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Lifestyle | 20.01.2021

Eisenmangel – mehr als nur ein Frauenproblem

Eisen wird von fast jeder Körperzelle benötigt, ein Mangel kann zu Beeinträchtigung in vielen Bereichen führen.

Am 26. November 2020 war Eisenmangeltag. Warum wir Eisenmangel ernst nehmen und nicht als Bagatelle oder reine Frauensache abtun sollten, erklärt die Allgemeinmedizinerin und Eisenmangelexpertin Dr. Doris Gapp, Woman&Health Wien, im nachfolgenden Interview.

 

Dr. Doris Gapp, Wien © Michaela Pichler



BURGENLÄNDERIN: Warum stellt Eisenmangel ein schwerwiegendes gesundheitliches Problem dar?

Dr. Doris Gapp: Eisen ist ein wichtiger Baustein unseres roten Blutfarbstoffs, dem Hämoglobin. Mangelt es uns an Eisen, kann Hämoglobin nicht in ausreichendem Maße gebildet werden. Da Hämoglobin aber für die Sauerstoffversorgung unserer Zellen ebenso wie für den Abtransport von Kohlendioxid unerlässlich ist, kann ein Eisenmangel entsprechend ernstzunehmende Folgen haben. Eisen ist zudem ein Baustein unterschiedlicher Enzyme und als solcher u. a. unverzichtbar für Energiestoffwechsel, Entgiftungsprozesse, Produktion von Hormonen und Nervenbotenstoffen.


Wieso kommt es vor allem bei Frauen zu Eisenmangel?

Die Hauptursache liegt im Blutverlust durch die regelmäßige Menstruationsblutung. Der Blutverlust liegt zwischen 5 und 80 Milli­liter Blut. Das entspricht einem Eisenverlust von 2,5 bis 40 Milligramm. Viele Frauen leiden unter besonders starken Blutungen und verlieren sogar mehr als 80 Milliliter Blut pro Zyklus!


Warum betrifft Eisenmangel nicht nur junge Frauen, sondern ist in jedem Alter ernst zu nehmen?

Blutverlust am Übergang zum Wechsel und Uterusmyome können ebenfalls zu stärkeren Blutungen führen. Blutverlust über den Magen-Darm-Trakt – z. B. blutende Polypen oder Divertikel, Hämorrhoidenblutungen, Gastritis – können ebenfalls eine Ursache darstellen. Der Blutverlust ist aber nur eine Ursache für die Entwicklung eines Eisenmangels. Weitere sind: mangelnde Eisenzufuhr (z. B. Vegetarier), gestörte Resorption im Magen-­Darm-Bereich (Gastritis) bzw. Einnahme von Resorptionshemmern (Säureblocker), Kaffee und Schwarztee und verstärkter Verbrauch (Schwangerschaft, Leistungssport).


Warum kann Eisenmangel in der Schwangerschaft schädliche Auswirkungen haben?

Der Eisenbedarf steigt während der Schwangerschaft um das Siebenfache an. Das bedeutet, selbst wenn zu Beginn der Schwangerschaft der Ferritinspiegel im Normbereich war, fällt er im Laufe der Schwangerschaft ab. Die Folge eines Eisenmangels beim Ungeborenen ist eine schlechte Entwicklung des Mutterkuchens (Plazenta). Dadurch besteht die Gefahr einer Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen bzw. eine schlechtere Sauerstoffversorgung des Babys, frühreife Entwicklung, Frühgeburt, geringes Geburtsgewicht, Wachs­­tums­verzögerung. Die Symptome bei der werdenden Mutter sind gleich wie bei Nichtschwangeren.


Inwiefern ist Eisen schon für Babys wichtig?

Fast jede Zelle benötigt zur Entwicklung Eisen; v. a. für die Entwicklung des Gehirns und zur Vorbeugung einer Blutarmut (Anämie) werden ausreichend gefüllte Eisenspeicher benötigt. Reifgeborene Kinder werden mit einem Eisenspeicher geboren, der sich im Lauf der Schwangerschaft aufgebaut hat und für ungefähr 4 bis 6 Monate ausreicht. Frühgeborene und Säuglinge von Müttern, die während der Schwangerschaft unter einem Eisenmangel litten, konnten einen kleineren Speicher aufbauen. Auch Muttermilch enthält Eisen in einer Form, die für den Menschen gut bioverfügbar ist, also gut aufgenommen werden kann. Die kombinierte Versorgung des reifgeborenen Säuglings durch seinen Speicher und die Muttermilch stellt für 4 bis 6 Monate die Eisenversorgung sicher.


Wie stellt man Eisenmangel fest?

Der wichtigste Laborparameter ist der Ferritinspiegel (Speichereisen), der über 30 ng/dl, besser noch über 50 ng/ml liegen sollte. Weitere wichtige Parameter sind Transferrin, die Transferrinsättigung, CRP und das rote Blutbild. Dieses zeigt, ob eine Anämie (Blutarmut) vorliegt.


Kann man auch zu viel Eisen haben?

Ja, es gibt auch Eisenspeichererkrankungen. Hier ist der Eisen­stoffwechsel gestört, und es kommt zu einer vermehrten Aufnahme von Eisen aus dem Darm und in weiterer Folge zu einer Ablagerung von Eisen in den Organen (v. a. Leber und Bauchspeicheldrüse). Männer sind häufiger betroffen als Frauen, die Therapie sind Aderlässe. Diese Erkrankung ist selten, und es besteht eine genetische Disposition, Familienmitglieder von Betroffenen sollten sich unbedingt untersuchen lassen.


Wie kann man Eisen durch die Ernährung zuführen?

Pflanzliches Eisen ist enthalten in Hülsenfrüchten, Petersilie, Weizenkleie, Vollkornprodukten und Hefe. Aber Eisen aus tierischen Lebensmitteln (rotes Fleisch, Innereien, besonders Leber, Eier) kann der Körper in der Regel besser verwerten als jenes aus pflanzlichen Quellen. Auch eine ausreichende Vitamin‑C-Versorgung ist für eine optimale Eisenverwertung essenziell. Das bedeutet, dass Vegetarier auf die präventive Zufuhr in Form von Nahrungsmitteln und speziellen Nahrungsergänzungsmitteln achten sollten. In tierischen Lebensmitteln, besonders im Fleisch, liegen 40 bis 60 % des Eisens als Hämeisen (zweiwertiges Fe) vor. Zweiwertiges Eisen wird aufgrund seiner guten Löslichkeit zu 15 bis 35 % resorbiert und weist damit eine hohe Bioverfügbarkeit auf. Im Gegensatz dazu ist die Verfügbarkeit des Nichthämeisens, das überwiegend in dreiwertiger Form vorliegt, deutlich geringer. Nichthämeisen ist vor allem in pflanzlichen Nahrungsmitteln enthalten und wird selten zu mehr als 5 % resorbiert.


Was kann man gegen Eisenmangel tun?

Die Ernährung ist in der Prävention wichtig! Eisentabletten aus den Drogeriemärkten enthalten meist zu wenig Eisen, um einen bereits manifesten Eisenmangel zu therapieren, in der Vorbeugung können diese aber natürlich gut eingesetzt werden. Eisen­tabletten aus der Apotheke werden unterschiedlich gut vertragen. Wichtig ist, dass diese nur mehr jeden zweiten Tag nüchtern mit Vitamin C eingenommen werden, das führt oft zu einer besseren Verträglichkeit. Nebenwirkungen können Magenschmerzen, Verstopfung, Übelkeit sein. Sollten Eisentabletten nicht vertragen werden bzw. bei ausgeprägtem Eisenmangel mit Symptomen ist aufgrund des rascheren Wirkungseintritts eine Eiseninfusions­therapie angeraten. Diese wird gut vertragen und führt meist innerhalb weniger Tage zu einer Symptom­besserung.


Ist die Therapie maßgeschneidert?

Ja, selbstverständlich ist eine Eiseninfusions­therapie individuell. Sie ist abhängig von den Laborwerten und den bestehenden subjektiven Symptomen. Kontrollen müssen regelmäßig stattfinden, um einen Abfall rechtzeitig zu erkennen und gegensteuern zu können.


Wird die Behandlung von den Krankenkassen übernommen?

Eisenchecks sind im Rahmen einer erweiterten Gesundenuntersuchung beim Hausarzt möglich (bitte darauf hinweisen, dass Beschwerden vorliegen und Verdacht auf Eisenmangel besteht). Wichtig ist, dass die Laborwerte danach richtig interpretiert werden und mit einer passenden Therapie begonnen wird. Im Zweifel ist ein Termin bei einem Eisenspezialisten hilfreich. Wir erleben immer wieder, dass die erhobenen Werte nicht richtig interpretiert werden und eine adäquate Therapie viel zu spät begonnen wird. Bei W&H ist eine Bestimmung des Eisenstatus bei Beschwerden im Rahmen einer Gesundenuntersuchung möglich. Ein Eisencheck kostet bei W&H 65 Euro. Die Kosten für die Infusion werden teilweise von der Krankenkasse übernommen, eine Teilrefundierung ist in den meisten Fällen möglich. Zusatzversicherungen zahlen die Infusion, wenn sie medizinisch notwendig ist.


Checkliste Symptome:

• Körperliche Erschöpfung, Müdigkeit

• Haarausfall

• Brüchige Nägel

• Blässe

• Mundgeschwüre

• Reizbarkeit

• Gedächtnisprobleme

• Kälteempfindlichkeit

• Restless-Legs-Syndrom

• Atemnot

• Infektanfälligkeit

• Kopfschmerzen

• Libidoverlust