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Lifestyle | 04.03.2021

Eine Glaskugel ist zu wenig

Eine Firma erfolgreich zu führen ist schwer, sie rechtzeitig weiterzugeben noch mehr. Helmuth Antonu spezialisierte sich mit seiner Neusiedler „Nachfolge-Agentur“ auf Übernahmen in ganz Österreich.

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© Shutterstock

Es fällt schwer, erweist sich aber in vielen Lebensbereichen oft als eine weise Strategie: aufhören, wenn es am schönsten ist. Dazu raten Expert*innen auch, wenn es sich um Unternehmensübergaben handelt. „Es gilt, in den guten Jahren zu verkaufen bzw. zu übergeben“, heißt es in einer Studie der KMU (Klein- und Mittelbetriebe) Forschung Austria. Viele Argumente liegen auf der Hand; eines davon ist, dass unter Zeitdruck die Verhandlungsbasis für den Verkaufspreis leidet, sagt Helmuth Antonu, während er in seinem Neusiedler Büro in zuvor genannter Studie blättert.

 

"Zeitnot ist eine schlechte Voraussetzung für den Verkaufspreis.", Helmuth Antonu, Nachfolge-Agentur  © Doris Resch


Der Inhalt weckte vor Jahren die Neugier des vielseitigen Mannes: „Man kam darin zu dem Ergebnis, dass im Zeitraum 2014 bis 2023 in Österreich rund 45.700 kleine und mittlere Betriebe vor der Herausforderung stehen werden, eine/n Nachfolger*in zu finden“, zitiert er aus seinen Unterlagen. Wenn im Schnitt nur noch etwa die Hälfte der Unternehmen familienintern übernommen wird – und auch das gehört laut dem Experten gewissenhaft geplant –, wie bewältigt die andere Hälfte den großen Schritt, ehe einen beispielsweise die Sehnsucht nach dem wohlverdienten Ruhestand ereilt? Fragen wie diese waren die Initialzündung für den heute 53-Jährigen, mit seiner „Nachfolge-Agentur“ durchzustarten; diese sei viel mehr als ein Vermittlungsinstitut, sagt Antonu, der selbst in Corona-Zeiten gut zu tun hat.


Viel Lebenserfahrung

Helmuth Antonu hatte bei der Gründung freilich nicht nur auf sein Bauchgefühl gehört; der Mann blickt auf eine Biografie mit viel Lebens- und unternehmerischer Erfahrung zurück. Seine Laufbahn begann er als Bankangestellter, Anfang 20 wechselt er in die IT-Branche. Er heuert bei einem Unternehmen für Datensicherungsräume an und bildet sich parallel in den Bereichen Software und Programmierung weiter. Damit gelingt ihm der Eintritt in einen der weltweit führenden Daten­bankanbieter. „Die Firmenphilosophie war, dass ausgewählten Mitarbeitern ein MBA-Studium finanziert wurde – und ich hatte Glück“, beschreibt Antonu. Er studiert an der Donau Universität Krems, ein Teil des Lehrgangs findet an der UCLA (University of California, Los Angeles) statt. „Das hat mich beruflich und persönlich sehr weitergebracht“, schwärmt er. Und das, obwohl er aufgrund eines Wechsels im Firmenmanagement zu guter Letzt das Studium doch aus eigener Tasche finanzieren muss. Seiner Karriere tut das keinen Abbruch; er wechselt in ein anderes, international erfolgreiches Software-Unternehmen und wird dort bald der jüngste Countrymanager der Organisation. Der Preis dafür ist hoch: „Irgendwann bekam ich gesundheitliche Probleme, mein Immunsystem war geschwächt“, erinnert er sich. Er hatte geheiratet und war Vater geworden, parallel zur Arbeit lief der Hausbau – die Überbelastung gipfelte beinahe in Burn-out und Scheidung. „Alles auf einmal kann sich nicht lang ausgehen“, reflektiert er heute.


Ayurveda

Er will damals sein Leben umkrempeln, aber nicht nur ein bisschen. Er hängt seinen Job an den Nagel und beginnt eine Ayurveda-Ausbildung. „Selbst Freunde sind teilweise auf Distanz gegangen“, sagt Antonu. Dass jemand aus einer Management-Ebene eine solche Entscheidung trifft, schien nicht gesellschaftskonform, „viele waren vor den Kopf gestoßen“. Er selbst hingegen blüht auf, baut mit einer Kollegin ein Ayurveda- und Yoga-Institut in Wien auf. Als sich seine Geschäftspartnerin aus familiären Gründen zurückzieht, beschließt auch er bald darauf, das florierende Studio zu verkaufen. 2005 macht er sich in Neusiedl am See als Unternehmensberater selbstständig. „Mir hat aber Ayurveda gefehlt“, verrät Antonu. Also richtet er sich quasi neben dem Büro einen entsprechenden Raum ein, praktiziert dort parallel und „als Ausgleich zum Business mit den Zahlen“, wie er beschreibt. Der Neusiedler See zieht den gebürtigen Wiener magisch an, seit jeher ist er Wassersportler. In seiner zweiten Ehe lebt er glücklich seit nunmehr vier Jahren in Weiden am See.


Unterschiedliche Branchen

2015 stößt Helmut Antonu auf die eingangs erwähnte Studie der KMU Forschung Austria; er sondiert den Markt und stellt fest, dass hier eine Lücke klafft. Ob nun etwa Wirtschaftskammer, Steuerberater*innen oder Jurist*innen – sie beraten im Rahmen ihres Know-hows, werden aber kaum aktiv, wenn es darum geht, Nachfolger*innen zu suchen, weiß er. Er schart ein Expert*innen-Team um sich und gründet 2016 die „Nachfolge-Agentur“. Die Vielfalt der Unternehmen, die seither ihre Besitzer*innen mit Antonus Support wechselten, ist bemerkenswert: Sie reicht vom Kosmetikinstitut über Psychotherapie-Praxis und Kindermoden-Shop bis hin zur Lüftungstechnik. „Es kann sein, dass ich am Vormittag bei einem Industrieunternehmen in Linz bin und am Nachmittag in Wien in einem Handelsbestrieb. Ich mag es, in unterschiedlichen Branchen und mit unterschiedlichen Menschen zu arbeiten“, schildert er.

 

 

"Das Schönste ist, wenn am Tag der 'Schlüsselübergabe' beide Seiten glücklich sind."Helmuth Antonu, Nachfolge-Agentur


Je früher, desto besser

Die Akquisition der Kund*innen lief zu Beginn über angekaufte Adressdatenbanken; er kontaktierte Unternehmer*innen, die noch gut 10 bis 15 Jahre bis zur Pension hatten. Die Devise lautet: Je früher man über die Zukunft nachdenkt, umso besser kann sie vorbereitet werden. Schließlich sind auch die Übernahmemöglichkeiten facettenreich. Sie kann innerhalb der Familie erfolgen, es können beispielsweise externe Käufer*innen gesucht werden oder aber – und das erfreut sich größer werdender Beliebtheit – ein/e Mitarbeiter*in oder ein Team aus Mitarbeiter*innen übernimmt. Handelt es sich um ein größeres Unternehmen mit mehreren Gesellschafter*innen, muss ein Konsens gefunden werden; hierfür bieten Antonu und sein Team auch Workshops an. Mittlerweile wird die „Nachfolge-­Agentur“ aufgrund ihrer Erfolge auch ohne viel Werbung gefunden: sowohl von Investor*innen als auch von Kund*innen, die auf der Suche nach Nachfolger*innen sind. Dass die Übernahmen mitunter auch emotional ablaufen können, versteht sich. Dies sei auch mit ein Grund, warum Coach und Mediatorin Sylvia Saringer bei Bedarf an Board ist. „Wir überprüfen in einem sehr frühen Stadium sehr genau, ob der jeweilige Betrieb übernahmetauglich ist. Trotzdem kann es vorkommen, dass manche nicht loslassen können. Bei einem kleinen, gut gehenden Handelsbetrieb vor Jahren waren alle Kriterien erfüllt, der über 70-jährige Chef hat dennoch einen Rückzieher gemacht, weil er plötzlich das Gefühl hatte, dass er danach keine Aufgabe mehr hat“, beschreibt Helmuth Antonu. Wenn die Kinder eigene Wege gehen und nicht die Nachfolge antreten wollen, dafür herrscht heutzutage schon durchaus Verständnis, sagt er; fast ausnahmslos beharren hingegen die Besitzer*innen auf das künftige Wohlergehen ihrer Belegschaft. „Im Normalfall bleiben die Mitarbeiter*innen bei Übernahmen auch tatsächlich im Betrieb.“


Pension und Start-up

Bewegend sind jene Momente, wenn beide Seiten die Schlüsselübergabe glücklich zelebrieren, erzählt Helmuth Antonu. Gerne erinnert er sich an das Projekt „Somnifer“ in Wien; die Eigentümerin wollte nach 35 Jahren ihren Traditionshandels- und Handwerksbetrieb für Schlafkultur in gute Hände geben. Nach zwölf Monaten konnte die „Nachfolge-Agentur“ das Projekt erfolgreich abschließen: Ein studierter Auslands-Banker schlug mit der Übernahme ein neues Lebenskapitel auf. Die Suche nach Nachfolger*innen ist nicht zwingend eine Altersfrage. Ein Beispiel hierzu ist das Getränk „Trinkt Glück“: Der Erfinder verkaufte sein Start-up wegen des rasanten Wachstums, schildert Helmuth Antonu. „Das Getränk wurde innerhalb kurzer Zeit so erfolgreich, dass der Gründer die Weiterentwicklung des Unternehmens nicht mehr nur nebenbei machen konnte – er wollte aber gerne Gastronom bleiben.“


Info: www.nachfolge-agentur.at