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Lifestyle | 29.01.2021

#unaufgeregt

Wie spricht man mit Jugendlichen über Pornos und schwere Geheimnisse? Der Verein Liebenslust macht das ganz #unaufgeregt und mit „Hand, Fuß und Herz“.

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© Shutterstock

Ein starkes Gefühl von Eigen- und Fremdscham, verstohlenes Gekicher und eine Menge offengelassener Fragen: Jeder und jede von uns erinnert sich wahrscheinlich noch an den Moment der eigenen sexuellen Aufklärung zurück. Um diese Aufgabe für alle Beteiligten angenehmer zu machen, braucht es qualifizierte Menschen, die keine Angst haben, Dinge beim Namen zu nennen. Liebenslust, das Zentrum für Sexuelle Bildung, Kommunikations- und Gesundheitsförderung in Graz, bildet nicht nur Sexualpädagog*innen aus, sondern kümmert sich auch darum, Kindern und Jugendlichen unaufgeregt zu vermitteln, dass zu Sexualität noch so viel mehr dazugehört als der rein mechanische Aspekt.
Obfrau Michaela Urabl hat uns einen kleinen Einblick in ihre tägliche Arbeit mit Tabus gegeben. Beruflich über diese zu sprechen, war nicht von klein auf ihr Ziel, doch aufgewachsen im ländlichen Raum kann sie nachvollziehen, was es bedeutet, wenn der Umgang mit Sexualität kein offener ist. Ihr ist es ein großes Anliegen, junge Heranwachsende mit ihren Fragen und Problemen nicht alleine zu lassen. „Aufklärung passiert überall – es reicht ein Smartphone in der Klasse und die Möglichkeit besteht, dass alle mit pornografischen oder nicht altersadäquaten Inhalten in Kontakt kommen“, erklärt die pädagogische Leiterin des Vereins. „Uns ist wichtig, Kinder und Jugendliche in Selbstwirksamkeit, Selbstwert und Medienkompetenz zu stärken, um ihnen damit beim Einordnen der Informationen zu helfen.“ Die gesehenen Szenen sollen dann auch ausführlich thematisiert werden, um den Inhalt auf seine Echtheit zu überprüfen und zu entmystifizieren. So soll klargemacht werden: „Das ist kein Dokumentarfilm, sondern eher ein Actionfilm.“

Tabus beim Namen nennen. Wenn Kinder und Jugendliche Irritationen im Netz erleben, sei es die Aufgabe der bereits Erwachsenen, als Ansprechpersonen zur Verfügung zu stehen. „Wir sind für den Kinderschutz verantwortlich. Wenn etwas belastend ist, kann man sich an uns wenden und wir unterstützen mit selbstwertstärkenden Botschaften – die funktionieren auch im jungen Alter“, meint Urabl. „Wir wollen zeigen, es ist prinzipiell ja gut, wenn sich zwei Menschen mögen und körperlich annähern – es ist nur nicht in Ordnung, wenn jemand etwas macht, was du nicht willst.“

 

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Nach über tausend Workshops, die der Verein in seinem 10-jährigen Bestehen mittlerweile schon abgehalten hat, kann sie aus Erfahrung sagen, dass es entlastend ist, auch die größten Tabus beim Namen zu nennen. Diese verantwortungsvolle Aufgabe könne auch nicht allein an die Schule abgeladen werden.
„Lehrkräfte haben generell schon einen herausfordernden Job und es ist ihnen nicht immer möglich, bei der sexuellen Aufklärung im Unterricht auch alle damit zusammenhängenden Gefühle miteinzubeziehen“, sagt sie. Die Fakten dazu seien prinzipiell bekannt, die Challenge bestehe darin, auch einen direkten Zugang zu den Kindern zu finden. „Dafür ist die Handlungsebene wichtig und dass sich alle angesprochen fühlen. Da braucht es eine gewisse Art der Vermittlung.“ Wenn die Lehrperson das Thema selbst unangenehm finde und ihre eigenen Grenzen überschreite, merke das die Schulklasse sofort. „Dann wird es unauthentisch und in Folge manchmal richtig peinlich.“

Sexuelle Menschenrechte anerkennen. Nicht nur aus diesem Grund setzt sich Urabl für einheitliche und qualifizierte Ausbildungen in der Sexual-päda-gogik ein. Sexualität und Gewalt zu trennen sowie die sexuellen Menschenrechte anzuerkennen, betrachtet sie als Qualitätsstandard – vor allem in den Bereichen Freiheit und persönliche Integrität. „Ein gemeinsamer Grundkonsens und Wertekanon wäre wichtig, um zum Beispiel das Prinzip zu vertreten: Vielfalt in sexueller Orientierung ist wunderbar und sicher kein Grund für Diskriminierung.“ Zudem gebe es immer Möglichkeiten und auch Bedarf, sich zu informieren und sich weiterzuentwickeln, egal ob bei der Arbeit in betreuten Jugend-Wohngruppen oder an Schulen. „Es gibt nicht DAS ultimative Aufklärungsgespräch, und auch als Sexualpädagogin lerne ich quasi täglich Neues. Das ist ein lebenslanger Prozess, der so viele Bereiche umfasst, und es wäre sehr viel verlangt, wenn beispielsweise eine Schule das im regulären Unterricht abdecken soll.“

#unaufgeregt. Um unaufgeregtes Sprechen über Sexualität noch besser zu fördern, hat der Verein vor einiger Zeit den Hashtag #unaufgeregt entwickelt. „Das ist nämlich genau unser Punkt“, erklärt Urabl. „Wir müssen uns zeitgemäß mit der Aufklärung unserer Kinder und auch der von uns selbst beschäftigen. Es gibt in der sexuellen Bildung noch so viele Themen, wo wir alle unaufgeregter werden sollten.“ Ganz wichtig sei es dabei, alles zu benennen, was besprochen werden will, und damit nachhaltig eine gewisse Gelassenheit in der Gesellschaft zu etablieren. „Diese ‚scheinbare Aufklärung‘ führt dazu, dass wir um Tabus einen Bogen machen, also müssen wir Worte finden – auch für die scheinbar schwierigen Themen.“ Die große Vision des Vereins sei es, die Aufklärung nicht den Medien zu überlassen, sondern selbst in die Hand zu nehmen und zu einer Aufgabe zu machen, die uns alle angeht. „Wir müssen selbst Worte finden für die Tabus in unserem Kopf und uns klarwerden, was zur Sexualität eigentlich alles dazugehört. Es gibt nichts, was nicht angesprochen werden darf“, betont Urabl. „Du hast mit deinen Fragen das vollste Recht, dich an jemanden zu wenden – egal ob es um ‚leichte oder schwere Geheimnisse‘ geht. Das ist eine unserer Kernbotschaften und das versuchen wir auch zu leben.“