erlebt, ist rasend angesichts dieser Ignoranz.

Dr. Stix: Klaus versucht primär, einen Konflikt zu vermeiden. Er weiß, dass Anna gerne hätte, dass er abends zu Hause ist, und verspricht, früh da zu sein. Ob das mit der Realität vereinbar ist, bedenkt er kaum. Hauptsache, sie ist im Moment zufrieden und beginnt nicht schon wieder eine Diskussion. Es gelingt Klaus zwar, Anna momentan zufriedenzustellen, in Wahrheit ist der Konflikt jedoch nur verschoben und verstärkt. Hätte Klaus gleich abgesagt, wäre Anna wohl auch enttäuscht gewesen – nun ist die Enttäuschung aber ungleich größer, da Anna sich bereits gefreut und Zeit und Mühe investiert hat. Der Angriff auf Klaus ist umso schärfer.

Würde Klaus sich der unangenehmen Situation gleich stellen, wäre der Verlauf des Abends klar und Anna könnte sich darauf einstellen. Das wäre wohl auch nicht konfliktfrei, aber noch bedeutend einfacher für beide.


Dr. Eva Stix

Die Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Sexualtherapeutin ist bei Sexmed tätig.

www.sexmed.at