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Lifestyle | 23.02.2021

Scheidung – Desaster oder Chance?

Wo liegen die größten Schwierigkeiten und die häufigsten Fehlerquellen bei Trennungen? Was braucht es für eine „gute“ Scheidung und wie können Paare ihre Beziehung halten? Wir sprachen mit einer Expertin.

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© Shutterstock

In Österreich werden rund vier von zehn Ehen geschieden, das Burgenland liegt laut Statistik Austria (Werte von 2019) sogar über dem Bundesdurchschnitt mit 42,9 % und damit gemeinsam mit Vorarlberg auf Platz drei unter den Bundesländern – nur in Wien und Niederösterreich, das erstmals seit 1991 auf Platz eins liegt, wurden mehr Ehen aufgelöst. 2019 gab es demnach 521 rechtskräftige Scheidungen, eine leichte Steigerung zum Jahr davor. Mehr als 400 Kinder unter 18 Jahren waren von der Scheidung ihrer Eltern betroffen. Die durchschnittliche Ehedauer im Burgenland vor einer Scheidung liegt bei rund 12 Jahren – und ist damit am längsten in ganz Österreich (bundesweit sind es rund 10,5 Jahre).

 

"Die meisten Probleme bei Scheidungen betreffen die Kontaktregelung."

Mag.a Diana Schmidt, Pädagogin/Bildungs- & Erziehungswissenschaftlerin

© Eva M. Plank

 

Mag.a Diana Schmidt aus Lackenbach ist seit sechseinhalb Jahren in der Frauenberatungsstelle Oberpullendorf tätig. Neben der klassischen Familienberatung zu allen psychosozialen Themen (Partnerschaft, Finanzen, Krisen etc.) gibt sie auch viele hilfreiche Tipps für Anträge auf finanzielle Unterstützungen jeglicher Art und hilft mit dem Projekt „Start-up“ mit anderen Expert*innen Frauen beim Wiedereinstieg in das Berufsleben. Das Wichtigste dabei: Die Beratung ist kostenlos und kann auch anonym sein. Und zwar nicht nur das erste Mal, sondern dauerhaft. Männer können im Rahmen der Familienberatung gemeinsam mit ihrer Frau/Partnerin zur Beratung kommen. Zusätzlich bietet sie auf Honorarbasis die verpflichtende Elternberatung (§ 95, Abs. 1 AußStrG) bei einvernehmlichen Scheidungen an (86 % der Scheidungen in Österreich erfolgen in beidseitigem Einvernehmen). Mit einem abgeschlossenen Diplomstudium der Pädagogik und der Basisausbildung in Psychotherapie (psychotherapeutisches Propädeutikum) sowie einer Legasthenie- und Dyskalkulietrainerinnenausbildung berät Schmidt Frauen und Mädchen in allen Belangen, aber auch (Ex-)Paare mit Kindern zum Umgang mit diesen vor, während und rund um eine Scheidung/Trennung und hat ebenso jahrelange Erfahrung im Umgang mit (Scheidungs-)Kindern.


Jede vierte Ehe wird geschieden. Wie erleben Sie persönlich die Gespräche mit den (Ex-)Paaren im Rahmen der Beratung?

Es ist auch ein Generationen-­Thema. Die ältere Generation zögert eine Scheidung eher hinaus oder lässt sich nicht scheiden, die jüngere handelt vielleicht oft zu schnell. Eine Beziehung bedeutet Arbeit. Wenn noch ein Funken Hoffnung besteht, sollte alles probiert werden. Scheidung sollte immer der letzte Schritt sein. Viele Paare leben – statt miteinander – festgefahren nebeneinander her. Frauen sehen in der Scheidung oftmals einen letzten Ausweg, wenn alles Bemühen, eine Beziehung zu retten, bereits gescheitert ist. Wenn sie die Scheidung dann umsetzen, zieht es den Männern oft den Boden unter den Füßen weg, weil sie nicht geglaubt haben, dass das wirklich passieren kann. Es kommt nicht selten vor, dass ein wahnsinnig trauriger, verzweifelter und gekränkter Mann in der Elternberatung sitzt. Viele Männer erkennen erst im Zuge der Scheidung, dass und welche Fehler sie gemacht haben. Meine Aufgabe ist, einfühlsam für beide Seiten, aber vor allem im Sinne der Kinder zu beraten.

 

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Was ist das Wichtigste bei einer Scheidung, wenn Kinder im Spiel sind?

Das romantische Bild von Liebe, Ehe, Haus, Kinder haben viele. Irgendwann muss man sich aber als Paar bewähren, jeder einzeln und auch miteinander. Wenn es dazu kommt, sollte man den Weg zur Scheidung im besten Falle auch miteinander gehen. Speziell wenn Kinder beteiligt sind, ist ein wertschätzender Umgang miteinander von großer Bedeutung, denn durch Kinder wird man ewig miteinander verbunden bleiben. Der Wettbewerbsgedanke sollte da nicht im Vordergrund stehen, sonst wird vieles auf dem Rücken der Kinder ausgetragen.


Welche Fehler werden im Zuge von Scheidungsvereinbarungen oft gemacht?

Rein rechtlich ist die wichtigste Information, wenn es um Kinder geht, dass jedem Kind Alimente zustehen. Viele Frauen sagen, sie möchten ihren Ex-Partner nicht finanziell ruinieren. Die Alimente sind aber kein Anspruch, über den die Eltern bestimmen können, grundsätzlich steht dieser dem Kind zu. Was auch sehr häufig vorkommt, ist, dass die Frau auf Unterhalt verzichtet, obwohl sie weniger verdient als der Mann. Fakt ist jedoch, wenn man auf Unterhalt verzichtet, kann man das nicht mehr rückgängig machen. Das kann später zu finanziellen Schwierigkeiten führen. Wenn man dann arbeitslos wird etc., hat man auch keinen Anspruch auf soziale Beihilfen, auch den anteiligen Witwen-Pensionsanspruch würde man (Frau und Mann) dann verlieren. Der Eindruck, dass Frauen ihre Männer bei Scheidungen ausnehmen, hält sich hartnäckig. Die Realität ist jedoch gegenteilig. Unterhaltsansprüche unterliegen einer klaren gesetzlich vorgegebenen Berechnung. Wenn ein Mann seiner Ex-Frau Unterhalt bezahlen muss, dann steht ihr dieser auch zu – genauso kann er auch dem Mann zustehen, wenn die Frau mehr verdient. In den meisten Fällen ist es absolut fair, dass die Frau vom Mann Unterhalt und natürlich Alimente für das Kind oder die Kinder bekommt. Meist ist es dennoch grenzwertig, wie alleinerziehende Frauen überleben müssen.


Wobei gibt es die größten Schwierigkeiten bei Scheidungen?

Definitiv bei der Kontaktrechts­regelung zu den Kindern. Die wird zwar oft vereinbart, ist aber in der Umsetzung recht holprig. Auch bei der Güter­teilung gibt es oft Streitpunkte, die aber nach dem Unterzeichnen des Scheidungsvergleiches „erledigt“ und nicht neu verhandelbar sind. Ich finde auch, dass die verpflich­tende Elternberatung nicht nur bei einvernehmlicher Scheidung eine Vorschrift sein sollte, sondern besonders auch dann, wenn es zur strittigen Scheidung kommt. Eltern-/Familienberatung ist nicht nur sinnvoll, wenn minderjährige Kinder im Spiel sind, sondern auch wenn die Kinder schon über 18 Jahre sind und die Eltern das Gefühl haben, dass sie sich Hilfe/Rat holen möchten im Umgang mit den Kindern. Bei den Frauenberatungsstellen und anderen Familienberatungsstellen sind diese Beratungen kostenlos (nicht aber die verpflichtende Elternberatung nach § 95 Abs. 1a AußStrG bei einvernehmlicher Scheidung). Meiner Meinung nach sollte von Richter*innen und Jurist*innen mehr darauf hingewiesen werden, dass der psychosoziale Faktor der Beratung wichtig ist und dass es Stellen wie uns gibt, die diese kostenlos anbieten.

 

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Viele Paare, die über Trennungen nachdenken, möchten im Sinne der Kinder warten, bis diese „groß“ sind. Ihre Einschätzung dazu?

Ich habe bei vielen Scheidungskindern die Scheidung als „Erlösung“ erlebt. Ob laut gestritten oder geschwiegen wird, ob ein Elternteil ständig unglücklich ist – Kinder spüren alles. Die Eltern sind meist befreiter, wenn Scheidung und räumliche Trennung vollzogen sind. Wenn Elternteile dann aufblühen, blühen die Kinder meist mit auf. Sie erleben die Zeit mit dem Elternteil qualitativ hochwertiger. Kinder sind sehr empathisch, sie spüren viel mehr, als man ihnen zutraut, auch das, was sie nicht hören. Ja, es tut weh, wenn das klassische Familienbild zerrissen wird. Aber die Qualität im Miteinander (Eltern/Kinder) steigt dann meist. Viele Elternteile finden danach sogar einen viel „besseren Draht“ zu ihren Kindern.


Welche Faktoren müssen Ihrer Meinung nach gut zusammenspielen, damit eine Beziehung/Ehe gut funktioniert?

Ich glaube, die Ehe ist nur ein „fixeres Commitment“ zueinander als eine Beziehung und eine bessere gegenseitige Absicherung, vor allem im rechtlichen Sinne. Beziehung bedeutet ständiges Arbeiten, Verhandeln, Kompromisse-Schließen und – nicht zu vergessen – füreinander da zu sein und auch zu genießen. Man sollte nicht müde werden, daran zu arbeiten, Stillstand ist der schlimmste Zustand. Wenn dieser „Wurschtigkeitszustand“ und das Unglück gemütlicher bzw. weniger beängstigend sind als die Veränderung, dann steht es um die Beziehung nicht besonders gut.


Wie ist Ihre persönliche Einschätzung für 2021 im Hinblick auf die Trennungs-Statistik?

2021 wird die wirtschaftliche Krise noch viel stärker spürbar sein als letztes Jahr. Der Lockdown ist sehr belastend für die meisten Partnerschaften, auch Gewalt in der Familie ist leider ein großes Thema. Wenn nach dem „Corona-­Chaos“ mit Distance-Learning und Homeoffice die Normalität einkehrt, können sich Paare wieder mit den Problemen in der Beziehung beschäftigen. Dann könnte bis dahin Verdrängtes hochkommen und möglicherweise zum Ansteigen der Scheidungsrate im Jahr 2021 führen.