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Lifestyle | 13.01.2021

Ihr Kinderlein kommet …

Ein Mangel an Hebammen, der steigende Anspruch werdender Mütter, ein erleichterter Schwangerschaftsabbruch in Österreich – beim Talk zwischen Hebamme und Doula diskutieren wir sämtliche Themen rund um Schwangerschaft und Geburt.

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© Shutterstock

Jede Frau, die schon einmal ein Kind zur Welt gebracht hat, kennt all das: die Verunsicherung, das tief empfundene Glück, die Spannung, die große Liebe, gleichzeitig die Überforderung, die starken Gefühle, das Auf und Ab, die Angst und die Zuversicht. Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach gehören für viele Mütter zu der interessantesten und intensivsten Zeit ihres Lebens. Begleitet werden Frauen bei der Geburt im Optimalfall von verschiedenen Personen – von Fachkräften, Vertrauten und Angehörigen. Das Ziel ist für alle das gleiche: die Unterstützung der Frau beim Gebären. Die Zugänge können jedoch unterschiedlich sein. Wir baten die Landesgeschäftsstellenleiterin des Österreichischen Hebammengremiums, freiberufliche Hebamme und Lehrende am FH Campus Wien Beate Kayer und die FreYRaum-Doula Eva Maria Iby zum gemeinsamen Talk über Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Pro­bleme und Verbesserungsmöglichkeiten.

Ihr beide begleitet Frauen bei der Geburt. Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen einer Hebamme und einer Doula?
Eva M. Iby: Wir Doulas haben keine medizinische Ausbildung und dürfen auch keine medizinischen Maßnahmen setzen. Wir ersetzen keine Hebamme, weder bei der Geburt noch bei der Nachbetreuung. Es ist eine Begleitung von Frau zu Frau, Hand in Hand mit der Hebamme. Doula kommt aus dem Altgriechischen und kann mit „Dienerin der Frau“ übersetzt werden. Früher waren oft Tanten, Großmütter, Mütter der Frau um die Gebärende herum. Wir sind für die Frau da, um sie auf seelischer, mentaler Ebene zu unterstützen, aber nicht in medizinischer Hinsicht.
Beate Kayer: Doula ist kein Beruf an sich, auch kein geschützter Begriff, jeder darf sich so nennen. Hebamme ist ein gesetzlich reglementierter Gesundheitsberuf, dem ein Studium zugrunde liegt. Von Basiswissen über Physiologie, Anatomie und speziell die reproduktive Phase der Frau mit Schwerpunkt Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Neugeborenes, Stillzeit sowie auch psychosoziale Themen. Es ist genau ge­regelt, wo unsere Grenzen und was unsere Kompetenzen sind.

Manchmal muss eine diensthabende Hebamme im Krankenhaus mehrere Geburten gleichzeitig betreuen. Im Burgenland sind Wahlhebammen in den Spitälern nicht zugelassen. Welche Vertrauensperson ist dann an der Seite der gebärenden Frau optimal?
Beate Kayer: Im besten Fall ist das der Partner/die Partnerin. Da geht es ja nicht nur um die Geburt eines Kindes, sondern um die Geburt einer Familie. Es kann natürlich auch die Mutter oder eine wichtige Freundin dabei sein. Wir vom Österreichischen Hebammengremium arbeiten daran, die 1:1-Betreuung in den Spitälern durchzusetzen, damit keine Frau bei der Geburt oder kurz davor ohne Hebamme auskommen muss.
Eva M. Iby: Eine 1:1-Betreuung wäre natürlich schön. Doch wenn das nicht möglich ist, wäre es gut, wenn eine Doula dabei ist – zusätzlich zum Partner/zur Partnerin. Da bin ich auch der Meinung, dass diese/r an erster Stelle stehen sollte. In einigen Krankenhäusern ist nur eine Begleitperson erlaubt. Ich habe es schon erlebt, dass Frauen ihren Partner rausschickten und mich als ihre Doula reinholen ließen, weil sie mich gerade mehr brauchten. Am Anfang war die Hebamme sehr distanziert mir gegenüber, aber schon bald haben wir uns gegenseitig unterstützt und Hand in Hand für die Frau getan, was wir konnten. Ich habe selbst vier Mal geboren und weiß daher auch einiges über die Geburt, womit ich die Gebärende unterstützen kann.

Woher kommt dieses problematische Verhältnis zwischen Hebammen und Doulas?
Beate Kayer: Ich bekomme viele Rückmeldungen von Kolleginnen aus ganz Österreich. Von den Hausgeburtshebammen höre ich oft, dass Freundinnen oder Doulas, die bei der Geburt dabei sind, eine große Hilfe und gute Stütze sind. Sie kümmern sich um die Hintergrundarbeiten wie Musik, Essen, Haushalt, bringen frische Wäsche etc. Von den Kolleginnen im Krankenhaus sind die Rückmeldung sehr durchwachsen. Viele Doulas überschreiten ihre Kompetenzen, fangen Diskussionen an, das geht bis zum Behindern der Arbeit des medizinischen Fachpersonals.
Eva M. Iby: Das darf natürlich nicht sein. Eine Doula soll auf die werdende Mutter eingehen, aber sich sonst zurückhalten und nicht in den Kompetenzbereich der Hebamme eingreifen. Eine Doula steht für ein Miteinander, nicht für ein Gegeneinander. Als Doula kann ich zum Beispiel auch dem werdenden Vater eine Stütze sein, während seine Frau das Kind bekommt, ihm Vorgänge erklären, ihn beruhigen. Männer sind bei Geburten oft nervöser als die Frauen.
Beate Kayer: Was ich auch als problematisch sehe, ist das Wording. Ich bekomme immer wieder Beschwerden, dass Frauen die Nachbetreuung der Hebamme absagen, weil sie eine Doula haben.
Eva M. Iby: Das würde ich keinesfalls gleichsetzen. Eine Doula macht eher so etwas wie Nachbarschaftshilfe.
Beate Kayer: Dann muss das auch so genannt und der Unterschied klar dargelegt werden. Alles andere ist den Frauen gegenüber unfair. Die Nachbetreuung darf nur von einer ausgebildeten Fachkraft gemacht werden, von einer Hebamme oder einer Ärztin/einem Arzt. Die Beratung erfolgt leider nicht immer fair. Auf der Homepage steht zwar bei allen Doulas, dass sie keine Hebammen sind und keine medizinische Ausbildung haben, in der Praxis wird das leider nicht immer so klar kommuniziert. In der Stadt ist das Problem gar nicht so groß, eher in den ländlichen Gebieten. Je weniger Hebammen es gibt, desto eher haben diese Laien-Hilfen ihre Berechtigung.
Eva M. Iby: Das Problem ist, dass es keine reglementierte Ausbildung für Doulas gibt. Unsere Vereinigung, Doulas in Austria, sieht das jedoch sehr streng. Wir haben strenge Richtlinien, einen Doula-Ausweis, Aus- und Fortbildung und halten den Ethikcode streng ein. Es darf nicht passieren, dass eine Doula glaubt, sie kann eine Hebamme ersetzen.


Hebamme & Doula
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„Die Geburtshilfe im Burgenland muss attraktiver werden. Wir haben mit Abstand die höchste Kaiserschnittrate.“

Beate Kayer, Hebamme

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„Social Media erhöhen den Druck, und das führt dann oft zu Frustration und Depression.“

Eva Maria Iby, Doula

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Eva Maria Iby und Beate Kayer im Talk mit Chefredakteurin Nicole Schlaffer.

Der Hebammenmangel im Burgenland ist eklatant. Zu wenige Kassen­hebammen, keine Ausbildungsstätte – woran liegt das?
Beate Kayer: Das Grundproblem ist, dass es nicht einmal eine Bedarfserhebung gibt. In den Krages-Spitälern sind alle Stellen besetzt, jedoch gibt es nur sehr wenige Kassenhebammen, die außerhalb der Kliniken betreuen. In den Bezirken Neusiedl am See und Oberpullendorf gibt es beispielsweise keine einzige Kassenhebamme. Wie kommen die Frauen dort dazu, auf Leistungen, die ihnen zustehen, zu verzichten oder sie privat zu bezahlen? Das nächste große Problem ist die Tatsache, dass ein Drittel aller Hebammen bereits über 50 ist. Weiters gibt es keine Ausbildungsstätte im Burgenland, die meisten weichen nach Wien aus. Wir hatten am FH Campus Wien heuer 750 Bewerberinnen, der Andrang ist also groß, aber nur 35 davon kamen aus dem Burgenland – nur eine Burgenländerin hat dann tatsächlich mit der Ausbildung begonnen.

Was müsste sich ändern?
Beate Kayer: Abgesehen von der Bedarfsanalyse wäre eine Kooperation des Landes Burgenland mit einer der sieben Ausbildungsstätten sinnvoll, z. B. mit dem FH Campus Wien. Eine eigene Ausbildungsstätte im Burgenland ist schwierig, weil es dafür zu wenige Geburten gibt (Anm.: eine fertig ausgebildete Hebamme muss eine gewisse Anzahl von Geburten eigenhändig begleitet haben). Zudem müsste die Geburtshilfe hierzulande attraktiver werden. Wir haben im Burgenland die mit Abstand höchste Kaiserschnittrate in ganz Österreich. Junge Hebammen kommen in vielen Häusern herum und sehen dort andere, alternative Wege der Geburtshilfe, die für sie attraktiver sind.

Wie haben werdende Mütter sich in den letzten Jahrzehnten verändert? In Bezug auf Einstellung, Druck der Gesellschaft etc.
Eva M. Iby: Social Media erhöhen den Druck enorm, und das führt oft zu Frustration und Depression. Auf Facebook und Instagram kursieren wunderschöne Schwangerschaftsbäuche und die reinste Idylle nach der Geburt. Wenn das dann bei mir nicht so eintritt, wie ich es mir vorstelle, kommt die große Frustration.
Beate Kayer: Durch Social Media wird das Konkurrenzdenken gepusht, nicht nur bei der Geburt, sondern auch davor und danach. Wer ist fitter, wer hat schneller wieder einen flachen Bauch … Doch der Vorteil durch die Digitalisierung ist das Vernetzen. Frauen sind keine ausgelieferten, passiven Wesen mehr bei der Geburt. Sie wissen um ihre Rechte und sind besser informiert als früher. Die Selbstbestimmtheit stieg an, auf der anderen Seite sind aber auch die unrealistischen Vorstellungen oder Ansprüche an sich selbst gestiegen.

Die andere Seite: In burgenländischen Spitälern haben Frauen keine Möglichkeit für einen Schwangerschaftsabbruch, müssen in andere Bundesländer ausweichen. Seit Juli 2020 dürfen nun Gynäkolog*innen die rezeptpflichtige Medikation für einen Schwangerschaftsabbruch bis zur 9. Schwangerschaftswoche (SSW) ausstellen. Ein Fortschritt?
Beate Kayer: Das war schon vor Covid eine wichtige Forderung diverser Frauenorganisationen. Es ist leider immer noch im Strafgesetzbuch verankert, dass der Schwangerschaftsabbruch nur bis zur 12. SSW straffrei ist. Das muss raus aus dem Strafrecht. Erkämpfte Frauenrechte sind nicht in Stein gemeißelt, wir dürfen uns auf den Lorbeeren nicht ausruhen – wenn man bedenkt, was gerade in Polen passiert! (Anm.: Polen verschärft das ohnehin bereits restriktive Abreibungsverbot und lässt auch keinen Schwangerschaftsabbruch bei Fehlbildungen mehr zu.) Die Einschränkung verhindert den Abbruch ja nicht, er wird nur illegal gemacht. Die Frage ist jedoch, wie viele Gynäkolog*innen im Burgenland die Verschreibung der Medikation auch tatsächlich durchführen, viele werden es aus Gewissensgründen nicht machen.
(Anm.: Die BURGENLÄNDERIN hat dazu recherchiert, siehe Infokasten unten.)

 

 

 


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© Shuttertstock

Ausbildungswege

Hebammen-Ausbildung:

  • • 6-semestriges Bachelorstudium
  • • derzeit an sieben Fachhochschulen in Österreich möglich (Voraussetzungen: Matura oder Studienberechtigungsprüfung oder einschlägige berufliche Qualifikation mit Zusatzprüfungen)
  • • Studienschwerpunkte möglich
  • • viele Berufspraktika
  • • nach Abschluss der Ausbildung ist eine Anstellung in privaten und öffentlichen Krankenanstalten, Eltern-Kind-Zentren, Sozial- und Privatversicherungen, Lehr- und Forschungseinrichtungen sowie eine freiberufliche Tätigkeit möglich
  • • das Einstiegsgehalt für angestellte Hebammen liegt bei rund 3.000 Euro brutto plus Zulagen
  • • auch Männer können selbstverständlich die Hebammen-Ausbildung machen, das Interesse ist jedoch nicht sehr groß, derzeit arbeitet ein Mann in Österreich als Hebamme

www.hebammen.at



Österreichisches Doula-Training:

  • • 6 Wochenendkurse von Freitag bis Sonntag
  • • danach Zertifizierung als DiA (Doulas in Austria)-Doula inkl. Ausweis

www.doulatraining.at

 

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Schwangerschaftsabbruch in Österreich

  • Laut Strafgesetzbuch bis zur 12. SSW (Schwangerschaftswoche) straffrei möglich.
  • Seit Juli 2020 kann die Medikation für einen medikamentösen Abbruch (bis zur 9. SSW) von Gynäkolog*innen verschrieben werden.
  • Im Burgenland wird die Medikation jedoch laut Auskunft des Vertreters der Fachgruppe Gynäkologie und Geburtshilfe, Kammerrat MedR. Dr. Herbert Schwarz, von keiner/keinem niedergelassenen Gynäkolog*in verschrieben. Begründung: weil man die Frauen nicht mit den Folgen des Schwangerschaftsabbruchs alleine lassen möchte und weil es dafür spezielle Institutionen gibt – wenn auch nicht im Burgenland –, die darauf spezialisiert sind.